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Montag, 5. November 2018

Gut siehst du aus

... oder wie mich drölfzig sicherlich lieb und ehrlich gemeinte Kommentare aus der Bahn werfen.

Der Mann der Besten wurde heute 60 und die Beste organisierte einen kleinen Überraschungs-Umtrunk mit schätzungsweise 30 Gästen. Die Beste und ihren Mann kenne ich, seit ich 16 bin sehr eng, nehme seit Jahren an Familienfeiern teil, ihre Kinder sind meine Patenkinder im Herzen, wenn auch schon beide weit über 20 Jahre alt sind. Demnach kenne ich auch viele der Gäste. Meist aber aber sieht man sich selten; an Feierlichkeiten, an Sport Events, die durchaus seltener geworden sind - zumindest in unserer Altersklasse. 
Am späten Nachmittag machten wir uns nach einem wieder mal aufreibenden Vormittag auf dem Weg dorthin - es gab daheim zwar wenig wirklich zu tun, aber da sind stets Dinge, die mich umtriebig machen, die es zu erledigen gilt und die selten ohne Übellaunigkeit enden.
Ich zog ein neueres Kleid an, freute mich, dass es noch passt, weil hier seit Monaten die Kilos schwinden, somit  manches einfach nicht mehr passt oder aussieht wie ein Kartoffelsack, dem der Gürtel fehlt.
Fünf Mal hörte ich den Kommentar: "gut siehst du aus". Schön, ja wie schön eigentlich.
Aber es haut mich um, macht mich traurig und nachdenklich. Ich mag gut, schön aussehen, weil mein Körper eine ansehnliche Silhouette  hat. Konturen mit Kanten, wo es zuvor jahrelang nur Kurven gab. Nicht, weil ich es selbst so gewählt hätte, sondern weil Medikamente und Hormone meinem Körper zusetzten. Ich habe zu viel gewogen, hatte Bauch, war übergewichtig, wenngleich auch viele sagten: "du bist doch nicht dick". Nein und doch. Ich war viel. Nicht immer. Aber zumindest jahrelang.
Heute bin ich deutlich deutlich weniger, weil ich hineinrutschte in eine mir all zu bekannte Sucht. 
Seit ich in der Pubertät war, stand ich auf Kriegsfuß mit meinem Körper, kanalisierte mein verwundetes Seelenleben in die Körperlichkeit. Bis ich schwanger wurde, war ich gefangen in bulimischer Anorexie, mal mehr, mal weniger. Inklusive monatelangem Klinikaufenthalt. Niemals war ich mir wenig genug, niemals hatte ich ein ausgewogenes, realistisches, gar gesundes Verhältnis zu meinem Körper. Als ich schwanger wurde(wovon ich niemals glaubte, dass mein Körper das nach Jahren der Sucht je schaffen würde), konnte ich all das hinten an stellen. Es galt, für mein Kind zu sorgen und ich konnte ein "normales", ein weitestgehend gesundes Essverhalten zulassen. Es war nach der Geburt nie so richtig perfekt. Mein Selbstbild immerzu zu dick, ganz gleich, ob es 65 oder 80 Kilo waren. Aber ich konnte damit leben, konnte es hinnehmen, ich akzeptierte. Es folgten immer wieder Zeiten mit Gewichtszunahmen aufgrund notwendiger Psychopharmaka. Manche vertrug ich besser, andere eben nicht. Seit einiger Zeit nehme ich nur Notfallmedikationen. Auch hier mal mehr und mal weniger, aber Auswirkungen auf meine Körpermasse hat diese keine.
Seit rund einem Jahr esse ich wenig. Oft sehr wenig. Es schlich sich ein, ich verlor aufgrund viel zu vieler äußeer Anforderungen und Umstände den Appettit - wie so mancher es eben tut. Ist das Leben stressig, traurig, schwierig, anstrengend, reagiert jeder anders. Essen macht mir dann keine Freude mehr. Obwohl ich ein Genuß-Mensch bin. Wie sehr ich gutes Essen doch eigentlich mag! Aber seit dem Tod des Stief-Vaters war es mir gleichgültig, seit Beginn der Erbstreitigkeiten erst recht. Zudem nahmen die Belastungen daheim permanent zu. Wie es dann so ist: das Essen fällt irgendwie hinten rüber. Es dauerte nicht lange und es wandelte sich: es war eben nicht mehr nur ein Appetenzverlust, sondern wurde zur Essensverweigerung. Ich aß nur, wenn ich gesehen wurde, aß nur, um nicht aufzufallen. Jedes bisschen Nahrung in mir war zuviel, fühlte sich an wie ein Stein in mir. Ganz manchmal ertrug ich eine Mahlzeit, die objektiv betrachtet zumeist nicht mal eine wahre Mahlzeit war, nicht in mir und ich erbrach sie. Nicht oft, aber es kam eben vor. Die Waage wurde mir Freund und Feind, der Tag definiert durch einen Gewichtsverlust oder eine Zunahme. Ich verlor weit mehr als ein Viertel meines Gewichtes. Ich bin heute (wieder) schlank. 2-3 Kleidergrößen Unterschied zu letzten Herbst. Ich halte mich fest en meinen Knochen, die Hüftknochen stehen heraus, man sieht die Schlüsselbeine. Oftmals habe ich eben diese in der Hand, streiche darüber, spüre ihre so wunderbare Härte. 
Da sind Menschen, die sich sorgen. Menschen, die meine Geschichte kennen. Ich belüge die, die mir nahe stehen in der Regel nicht mehr. Zur Not lasse ich sie gar kontrollieren, wie mein Gewicht ist, wenn sie mir nicht glauben mögen, was die Zahl auf der Waage sagt. Ich gehe offensiv zum Hausarzt und kläre Blutwerte, lasse Mangelernährungszustände checken. Loslassen kann ich aber nicht. Ich bin im unteren Mittel des Normalgewichtes, aber ich bin mir zu viel. Ich schwanke zwischen dem objektiven Wissen, der objektiven Betrachtung und kann dennoch mein Empfinden von Körperschema nicht positiv beeinflussen. Ich bin mir zuviel. Und ich weiß, dass mein Vorsatz, mir nicht mehr zuviel zu sein, wenn ich Gewicht xy erreicht habe, keinen Bestand haben wird. Auch dann werde ich mir zuviel sein. Ich bin gefangen in der Sucht, auch und obwohl ich so vieles weiß, so vieles durchschaue. Ich halte fest an ihr und ich halte mich an ihr fest. Ich sehe momentan keine Auswege, kann momentan keine Hilfen annehmen. Wobei ich reden kann. Thematisieren kann. Wobei ich nicht verleugne. Zumindest einem ausgewählten Personenkreis gegenüber. Das ist weit mehr als früher. Ich erkenne, habe früh erkannt. Dagegen wirken konnte ich dennoch nicht.  
Sie ist nur eines von vielen Übeln, diese Sucht. Oder ein Resultet viel zu vieler Anforderungen, viel zu vieler Entgleisungen im Außen, die ich nicht beeinflussen kann, sondern tragen und obendrein managen muss. Aber sie zehrt selbstredend. Ich gewinne - anscheinend zumindest - Kraft durch Kontrolle, Kraft durch Erfolg im Gewichtsverlust. De facto aber verliere ich an körperlicher Substanz. Das Leben ist anstrengend, alles was mich umgibt fordert. Sehr. Oft permanent. Ich setze durch die Sucht noch einen oben drauf.
Da sind Massen an ambivalenten Gefühlen. Gefühle, die die Sucht mir eintrichtert, Gefühle, die die objektive Betrachtungseise mit sich bringt. Und viele Gefühle, die die Reaktionen von außen in mir auslösen.
Allem voran: das Ding mit dem Essen oder Nicht Essen ist meins. Mir wäre es lieb, wenn das einfach keiner sieht oder mitbekommt. Weder was und wieviel ich esse, noch wie mein Körper sich verändert. Auch wenn ich (noch ein bisschen) fern bin vom Untergewicht: knapp 30 Kilo Gewichtsverlust seit letzten Sommer lassen sich nicht verbergen. Nicht die veränderten Körperformen, nicht das spitze Gesicht, nicht die eingefallenen Wangen.  Auch wenn ich alles gern verbergen würde. Ich möchte gar nicht, dass jemand auf die Idee kommt, Rückschlüsse zu ziehen.
 Andererseits aber bin ich schockiert.
"Gut siehst du aus". Wer sagt das - und wann? Ich kann mich kaum erinnern, häufig Kommentare zu meinem Aussehen bekommen zu haben wenn ich mit 80 Kilo ein Kleid trug. Ein schönes Kleid.  Ich bekomme so oft Kommentare momentan, wie gut und toll ich aussähe. Welche Größe ich jetzt wohl trüge. Und und und.
Warum? Diese Gesellschaft scheint sich nur zu definieren über Super Maße, oftmals sogar wohl die Frau in dieser Gesellschaft scheint all zu oft darüber definiert zu sein. Ist denn die Frau über der "Norm" nicht schön? Bin ich denn wertvoller, wenn ich Kleidung in 36 oder 38 tragen kann, als wenn ich zur 44 greifen muß? Es ist so grenzüberschreitend, eben dies gefragt zu werden. Was geht denn beispielsweise die Schwägerin der Besten meine Kleidergröße an? Natürlich kann und muss ich da meine Grenzen stecken. Es schockiert mich aber so unglaublich, wie sehr Anerkennung verbunden zu sein scheint mit dem Körper; zudem, wie sehr ein Körper schlanken Erscheinungsbildes suggeriert, dass eben alles gut ist.
Nichts ist gut und eigentlich liegt mir ja auch fen, das in aller Öffentlichkeit zu diskutieren.Ich weiß doch, dass die Menschen, die mir ferner sind und die so etwas sagen, ein Kompliment intendieren. Natürlich fühlt es sich gut an, gespiegelt zu bekommen, "gut" aus zu sehen. Ich kann das durchaus heute auch so hinnehmen und glauben, was ich füher niemals tat. Deckungsgleich mit meiner eigenen Empfindung ist das trotzdem nicht. Ich bin mir  zu viel. Deutlich zu viel. Darum gehts es mir gerade aber nicht, sondern darum, dass ich so fassunglos bin, wie sehr Klischees verankert sind, wie sehr das Außen Ton angebend ist für das  Innen eines Menschen.  Wie viel wertvoller "Schlank sein" zu sein scheint, als es eben nicht zu sein.
Mein Innen, meine Geschichte binde ich nicht jedem auf die Nase, keineswegs. Trotz gewonnener Offenheit in all den Jahren mit Erkrankung bin ich weiterhin gern im Team "Klappe halten". Ich kann allerdings ehrliche Nachfragen ab,  verstecke meine Geschichte ansich nicht. Jeder darf immer fragen, und beonders Menschen, die mir nahe stehene, bekommen ehrliche Antworten und ich scheue auch nicht das Gespräch. Aber ich falle auch nirgends mit der Tür ins Haus.
Es ist komplex, es wundert mich einfach sehr, wie es eben so ist. Sicherlich triggert das auch etwas in mir an, wenn eben vielleicht zufällig gehäuft ernst gemeinte Komplimente kommen, die ohne Hintergedanken sind. Aber weiter darüber nachgedacht, bestürzt mich eben das Bild, was in der Gesellschaft vorzuherrschen scheint. Möglicherweise bin ich empfindlich momentan, weil das Leben gerade in seiner Gänze ier kein Einfaches ist und eine bestehende Auswegslosigkeit uns alle ein klein wenig oder ein klein wenig mehr lähmt.
Vielleicht versuche ich einfach das "du siehst gut aus" in mich hinein zu nehmen und es für gut zu nehmen, als die Abwesenheit der Kommentare bei 25 Kilos plus. Manchmal ist es wohl besser, sich das tollste Stück Kuchen abzuschneiden und den Anderen die matschigen Reste zu überlassen. Ich verscuh das mal - sonst wird der Start in die neue Woche wohl eher bescheiden...

Mittwoch, 17. Januar 2018

So Sport

Ich bin eigentlich ein bekennender Sport Muffel. Eigentlich. Der Herzensport hat mir schon Spaß gemacht, aber so insgeheim gab es auch dort einen überdimensionierten Schweinehund. Aber beim Mannschaftssport konnte ich den ganz gut überwinden. Ich fand nur nie einen Alternativsport. In Ansätzen gefällt mir Rad fahren. Mountainbiken - in gemäßigtem Tempo. Aber die Berge und die Ausdauer - und der Schweinehund machen es mir nicht so leicht.
Nun gibt es aber ein Ziel. Einen Zeitpunkt im Sommer und viele Leute, die mit machen. Das Ziel ist ziemlich verrückt und ziemlich dreckig. Und irgendwann erzähl ich auch davon. Und dieses Ziel führt zu diversen regelmäßigen Sportverabredungen.

Gestern twitterte ich dies:



Und ging zum Sport. Und eigentlich lag ich da nur rum. Es war sogar auch ganz nett. Aber ich habe wirklich nur auf der Matte gelegen und n bisschen rumgehampelt.

Heute nun bin ich mir meines Rumpfes (und der Fehlentscheidung!!) recht bewusst. Und habe an so wundersamen Stellen offensichlichen Muskelkater, wo ich noch niemals Muskelkater hatte. Dass sich nach Crunches halt ein wenig Bauchmuskelkram einstellen würde, da war ich ja drauf gefasst. Aber die Rippen? Die Hüften? Mannomann.

Morgen geh ich da vermutlich verabredet erneut hin (Aber vielleicht stell ich einfach das Telefon und die Klingel aus und tu so, als wär ich gar nicht da). Auf Dauer könnte ich ja einfach  die Hoffnung hegen, dass das nach ein paar Malen möglicherweise keine schmerzhafte Rumpfbewusstheit mehr nach sich zieht. Raus komm ich aus der Nummer sowieso nicht mehr. Aber so ganz eigentlich soll das ja sogar gut sein, so Sport. Ich versuche in den nächsten Monaten dann mal, ein wenig Gefallen daran zu finden. Ich fürchte, das wird n hartes Ding.

Montag, 8. Januar 2018

Vom Übergang

Wir sind nun nicht so die großen Party Menschen. Vielleicht auch einfach nicht mehr. Und irgendwie war das letzte Jahr sicherlich keines der allerbesten. Und auch, wenn ich nix davon halte, das neue, kommende, noch unverbrauchte Jahr irgendwie zu glorifizieren aka  "alles wird besser", war ich eingestellt auf einen recht ruhigen Übergang im Kreis lieber Menschen. 
Aber so ganz kurzfristig änderte sich der Plan - und das war so gar keine Option für mich. Ich brach ziemlich zusammen und suchte, nachdem ich mich halbwegs gefangen hatte, Alternativen. Daheim bleiben wäre eine Option gewesen. So prinzipiell. Wenn wir denn alleine leben würden.  Alles in mir schrie aber nach Abstand, nach meinem Leben, nach meinen Wünschen. Und keine der noch bestehenden Alternativen passte.

Letzlich verbrachte ich den Übergang allein unter Fremden. Aber eigentlich vor allem allein mit mir. Im alten Gemäuer eines Landgutes, umgebaut zum recht großen Tagungshotel. Mit zwar vielen Zimmern - aber nahezu alle Gäste hatten ein Silvesterarrangement gebucht. Mit Frei Essen und Trinken, mit live Musik und Tanz und Bar. 
So war das bis 23.30 geöffnete Spa quasi meines. Und nach dem zweiten Versuch "Dinner for one" - auf NDR lief es tatsächlich in Farbe! Frevel - besuchte ich zwischen halb sieben und 23 Uhr mehrfach Sauna, Sole Sauna, Sole Dampfbad, die Ruheliegen, das Schwimmbad und wieder von vorn. Dabei las ich ein langes Buch und war einfach nur mit mir.
Gegen 23.45 Uhr setzte ich mich frisch geduscht und warm eingepackt in den langen gemauerten, überdachten Eingang mit meinem Piccolo aus der MiniBar vor eine Feuerschale und sah den in einiger Entfernung stehenden Menschen des Arrangements beim Wunderkerze halten zu. Diese gingen fast alle schnell wieder hinein, weil es arg kalt war und das kleine Schwarze dann doch recht dünn zum in der Kälte herumstehen.
Ich las weiter, trank noch ein Sektchen und setzte mich auf dem Weg zum Zimmer anschliessend noch ungeplant ein Stündchen vor dem Kamin, der auf dem Weg lag.

Ein halber Tag nur ich und meine Bedürfnisse. Nicht perfekt - aber schon ziemlich gut. Entstanden aus einem prinzipiell blöden Grund, aber ich habs gelöst. Gut gelöst. HerrNebeL war stolz auf mich, die Kinder haben mich ein wenig vermisst (aber nur ein wenig). Dennoch hatten alle anderen der Familie am ursprünglich geplanten Ort in erweiterter Besetzung einen sehr schönen Abend.

Ein kleiner Anfang vielleicht für ein bisschen mehr "ich" in meinem Leben.



Dienstag, 2. Januar 2018

Ausweglosigkeiten

Schreiben, eigentlich könnte und wollte ich Vieles schreiben. Andererseits aber würden geschriebene Worte möglicherweise noch mehr an Realität gewinnen, als die Dinge, die passieren es natürlich schon sind. Ich würde möglicherweise noch mehr sehen, als ich eh schon gezwungen bin zu sehen, mich noch mehr auseinandersetzen mit den tagtäglichen unangenehmen Überraschungen und sich stets neu entordnenden Dingen, die von mir ein stetiges, ordnendes Eingreifen verlangen. Vielleicht würde ich mir noch mehr eingestehen, dass ich kaum mehr nach Hause kommen möchte, als es das nagende Gefühl auf dem Heimweg bereits zeigt; vielleicht würde ich noch mehr von der Angst bemerken, als das dumpfe unbestimmte Gefühl, dessen Auslöser und dessen Namen ich doch eigentlich genau kenne. Manches scheint nie mehr ein Ende zu nehmen und vieles wird zweifelsohne schlimmer. 
Ich funktioniere weiterhin an vielerlei Fronten. Und breche an mancher ein. Meine Kinder haben mir noch niemals so oft gesagt, wie sehr sie mich lieben, wie sie das im Augenblick tun. Das ist wunderschön, ja, aber es zeigt mir auch, wie sehr ihre Antennen im steten Wind meines, unseres diffusen Durcheinanders anschlagen. Ich halte mich, muss mich halten in allem und weiß genau, dass die Art und Weise des Halt - Suchens keine gesunde ist. Verliere mich in selbstgeschaffenen, mir Sicherheit gebenden Strukturen, die aber objektiv betrachtet auf Dauer mehr meines Selbst nehmen als hilfreich zu sein. Sie haben gerade einen unmittelbaren Nutzen, sonst gäbe es sie nicht, sonst wären sie nicht aufgetaucht und hätten mir ihre Hand gereicht, die ich dankbar ergriff. Ich weiß, dass sie eine Art Raubbau bedeuten und mich irgendwann umwerfen werden. Dennoch aber weiss ich keine Alternative und habe wenig Kraft, nach einer zu suchen.
Die Tage sind zu kurz für die zu erledigenden Dinge, die Dinge sind zu kompliziert und erfordern zuviele Konsequenzen. Die direkte Umwelt bagatellisiert zu sehr, selbst wenn ich dezidierte situative Einblicke gebe. Die externen Hilfsmöglichkeiten sind begrenzt im Moment, zumindest die, die in die bestehende Situation greifen könnten. Die externen Hilfsmöglichkeiten für mich selber sind noch begrenzter und an mancher Stelle setzen sie mich mehr unter Druck, als das sie nutzen würden oder sie scheinen die mich umgebende Hoffnungslosigkeit oder Auswegslosigkeit der Situation nur zu bestätigen. Oben auf die Situation ansich fallen durch sie selbst hervorgerufene Existenzängste, sich daraus ergebende Handlungsnotwendigkeiten, die ich nicht auch noch auszuführen in der Lage bin. 
Kurzum: wenn ich all dies konkret aufschriebe, fürchtete ich, dass ich mich noch viel mehr mit all dem, was ich nicht zu bewältigen in der Lage zu sein glaube, konfrontiert sähe. So setze ich "einfach" nur innerlich wissend immer einen Fuß vor den anderen, strauchele zuweilen, stehe auf und halte mich an zweifelhaften Dingen um überhaupt einen Halt zu haben, und funktioniere. Zuweilen ist da die ein oder andere Insel, in der es Raum und Zeit und manchmal auch Schönes für mich gibt. Aber momentan überwiegt das offene, bedrohliche Meer.
Manchmal wünsche ich mir die Leichtigkeit und Unbeschwertheit, die ich glaube, dass es sie irgendwann hätte geben können aber kaum je gegeben hat. Manchmal wünsche ich mir, dass da eine Zeit kommt, die keinen Kampf bedeutet. Tatsächlich jedoch scheinen sich offensichtlich nur die Gegner zu wandeln, als das es jemals ein Ende hätte, dieses kämpfen.

Freitag, 29. Dezember 2017

Jahresrückblick 2017

                                  (nach Lektüre bei Frau Brüllen noch ein wenig mit zusätzlichen Fragen editiert ...)


Ganz grob auf einer Skala von 1 bis 10: Wie war Dein Jahr?
Maximal eine 3.

Zugenommen oder abgenommen?
Abgenommen.
 
Haare länger oder kürzer?
Wie meistens gleichbleibend lang.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Wie immer kommt es hier auf den Standpunkt an. An vielen Stellen bin ich kurzsichtiger, in der Hoffnung, zumindest zunächst mal einen kleinen, momentbehafteten Gewinn davon zu tragen. Im Großen und Ganzen jedoch weitsichtiger. Erschreckend und beängstigend viel weitsichtiger.

Mehr Kohle oder weniger?
Gleichbleibend.
 
Besseren Job oder schlechteren?
Am selbem Ort und an selber Stelle. Zufrieden mit der Arbeit dort ansich. Leider mit personellen Veränderungen aus dem letzten Jahr, die ich mir für mich persönlich zumindest so nicht gewünscht hätte. Die, die ich verabschiedete, fehlen mir.
Zudem gab es im Team eine große menschliche Enttäuschung. Von daher: eindeutig schlechtere Umstände im Job.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Ich denke gleichbleibend, die Zahnimplantate muss ich erst im Februar bezahlen ;-).
 
Dieses Jahr etwas gewonnen und wenn, was?
Erkenntnisse. Einige, auf die ich sehr gern verzichtet hätte. Aber auch die ein oder andere, die ein Stück tragen kann.

Mehr bewegt oder weniger?
Ich habe viel bewegt. Wenn auch nicht mich im sportlichen Sinne. Aber in meiner Familie, bei meinen Eltern und um sie beide herum.
 
Anzahl der Erkrankungen dieses Jahr?
Was zählt zu Erkrankungen?!  Oder was zähle ich dazu? Die Grippe Anfang des Jahres in jedem Fall. Bei den weiteren tue ich mich tatsächlich schwer zu sagen, dass es Erkrankungen sind, obwohl sie es objektiv zweifelsohne sind. Aber zählbar sind die nur schwerlich.

 Davon war für Dich die Schlimmste?
Schlimm war in jedem Fall die schwer depressive Zeit vor allem wegen völliger Erschöpfung und dem Tod des Vaters, die unterschwellig kraftraubend andauert. 
 
Der hirnrissigste Plan?
In Strande Privatzimmer zu nehmen.
Dem großen Kind im nächsten Jahr eine Flugreise ohne uns zu erlauben... 

Die gefährlichste Unternehmung?
Gemeinsam mit den pflegebedürftigen Eltern einen ungewissen Urlaub zu verbringen.
 
Die teuerste Anschaffung?
Eigentlich die Entscheidung, Zahnimplantate machen zu lassen. Die aber, wie oben bereits vermerkt, erst im nächsten Jahr endgültig angeschafft sind. Darüber hinaus nur so Alltagsdinge, wie Autoreparaturen und dergleichen.

 
Das leckerste Essen?
Auf dem Weg zur Kieler Woche in einem Hotel bei Bremen: die wohl letzte wirkliche gemeinsame Mahlzeit mit meinem Vater. Wir aßen dasselbe: Bandnudeln in einem Riesen-Laib Parmesan geschwenkt.
 
Das beeindruckendste Buch?
Da ich eigentlich nur triviale Fantasy las - keines. 

Der ergreifendste Film?
Ich habe für mich keinen einzigen Film angesehen. Aber als die Kinder Ostwind sahen, hab ich schon gekniepert.

Die beste CD?
Ich habe keine einzige CD gekauft, es gab einzelne, beste Lieder diverser Interpreten. Linkin Park, Adel Tawil, Lacrimosa fallen mir spontan ein.

Das schönste Konzert?
Giora Feidmann plays Beatles
und
Helmut Eisel trifft Matthias Schlubeck (Klarinette mit Panflöte)

Die meiste Zeit verbracht mit?
Der Familie, Arbeit, Dokumentenkram, letzteres zumindest gefühlt.
 
Die schönste Zeit verbracht mit?
Der Familie

Zum ersten Mal getan?
Eine Seebestattung erlebt. 
.
Nach langer Zeit wieder getan?
Mich übergeben. 

Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Krankheiten der Eltern, deren Folgen für mich, den Tod des Vaters, den Erbstreit, ein Mitarbeitergespräch.

Vorherrschendes Gefühl 2017?
Ohnmacht voller Tatendrang


Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte? 
Ich überzeugte alle davon, dass ein Urlaub am Lieblingsort zur Lieblingszeit möglich ist, aber niemals allein.
 
Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Dem Vater seinen Lebensabschiedsurlaub. Und genauso auch meiner Mutter. Und mir. Und der Schwester.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Vertrauen. Tiefes Vertrauen in mich.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
Ich lieb Dich auch und bin so dankbar, dass Du das für mich tust.
 
Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
Kann ich nicht beurteilen. 

Dein Wort des Jahres? 
Kieler Woche
 
Dein Unwort des Jahres?
Pseudo-Demenz.

Dein(e) Lieblingsblog(s) des Jahres?
Ich bin sehr froh über jeden Blog, den ich noch von "früher" kenne, der nicht überfüllt ist von Werbung und Zeugs. Und traurig über so manchen, den es nicht mehr gibt.

Dein grösster Wunsch fürs kommende Jahr?
Ruhe. Seelenfrieden. Lebensliebe. Raum. Entspannung. (Auch, wenn das mehrere Wünsche sind. Hängen aber sehr eng beieinander. Ich nähm auch nur einen, wenigstens einen.)


2016

Mittwoch, 15. November 2017

Unsichtbar

Die Zeiten, in denen selbst geschriebene Worte nicht  bekleiden können, was in mir ist, sind schwierige. Denn wenn selbst das nicht gelingt, sind die gesprochenen Worte noch weit mehr von meiner eigenen Lebenswirklichkeit entfernt und mir gelingt es nicht, mitzuteilen, was ist. So steht da die Fassade, die mich aufrecht gehend hält und mal mehr und mal weniger blank geputzt ist. Meine Diskrepanz zum Innen zeigt sie nicht. Und so sind die wortlos gewordenen und somit unaussprechbaren und nicht zu verschriftlichenden, im Untergrund schwelenden Dinge unsichtbar und unhörbar für die Welt.

Sonntag, 12. November 2017

Kapazitäten

Die letzten Monate, an manchen Stellen vielleicht das letzte Jahr, kann ich für mich vielleicht kurz so zusammenfassen: Ich habe eindeutig ein Kapazitätsproblem. 
Neben dem Wissen um den drohenden Tod des (Stief)vaters und der zunehmenden dementiellen Entwicklung der Mutter lief der normale Alltag weiter. Ich im Beruf, HerrNebeL noch mehr, Kinder, deren Bedürfnisse, deren Termine. Und das, was obendrauf kam, steigerte sich naturgemäß. Verschlechterung der Krankheit, beginnende Pflegebedürftigkeit, mehr und mehr erforderliche Hilfestellung. Er starb und mit ihm ging vieles, was er im Alltag der Eltern übernommen hatte. Das Bild, was ich vom Vergessen der Mutter hatte, vervollständigte sich in den letzten Monaten und neben der Übernahme all der zu erledigenden Dinge, geschehen hier nahezu täglich kleinere oder größere Katastrophen. Die Verantwortlichkeiten verschieben sich. Ich habe diese nicht mehr nur für meine Kernfamilie, sondern muss sie mehr und mehr übernehmen für meine Mutter. Nicht nur Verwaltungsaufgaben, administrativen Papierkram oder dergleichen, sondern an so vieler Stelle alltagspraktisches Mitdenken, Aufpassen, Kontrollieren, Suchen, Entscheidungen mittragen und auch sanft lenken. Täglich. Abgesehen von dem, was dann aktiv für mich einach zu tun ist, muss ich auch in mir damit zurechtkommen, dass die Frau, die jahrelang Verantwortung für mich trug nun die ist, die meiner Verantwortungsübernahme bedarf. Eine Verantwortungsübernahme, die mir ungleich schwerer fällt, als die beim Vater, wo es vor allem um  Hilfestellungen bei körperlichen Gebrechen  ging.
Daneben ein Erbstreit, schwelende Trauer, für die es nach wie vor wenig Raum gibt, emotionaler Stress am Arbeitsplatz, ein pubertierendes und ein präpubertierendes Kindelein, ein verkorkster, unerholsamer Jahresurlaub, die kurzfristig aufgetretene Notwendigkeit, uns "mal eben" und am besten gestern für ein neues Auto entscheiden und dies auch möglichst gestern erwerben zu müssen und all die nicht aufzählenswerten, sich aber summierenden Dinge, die eben so anfallen. Obendrauf eine in dem Fall für uns unglückliche Wohnungs- und Raumsituation, die wenig Rückzugsmöglichkeiten bietet - für uns als Einzelpersonen der Kernfamilie und insbesondere für mich als Tochter meiner unter uns lebenden Mutter.
Ich bin nicht verwundert, dass die Limits erreicht sind, inzwischen nicht mehr nur meines, sondern auch das von HerrnNebeL. 
Ich suche Zuflucht im Funktionieren und "einfach Machen", irgendwo zwischen Akzeptanz und Resignation, wohl wissend um die Gratwanderung. Nach wie vor ist an vieler Stelle klar, was wichtig wäre. Wenn das irgendwo Thema ist, höre ich wohlgemeinte Ratschläge dessen, was ich selber weiß. Aber selbst, wenn es Möglichkeiten gäbe, Dinge umzusetzen, so mangelt es an den dazu nötigen Kapazitäten: Kraft, Energie, Zeit. Denn das Leben kostet schon ohne das Beachten, ohne das Suchen oder gar Finden meiner Bedürfnisse so viel von diesen, dass da nirgends mehr Raum ist. Jede kleine Tätigkeit, um die nicht drumherum komme, zehrt an den Reserven und das Reservoir ist bereits aufgebraucht, bevor ich auch nur ansatzweise an mich denken kann. Ich stehe derzeit mitten im NebeLmeer auf einem Floß, weit entfernt von sichtbaren Küsten oder ruhigen Gewässern. Momentan stehe ich erstens immerhin wieder darauf und wieder sicher(er), aber ich weiß, dass ich schnell stürzen kann. Ich suche nach Wegen, nach der richtigen Richtung und pendele eben zwischen dieser resignierten aber aktiven Akzeptanz, weiter machen zu müssen und dem mich ausgelaugt treiben lassen.

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Schlagworte

Perspektivlos.
Hoffnungslos.
Aussichtlos.

Auch wenn der Verstand es besser weiß. 
Das Innen spürt das leider nicht.

Dienstag, 10. Oktober 2017

Schwere

Diese Schwere, die mich verzweifeln lässt. Jeder einzelne kleine Schritt kostet unendlich viel Kraft. Das Gefühl, nicht mehr weiter zu können. Das Gefühl, nichts mehr schaffen zu können. Das Gefühl, komplett überfordert zu sein mit kleinsten Anforderungen. 
Ich stehe trotzdem auf, ich mache trotzdem weiter, weil mein Kopf weiß, dass es geht. Es geht mir bescheiden dabei und mehr als einmal frage ich mich, wo die Kraft, die ich doch gar nicht zu haben glaube, eigentlich her kommt. 
Es ist schrecklich, morgens aufzuwachen und zu merken, da ist weniger Substanz als es noch am Abend gab; schrecklich zu wissen, dass da ein langer Tag vor mir liegt, den ich wieder irgendwie überstehen muss. Es ist schrecklich, unterm Strich wenig Verbesserung zu spüren. Es ist schrecklich, trotz des Wissens der Veränderung weiterhin gegen einen Sog anschwimmen zu müssen, wofür fühlbar keine Kraft mehr übrig zu sein scheint. Eigentlich weiß ich nicht, wie es weitergehen soll, ich weiß nicht, wie lange die Kraft, der ich mir schon jetzt nicht sicher bin, noch reichen kann. Ich bin hilf- und perspektivlos und habe keinerlei Ideen, wie ich das ändern können soll.

Montag, 9. Oktober 2017

Status

Die letzten Wochen waren geprägt von Aushalten, Ertragen und vor allem irgendwie Überleben. Es gab gar keinen Raum, irgendwo hin zu spüren, weil es nur noch schwer war, das Leben. Schwer, schlimm und an mancherlei Stelle kaum erträglich. Ich habe ausgehalten bis jetzt, bis sich in das bloße Überleben kleine Momente von Durchatmen und noch kleinere Momente von Erholung mischen. Ich habe bisher immer ausgehalten. Viele Male. Und vermutlich kann ich sagen, dass das durchaus gut und wichtig ist in Zeiten, in denen ich verzweifelt und hoffnungslos bin. Zeiten, in denen ich sicher bin, dass der Nebel, die Dunkelheit und die Schwere sich niemals lichten werden. Zeiten wie jetzt. Irgendwann haben sie sich bisher immer gelichtet. Der Verstand hält mich fest, weil er genau das weiß.
Es ist vieles in Bewegung und es ist immer noch schwer, an vielen Stellen. Manchmal scheint es ein wenig weniger schwer als noch 2,3 Wochen zuvor. Dazu "leichter" zu sagen wäre aber nicht treffend. Dennoch verliere ich weiterhin die Stunden und Tage. Wann war gestern und vor allen Dingen was war eigentlich gestern? Oder den Tag davor? Als löschten sich Momente, Erinnerungen von selbst, viele davon. (Eigentlich muss ich mich gar nicht wundern, dass die beiden Freundinnen, mit denen ich viel Zeit in den letzten 25 Jahren verbrachte, mir immer und immer wieder verschiedenste Dinge erzählen, an die ich mich erinnern sollte - und es in so vielen Fällen nicht kann. Ich bestreite oft, dabei gewesen zu sein - wobei Fotos das Gegenteil zeigen. Ich erinnere wenig.)
Die Messlatte liegt weit unten und ich zwinge mich immer wieder, wahrzunehmen, was es darüber geschafft hat. Das Lesen eines Artikels, vielleicht gar ein halbes Kapitel in einem Buch. Kochen. Duschen. Essen ohne mich anschließend übergeben zu müssen, weil meinem Körper scheinbar nicht nach Essen ist. Freunde, liebe Menschen treffen für eine Weile. 
In manchen Momenten ist Ruhe eingekehrt, da ist weniger rastloses Tun und Denken -  aber es pendelt hin und her und irgendetwas kann sich dann nicht für Rasten oder Rastlosigkeit entscheiden und vereint es im bewegungslosen Daliegen und gleichzeitiger Gedankenkarusselfahrerei. Oder da sind plötzlich Tage, an denen ich kaum aufhören kann zu weinen, obwohl ich noch niemals jemand war, der gut weinen konnte. Weiterhin bin ich zumeist entrückt, finde mich schwer nur zurecht in der Welt. Lautstärke aushalten ist schwierig und kostet viel Kraft. Ebenso kostet es Kraft, im Kontakt zu sein, was aber andererseits so wichtig ist, um diesem Leben nicht komplett zu entrücken.
Ich vermag tatsächlich gar nicht zu sagen, ob es besser ist als vorher. In jedem Fall ist es anders und es ist in Bewegung - und anders ist erstmal nicht verkehrt. Die Intensität ist weiterhin hoch und das Leben verlangt mir derzeit viel ab, ohne dass ich viel tue. Ich überlebe weiterhin, ich halte weiterhin aus und versuche mich fest zu halten an schönen Momenten. Das allerdings ist eine Aufgabe, die trotz der Tatsache, dass ich wenig "tue", eine fast unerklärbar schwere ist.

Dienstag, 12. September 2017

Willkommen

Willkommen sein. Ein gutes, schönes tragendes Gefühl. Ich fühle mich an vielen Stellen willkommen. Mein Lächeln, meine Geduld, meine Art. Manchmal auch mein Humor. Meine Empathie. Meine Fähigkeit zuzuhören. Mein Wille, mich einzusetzen für irgendetwas,das ich als wichtig erachte, zumeist meine Mitmenschen. Ich bin willkommen als Zuhörer. Bin willkommen als jemand, der an vielen Stellen vieles meistert. Bin willkommen als jemand, der "da" ist für Andere. Auf jeden Fall trägt das.
Aber so manches Mal fühle ich mich nicht willkommen. Ich fühle mich nirgends mehr willkommen, wenn das Licht erlischt. Wenn es dunkel wird in mir. Wenn meine Gedanken und Gefühle befremdlich sind. Wenn ich nicht mehr einfach zu sein scheine, sondern scheinbar plötzlich kompliziert. Wenn mein Erleben sich nicht mehr deckt mit dem der anderen, Wenn meine Welt zu laut ist und zu hell. Wenn ich zurückschrecke vor unerwarteten Berührungen, wenn ich erschrecke bei unerwarteten Bewegungen und Geräuschen. Wenn da Dinge sind, von denen ich weiss, dass sie nicht sind. Es ist nicht nur mein Rückzug, mein Rückzug, der im krank sein begründet liegt und nur durch viel Kraft überhaupt an der ein oder anderen Stelle überwunden werden kann. Es ist auch der Rückzug der Anderen. Weil ich wunderlich bin, Weil manch einer nicht weiss, was er tun soll. Weil manch einer sich distanziert von diesem anstrengenden Sein, das in mir wohnt. Ich fühle mich zuviel.  
Und es ist wieder und wieder dasselbe: da ist kein Raum für das Anders sein. Da ist kein Raum für Fehl-erleben. Da ist kein Raum für Wunderlichkeiten. Da ist kein Raum für Dunkelheit, da ist kein Raum für befremdliche Gedanken. Ich fühle mich raumlos und menschenfern. Nicht angenommen mit allem, nur das Einfache und Gute hat Platz. Vielleicht mag das unfair klingen, da ich ja weiss, dass manch einer sich bemüht, manch einer an dieser oder jener Stelle auch etwas sagt.  Manch einer anbietet: hey, ich bin da. Zumeist aber ist die Entfernung - selbst oder gerade wenn es zu Momenten kommt, in denen ich zeigen kann, was ist - groß und vergrößert sich eher noch. 
Ich bin haltlos in einem Leben, das ein dunkles ist und mir mehr abverlangt als ich auf Dauer zu tragen vermag. 
Ausgesucht habe ich mir das nicht. Ein wenig bin ich vielleicht so geboren, vor allem aber hat mein Leben mich zu dem gemacht, was heute ist.  Ich kann mich nicht entscheiden, mit oder ohne Erkrankung zu leben. Ich habe mich nicht entschieden, zu erkranken. Manchmal kann ich entscheiden, wieviel Raum ich ihr gebe. Oft aber bin ich entscheidungs- und machtlos. Und kann nur sehen, wie ich klarkomme. Wie ich überlebe.

Sonntag, 10. September 2017

Pläne und Realitäten.

Eigentlich war mein Plan, dieses Wochenende quasi nichts zu tun. Die einzige Verabredung traf ich im Vorfeld mit meinem Fernseher, um das BVB Spiel am Samsatg anzusehen. Bitter nötig ist mir eine Pause. Das ist insgesamt schwierig, weil die verschiedenen Situationen das nicht hergeben - Leben im Mehrgenerationenhaus, Schlafen im familialen Wohnschlafraum, viele zu erledigende Dinge bei laufendem Erbstreit, und zusätzlich einem rastlosem Inneren bei viel zu vielen dunklen eigenen Gefühlen undsoweiterundsofort. Aber vorgenommen hab ich es mir immerhin...
Fakt war dann, dass ich mittags der Mutter bei diversen Dingen half, K2 zur Geburtstagsparty brachte, eben noch schnell vergessene Einkäufe erledigte, zudem K1 eine dringend benötigte Sweatjacke kaufte und mit dem Gatten gemeinsam die Waschmaschine wieder herrichtete (sie pumpte kein Wasser mehr ab). Aber - dann sollte ja der Nachmittag kommen. Ich frühstückte Chips (weil Essen vor dem Nachmittag momentan einfach nicht geht) vor dem laufenden BVB Spiel, bis nach einer Viertelstunde die Mutter zu mir nach oben kam. Fortan schauten wir gemeinsam, bestellten spontan Sushi zum Abholen, aßen selbiges nach dem Spiel und gingen mit dem kleinen Kindelein aufs Pfarrfest nebenan, wo das große Kind und HerrNebeL bereits für den Verkauf grillten.
Bis auf die Hilfe am Mittag (die viel Geduld erforderte) war das eigentlich recht entspannt. Fort von daheim führten wir bei einem Glas Wein (die Mutter) und 2,3 Cocktails (ich) schöne Gespräche. Darüber, wie wir die Welt sehen, den Erbstreit beurteilen. Darüber, wie wir meinen Vater, ihren Mann empfanden. Und manches von früher.
Es ist schön, so mit ihr zu reden. Zumal ich dann auch in den Hintergrund drängen kann, wie hilfsbedürftig sie an so vielen Stellen ist. Natürlich hat sie immer noch ihre Empfindungen, Meinungen, die aus ihr heraus kommen und nicht die, die plötzlich aufpushen, wenn etwas zu schnell geht oder zu viel wird - wenn sie, um sich aus der Bedrängnis zu kämpfen an Stellen, wo sie nicht mehr folgen kann, schimpfig  und irrational wird - was sie früher  niemals war. Das heute aber war so eine Gelegenheit, wo sie einfach sie selber war. Und nicht betroffen vom Vergessen. Das sind wertvolle Momente. Für sie. Für mich. Aber sie kosten mich, auch wenn sie schön sind, auch wenn ich sie als einen Lichtblick des Tages betrachten mag, ungeheuer viel Kraft.  Kraft, die ich nicht mehr habe. Vielleicht auch auf dem Boden der Erkrankung der Mutter, dem gerade verstorbenen Vater, all den Dingen drumherum und dem derzeitigen Zustand, in dem ich selber mich befinde.
Ich brauche eine Pause. Weiß ich. Aber egal, wie sehr ich versuche, für mich zu sorgen - es gelingt einfach nicht.  Da ist kein Raum.  Ich fühle mich gefangen in allem.

Ich glaub, im Moment ist es hier wirklich schwer.

Dienstag, 5. September 2017

WMDEDGT September 2017

Frau Brüllen fragt seit vielen Monaten ausgelöst durch eine Woche Tagebuchbloggen Im Frühjahr 2013, auch hier irgendwo im Archiv zu finden ;-), nun jeden 5. eines Monats: "Was machst du eigentlich den ganzen Tag?" - und ich mach gern mit. Weitere Tagebuchblogger von heute auch bei FrauBrüllen: hier.

Mein Tag begann in der Nacht mit bescheidenem Schlaf, schöner Musik und einem zu mir ins Bett krabbelndem Kindelein. Irgendwann schliefen wir dann weiter bis kurz nach sechs - ich schlief wenig besser, als das Wachen und Gedankenkarussellieren vorher war - und musste dennoch ran, das Kindelein wecken. Und wecken. Und wecken. Was mir sehr schwer fällt, wenn ich selber durch die bescheidenen Nächte recht gezeichnet bin und lieber auch die Augen ganz schnell wieder schließen würde... Um zehn vor sieben stehe ich entnervt auf und überlasse HerrnNebeL den weiteren Weck - Job und springe krieche unter die Dusche. Tatsächlich steht auch das Kindelein währenddessen auf. HerrNebeL und Kind1 treten ab und ich - um etwa drei nach sieben komplett fertig - ertrage die Muffeligkeit der kleineren Tochter. 
Um viertel nach sieben verlassen wir etwa das Haus, fahren meine Morgenration kalten Kaffee und ein Getränk für die Arbeit kaufen, düsen an der Tankstelle vorbei und ich liefere das Kind gegen 07:40 in Schulnähe ab. Anschliessend stell ich mir erst mal schöne Musik auf Dauerschleife und seeehr laut und fahre zur Arbeit. Irgendwann kurz nach acht sitze ich dann im Büro, stelle wieder die Musik auf Dauerschleife und beschäftige mich mit dem kommenden Tagesgeschehen am Rechner. Morgens nur 6 statt 7 Patienten mit einer Viertelstunde unerwarteter Pause. Diese nutzte ich dann am Ende mit einem Patienten, in dem wir leckeren Kaffee aus unserer Team Maschine tranken (der Kaffee auf der Station ist - nunja.) und unterhielten uns gut - trotz einer bei ihm bestehenden schweren Sprach- und Sprechplanungs- Störung. Zwischen diesen beiden Begebenheiten ignorierte ich die chaotischen Zustände auf meiner Station, hörte mir von etwa drei Kolleginnen verschiedene Probleme, Stressituationen oder ähnliches an und behandelte die 5 anderen Patienten.
Mittags saßen wir mit den meisten Mitgliedern des Sprachteams im Teamraum zum Essen und Trinken, ich hörte mir wiederholt blöde Sprüche zur derzeitigen Nahrungsaufnahme an (Kaffee und smoothie - wir sind gerade nicht so gut Freund miteinander, das Essen und ich) und nutzte die restlichen ruhigen 5 Minuten, als alle Raucher abdampften und die anderen anderweitige Gründe hatten, in ihre Büros zu gehen, mit der jüngsten Kollegin - einig, wie schön die Ruhe zu zweit dann doch ist .
Eine weitere Patientin behandelte ich und machte mich dann auf den Weg in die vierte Etage zum Betriebsarzt. Eigentlich, weil ich eine Impfung bekommen sollte. Zu den fehlenden Titern lagen aber gar keine Unterlagen mehr vor und so wurde mir nur Blut abgezapft, zur Titerbestimmung. Und es wurden Formalia aufgenommen. Wie jedesmal, wenn ich beim Betriebsarzt bin - in den 17 Jahren Betriebszugehörigkeit hab ich nämlich nur einen Arzt zwei mal gesehen.
Ein kurzes erstauntes Fragen zur derzeitigen Medikation ("Und Ihnen gehts gut damit?" - Äh, mh. Wie jetzt? "Ja, danke") und dann durfte ich erneut eine Patientin aufsuchen. Die bedauerte sehr, dass sie meine Hilfe nicht brauchte - eine neu aufgenommene Patientin, bei der Sprachtherapie nicht indiziert war. Und dann hatte ich erneut unerwartet fast eine Stunde Leerlauf. In der ich dokumentieren hätte können. Und den Teamraum putzen. Und Unterlagen sortieren. Ich hab mich aber zur Kollegin ins Büro gesetzt, der es ähnlich ging, und wir haben uns unterhalten.
Kurz bevor ich Feierabend hatte, irgendwann nach 15:00 Uhr, bekam ich eine email auf meinen Privataccount, in der der erwartete Erbstreit nun erstmalig nicht mehr nur zwischen den Zeilen zu lesen war. Unser Ziel hier ist eigentlich, die gesetzliche Erbfolge meines verstorbenen Stiefvaters friedlich und "ordnungsgemäß" zu lösen. Ich fürchte jedoch, das wird nicht möglich sein - die erste, dritte und vierte mail der leiblichen Tochter an mich verhärtete dieses Gefühl im Laufe des Nachmittages. Ich warte ehrlich gesagt noch auf weitere emotional geladene Schreiben. Und ich werde nicht reagieren. Weder heute noch morgen. Aber übermorgen. Betont sachlich. Wir werden sehen, was kommt. Aber ich weiss, die nächste (und übernächste) Zeit (und die danach wohl auch) wird nicht lustig werden.
Ich sammelte das Kind ein, fuhr heim und traf dort das große Kind. Wir verabredeten, dass ich sie zum Klainettenunterricht fahren  und dann nach ihrem Einkaufszettel noch fehlende Schulsachen besorgen würde. Mitten drin klingelte die Tante bei meiner Mutter, die unter mir wohnt. Die war jedoch gar nicht da, also klingelte die Tante mit Kuchen bei uns. Ein spontanes KuchenKaffeeKränzchen mit ohne Zeit, wo mittendrin zumindest die Mutter auftauchte und das Ganze dann mit der Tante weiterführte. Die Kinder und ich fuhren in die Stadt, das große Kind klarinettete vor sich hin und ich wuselte kopflos durch einen chaotisch engen, unsortieren Schulbedarfsladen (merke: dort werden NUR noch Ranzen oder Rucksäcke gekauft. Am besten auf Bestellung!). Nassgeschwitzt war nach 30 Minunten fast alles besorgt. Die Kinder mussten noch Hager und Mager stürmen, um Gutscheine auf den Kopf zu hauen - was dem kleinen Kind leider nicht gelang, da ich mich vehement gegen den Einkauf von Modeschmuckschnickeldi aussprach. Das 12 jährige Kind erstand eine schwarze Skinny Stretch Hose in 170 und damit wird bald die Kinderabteilung passe sein. Dann galt es noch, den Drogeriemarkt zu durchstöbern nach drölfzig Kleinigkeiten für die Tochterfreundin zum Geburtstag. Die Kinder setzen sich danach lustlos ins Auto, während ich noch weitere Wichtigkeiten erledigte (Ofenkäse!!! (das geht trotz Kriegzustand zwischen FrauNebeL und Essen), Brötchen, Geldautomat, Buchhüllen). Viel zu spät ging es dann heim, wieder mit Lieblingslied in Dauerschleife. Dort dann das erneute Erklären des bestehenden Erbsachverhaltes mit der Mutter (ich erklärte nachmittags bereits), dem Gatten, den Kindern, die das alles im Moment mitbekommen, der Schwester am Telefon. Weiter dann das Sichten der Zettel aus der Schulpostmappe der Viertklässlerin mit viel zu kurzfristigen Terminen, das Weiterärgern mit oben bereits beschriebener mail Nummer drei und vier, Abendessen richten, vorher Spülmaschine räumen. Das große Kind habe ich heut nur mit Gute Nacht Kuß allein ins Bett verabschiedet, das kleine wird noch vom Gatten einschlafbegleitet (inwzwischen schläft er sicher auch). Ich blogge, trinke den letzten Martini, pfeiffe auf Medikamente besser mit ohne Alkohol und überlege, ob ich mir die Nacht nicht direkt besser mit Nähen um die Ohren schlagen soll als halbwach oder monsterträumend hier rumzuliegen. Aber erst muss ich wohl noch 4 Schulbücher einbinden. Mit so blöder, widerspenstiger Folie - weil fertige Hüllen waren selbtredend alle ausverkauft oder doof.
Irgendwann mitten am Tag war ich kurz davor, die im Raum stehende AU abzurufen, die mir der Psychiater bereits zwei mal wärmstens empfahl - die ich aber dankend ablehnte. Er entließ mich zuletzt mit den Worten: "für ne Auszeit rufen Sie nur an, schick ich sofort zu."  Ich rief nicht an.

Krönchen richten, geht gleich wieder.

Montag, 4. September 2017

Reden. Oder nicht.



Reden über die Depression. Das ist bei mir schon oft ein Ausschlusskriterium an sich. Denn: wenn es schlimm ist, kann ich nicht reden. Dann habe ich keine Worte. Dann formt sich in meinem Hirn eine zähe, zusammenklebrige schwarzgraue Masse, mit der ich um jedes einzelne gesprochene Wort zu diesem Thema ringen muss. Ein einzelnes „Es geht mir nicht gut“ ist schon schwierig – wenn auch in all den Jahren hier und da leichter geworden. Aber prinzipiell muss ich auch das hart aus der Matscheklebermasse rauskämpfen. Und dieser einzelne Satz beschreibt eigentlichnur ein großes „Reingarnichts“. Er steht in einem ungefüllten Raum des Nicht-gut-gehens, das in jedem solch unglaubliche Facetten haben kann, dass dieser Satz einzeln da stehend eigentlich gar keine Daseinsberechtigung haben dürfte. De facto jedoch kommt es doch an so vielen Stellen überhaupt gar nicht erst soweit, dass dieser Raum im Gegenüber je mit Bildern, Ereignissen oder Gefühlen gefüllt werden könnte. Denn so oft führt schon diese Aussage zum Abbruch des Gespräches an sich. „Oh, das ist schade. Bis dann.“ Ende. Und wenn an der Stelle ich mich schon mit diesen wenigen, absolut indeskriptiven Worten mit meiner Matschekleberei im Hirn so sehr abgemüht habe – schweige beim nächsten Mal wohl wieder. Viel zu viel Anstrengung für nichts, außer vielleicht Enttäuschung. All die Jahre habe ich genau das wieder und wieder ähnlich erlebt. In den Jahren, in denen ich nicht wusste, was das in mir überhaupt ist. In den Jahren, in denen ich realisierte, dass ich psychisch krank bin. In den Jahren dazwischen. In den Jahren, in denen ich Namen für all das lernte. Die Andersartigkeit, mit der man mit Depression (und anderem) lebt, findet keinen Raum in dieser Gesellschaft, so wie selten Andersartigkeit Raum findet. Allenfalls Nischen. Aber die muss man erst mal finden....
Wenn ich aber wie gesagt, weit unten bin, depressiv bin, im Nebel versinke, hat mein Mund keine Worte. Ich glaube, manch einer mag mir da widersprechen, jedoch empfinde ich die meisten bisher geführten - sehr kurzen - Gespräche darüber als oberflächiges Kratzen an etwas, das tief geht, viel viel tiefer. Und wirkliche lange Gespräche habe ich mit Menschen aus meinem realen Leben wohl noch nie face to face geführt.
Wenn ich aber Glück habe in diesen Zeiten, dann kann ich schreiben. Dann sprudeln die Worte aus meinen Fingern oder meiner Hand nur so aufs Papier, als wären sie das Lösungsmittel für die sich verdichtende klebrige Masse der unaussprechlichen Worte in meinem Kopf. Ich kann den Raum, den ein „mir geht es nicht gut“ aufploppen lässt, füllen mit Bildern, Stimmungen, Gefühlen. Mit Ängsten und Bedrohlichkeiten, mit Leere, mit NebeL. Und so auch mit meinem LebeN in dem Moment, in den Zeiten. Ich kann spürbar werden lassen, was in mir ist. Das gelingt mir nicht immer. Aber immer wieder schon. Schon lange Jahre. Mal lyrisch, mal im Fließtext. Mal zusammenhangslos und mal fein säuberlich geordnet, als könnte ich mich innerlich durch das Schreiben selber analysieren und ein Stück weit selber nachvollziehen, was da gerade eigentlich passiert, dessen ich mir zuvor wenig bewusst war. Sehr oft ist mein Schreiben wohl genau dies. Ein Bewusstsein für mich in dem Moment, aber ich verstehe immer erst, wenn ich all dies später lese. Und bin wohl, seit ich schreibe schon, darüber erstaunt, was ich da eigentlich zu tun vermag. Ich staune über die Worte, die ich dann finde. Ich staune über mich. Und ganz manchmal mag ich das Depressionistentum dann sogar ein klein wenig, denn wenn das nicht wäre, wäre ich gar nicht in der Lage solche schweren, bedeutsamen, tiefsinnigen, tragenden Texte zu schreiben. Der Preis ist aber definitiv ein verdammt hoher. Denn auch wenn ich schreiben kann – so ist da noch lange kein Adressat. Und bisher gab es auch diese in meinem realen Leben nicht. Oder kaum. Vor 1,2 Jahren war ich spontan auf einer Lesung, auf dem im Schneeballprinzip selbst verfasste lyrische Texte gelesen wurden. Und ich las zwei oder drei von den Meinen und bekam gute Rückmeldungen. Aber – fast niemand kannte mich und der Kontakt zu denen, die ich kannte, ist ein sehr loser. Den ein oder anderen Text las eine Freundin. Und es war okay. Jedoch ist diese selber betroffen und somit im Thema. Sie verstand. Aber auch hier – der Kontakt ist eng, aber nur sporadisch. Der einzige Raum, in dem mein Schreiben einen Platz findet ist der geschützte Raum bei meiner Therapeutin. Und manchmal findet das Geschreibsel seinen Platz in der vitruellen Welt – die sich mit meiner realen jedoch kaum überlappt.
Ich empfinde es weiterhin so, dass da draußen kein Raum ist für Gedanken-, Gefühls-, und Wahrnehmungs-verirrte Menschen wie mich, die andererseits so „normal“ sind. Dabei weiß ich doch, dass ich nicht alleine bin, dass da so viele sind, die manches von dem kennen, das mich selber bewegt oder lähmt oder gefangen hält oder am Leben hindert. Warum also ist da immer dieses Schweigen? Ich mag gern ermutigen, zu reden. Weil ich finde, dass psychische Erkrankung wie vieles andere einen Raum in der Welt haben muss und nicht totgeschwiegen werden soll. Nichts verdient ein betretenes Wegschauen. Oder ein irritiertes Nicken und bloß schnell weitergehen. Drüber reden ist jedoch auch eine enorme Aufgabe für die meisten Betroffenen und halt nicht „mal eben so“ zu bewerkstelligen. Ich habe hier zumindest meinen Erklärungsversuch, warum ich das kaum kann, dieses Reden.

Sonntag, 27. August 2017

Gedankenkarusselvernebelungen

So Gedankenrotationsstürme haben durchaus die Möglichkeit, meinen Körperhaushalt  völlig aus den Schuhen zu schiessen. Einmal innerlich hochdrehen, während ich noch erfolglos Stop hinterherbrülle, und dann ungeachtet meiner brüllenden Unmutsbezeugung dennoch genötigt werde, vom gemütlichen 70er Ruhepuls mit Anlauf auf die 120 zu springen und dann fröhlich im Kreise in Rage denkenunddenkenunddenken. Das denkt sich so schnell, dass ich nichtmal mit der inhaltlichen Erfassung hinterherkomme und auch das sinnlose Dauerschreiben hat sich bereits verabschiedet. Ich kann halt kein Steno, sonst würds wohl noch gehen. Nicht selten denken sich die Gedanken von selber, ich habe keinerlei Mitbestimmungsrecht, geschweige denn Handhabe, da jetzt mal einen Riegel vorzuschieben oder irgendetwas irgendwohin zu ordnen. Es denkt mich, ob ich will oder nicht, Und mir schwindelt. Und ich werde wütig, und manchmal wird mir auch einfach schlecht. Beides vielleicht auch vor allem ob der Tatsache, dass irgendwer sonst die Zügel in der Hand zu halten scheint, weil mir keiner dieser Gedanken in irgendeiner Form gehorchen will. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird das sehr wohl ein Teil von mir sein – das Arsch hat sich aber ganz schon versteckt und abgeschottet und dreht da jetzt mal sein Ding. Dann bin ich wieder mal eine Gefangene meiner selbst, die keinen Plan hat, wie die Situation aufzulösen ist, außer dem von außen gesetzten Eingriff in irgendwelche synaptischen Vorgänge. Danach ist es zumindest ein wenig möglich, überhaupt mal ein kleines bisschen Ruhe zu finden, von innerer Ruhe, geschweige den Ausgeglichenheit jedoch keinerlei Rede. Und immerhin so ein klein wenig erträglichere, leisere Außenlebensgeräusche in Dauerbrüllschleife gibt es auch - die kreischen und brüllen halt sonst auch alles in mich rein, als wollte nur jedwedes Geräusch bitte danke als allerwichtigstes wahrgenommen werden..

Funktionieren gelingt weitestgehend – zumindest an manchen Stellen. Funktionieren ist allerdings auch das, was ich all die ganzen Jahre meinens Aufwachsens sowas von gelernt habe.  Allerdings auch hier momentan nur durch unterstützende Beeinflussung von Synapsen. (Sieht ja erfreulicherweise kaum einer, höchstens der, der etwas genauer guckt und Ahnung von der Materie hat). Viele normalerweise ruhebringende Möglichkeiten sind längst verloren, Lesen gelingt überhaupt nicht mehr, in der Badewanne hält es mich etwa 3 Minuten und beim Durchschauen durch einen Katalog schaff ich nicht mal ein Viertel. Und wenn ich gefragt würde, ob darin denn als erstes Küchen, Schlafzimmer- oder Wohnzimmermöbel kämen, müsste ich ehrlich gesagt passen : ich habe keine Ahnung.

Ich bin also derzeit – mal wieder – durchdrungener von NebeL als irgendwas anderem und habe sowas von die Schnauze voll, wieder einmal nach lichtvollen Ausgängen aus der ganzen Suppe zu suchen.

Bleibt mir aber wohl nix übrig.

Mittwoch, 23. August 2017

Zurück - Dankbarkeit

Mehr als zwölf Jahre ist das große Kind bei uns. Zwölf Jahre. Die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte sie bisher mit uns. Und begann nach und nach, die Welt zu entdecken. In kleinen, sich langsam ausdehnenden Kreisen.
Die erste Fahrt weit fort von uns war eine Klassenreise nach England inklusive eines Besuches in London in diesem Juni. Kurz vorher - Terror in der Hauptstadt. Bedenken in den Kreisen der Klasse, Bedenken auch bei uns. Natürlich fuhr sie dennoch einen Tag nach London. Sie soll doch die Welt entdecken! Sich nicht verstecken vor dem, was sein könnte. Immer und überall. Dennoch war ich froh, als sie nach knapp einer Woche wohlbehalten zurück war.
Nun war sie mit der Familie ihrer Freundin fort. Drei Wochen in Nordspanien, ich sah sie zuletzt am 2. August. Letzte Woche dann ein Anruf von ihr:
"Sag Mama, hier war ein Terroranschlag, aber uns geht es gut" sagte sie zu ihrer Schwester, weil ich gerade Auto fuhr. "Alles klar, ich gehe eben in die Apotheke" - es war kurz vor Ladenschluss - "grüß schön" sprach ich zum kleineren Kind. Und erst in der Apotheke kam in meinem Gehirn überhaupt an, was die Große mir gerade hatte ausrichten lassen.
Barcelona. Sie war in Barcelona. 
Ohne ein "Guten Tag" fragte ich die Apothekerinnen, ob ihnen etwas bekannt sei von einem Terroranschlag in Barcelona. Und die Damen schauten nach einer ersten Verwunderung ob dieser Frage ins Internet. Terror in Barcelona.
Meinem Kind ging es gut. Sie saß zum Zeitpunkt des Telefonates in einem fastfood Restaurant und freute sich mit ihrer Freundin, die unter Zöliakie leidet, dass es dort glutenfreie Burger gibt. Und sie hörten permanent Sirenen. 
Den Rest des Abends verbrachten sie damit, aus Barcelona heraus zu gelangen. Und wir verbrachten den Rest des Abends vor dem Fernseher. Einerseits krank vor Sorge. Andererseits entrückt in die Unwirklichkeit, gleichzeitig stets Nachrichten mit dem Kind austauschend. Irgendwo mitten in all diesen Straßensperren stand das Kind, das die meiste Zeit seines Lebens mit uns verbracht hatte und nun weit, weit weg war, an einem Ort, wo der Terror noch nicht gebannt schien. Und wir Eltern waren nicht mal bei ihr. Gegen Mitternacht eine Nachricht, dass sie im 1 1/2 Stunden entfernten Urlaubsort angekommen seien. Durchatmen.
Seit soeben ist sie wieder daheim. 
Sie hatten eine kleine Bootsfahrt gemacht an diesem Tag. Und liefen weniger als eine Stunde vor dem Attentat über eben dieses Stück der LasRamblas. Weniger als sechzig Minuten. 
Dankbar.
Und getroffen.
Und ohnmächtig.


Sie ist da, wo sie nun sein sollte. Gesund und wohlbehalten hier bei uns. 
Und sie wird weiter hinausziehen in die Welt, egal wie erschüttert ich auch bin. Ich kann sie nicht festhalten. Ich kann sie nicht beschützen vor der Welt - und will es eigentlich auch gar nicht, weil sie doch lernen muss, in ebendieser zu leben.
Und dennoch ist da neben dieser unendlichen Dankbarkeit eine fast ebenso große lähmende Betroffenheit. 

Sonntag, 20. August 2017

Es rattert.

Die Welt ist zu laut. Ständig. Als hätte jemand den Lautstärkeregler nah seines Anschlages gedreht und dort eingefroren. Es ist zu hell, alles, nur wenn es bereits dunkel geworden ist, findet der Sehsinn ein wenig Entspannung - bis das Licht angeht. Bewegungen erscheinen mir viel zu schnell, (Mit)Autofahren ist eine Qual, weil meine Wahrnehmung gar nicht so schnell hinterherkommt, wie die Welt an mir vorbeifliegt. Schließe ich die Augen, fühle ich ebendies, ohne jedoch die  Bilder dazu wahrzunehmen - das Auto bewegt mich, aber das Körpergefühl kann dieser Bewegung nicht schnell genug folgen. Alle Sinne spielen mir einen Streich. Nichts ist mehr passend, die Wahrnehmung ist überfordert und ver-rückt - überall. Es gelingt mir nicht, zu filtern, damit alles sich wieder auf ein erträgliches Maß reduzieren lässt.
Mein Innen scheint - auch wenn mein Körper mal schläft - stets wach und sendet nonstop Bilder Bilder, Bilder. Kein Stillstand. Wenn ich schlafe, wache ich genauso fertig und erschöpft auf, wie ich auch eingeschlafen bin. 
Ich atme und habe stets das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen. Alles ist mir schwer. 
In mir rattert es permament, ein Geratter wie es durch das Bedienen einer dieser ganz alten Schreibmaschinen verursacht wird. Laut und durchdringend. In einer Tour - und ich habe fast keinen Einfluß darauf. Lediglich wenn ich etwas tue, körperlich, mit meinen Händen. Nähen, Möbel bauen. Immer machenmachenmachen. Irgendwann aber ist das Machen aufgebraucht, ich komplett durchgeschwitzt und körperlich einfach fertig, und dann lässt es sich wiederum nicht stoppen. Und rattert und rattert und rattert.

Dekompensationsmaßnahmen

Maßnahmen gegen drohende psychiatrische Dekompensation können durchaus kreative Ergebnisse haben.


So das Einschulungskleid für die Tochter der langjährigen Freundin. Muss nun nur noch passen.

Montag, 14. August 2017

Grad so


Sich entordnendes intrinsisches Gedankentum steht im Kontrast zur äußeren Fassade. Innen und Außen entfernen sich voneinander und die inneren, nicht verbalisierbaren sondern nur der Verschriftlichung zugänglichen Gedanken entwickeln eine Eigendynamik, die das Außen nach und nach zu lähmen vermag. Es fühlt sich nicht mehr an wie von Einem gesteuert - mein Außen und Innen grenzen sich voneinander ab und werden eigenständig, nicht mehr zwei Seiten von einem sondern einfach zwei.
Deren Coexistenz wechselt in der Verhaltensweise zwischen einander entgegensetztem Kampf und zeitweiliger Führungsübernahme. Wenn das Außen die Führung greifen kann, dämmt es das Innen ein, die Entordnung wird gelenkt und in ihre Schranken verwiesen. Fällt jedoch die Notwendigkeit weg, dem Fassadentum die Führung zu überlassen, beginnt das Innen an den Ufern zu lecken und lässt den Gedankenfluss sich ausbreiten ins Uferlose - bis das Außen wieder in der Lage ist (oder die Notwendigkeit, funktionieren zu müssen besteht), Einhalt zu gebieten.
Und mittendrin kraftlos ein Ich, das nicht mehr weiß, welchem Teil es nähersteht. Ein Ich, das nicht mehr weiß, woher es all die Kraft nehmen soll, sowohl die inneren Kämpfe, deren Kontrollmöglichkeiten durch es zumindest auf einer Seite nur noch minimal zu sein scheinen, auszuhalten, als auch immer wieder dem Außen alles erdenklich Mögliche zuzuspielen, weil so unglaublich viele Verantwortlichkeiten in seiner Hand liegen. Ein Ich, das von weiter fort dieses Durcheinander betrachtet und eigentlich nur ein wenig Ruhe möchte.

Sonntag, 13. August 2017

Nichts

Drückende Gedankenschwere in der Düsternis, angefüllt mit aneinandergereihten Siinnlosigkeiten, die mit wenig Bezug das Bewustsein durchstreifen ohne etwas zu bewegen ausser sich selbst. Sie erlauben keinen Zugriff auf Stille, keine Möglichkeit, einzutauchen in die Ruhe, die ein Stück weit Erholung bringen könnte. Stets ist in mir steuerungresistente innere Rastlosigkeit, die Kraft raubend sich ausbreitet. Ich bin erschöpft. Und wenn sich Raum auftut, in irgendeiner Form in Ansätzen überhaupt nach Wegen suchen zu können, so zeigt sich das absolute innere Dilemma, keine Chance zu haben, mch zu kümmern. Denn auch wenn ich weiß, was gerade wichtig wäre, bin ich gefangen im System der Verantwortlichkeiten in erster Linie für Andere. Gefangene in der Schleife der erwarteten Funktionalität des eigenen Seins, gefangen nicht zuletzt in der Schleife der Inszenierung des eigenen Selbst. Und so kriechen Rastlosigkeit und Schwere einerseits, Leere und Verzweiflung andererseits in jeden Teil meiner Hülle, weil ihnen das geistige Sein nicht mehr reicht und schmerzen körperlich. Die Glieder sind schwer, und ich habe Mühe sie zu halten. Selbst das Offenhalten der Augen verbraucht mehr Energie, als ich glaube zu haben. Ich gleite tiefer hinab in die Dunkelheit ohne notwendige Ruhe zu finden, ohne Möglichkeiten, Kraft zu tanken, da selbst die Dinge, die das Potential besäßen, mir ein Stück weiterzuhelfen, derartig viel Energie und Kraftaufwand erfordern, dass der Nutzen letzlich fast negativer Natur ist. Da ist nicht mal Raum zu trauern, weil alles in mir bereits angefüllt ist mit der bloßen Bewältigung der alltäglichen Grundlegenheiten. Ich verliere mich selber und bin nicht in der Lage, mich zu halten auf Dauer. Ich weiss, dass ich so nicht lange mehr weitermachen kann. Alternativen jedoch sehe ich nicht, Ideen habe ich keine und versinke so resigniert und kraftlos im NebeL. Bis der Alltag ein weiteres Funktionieren erfordert und ich weitermache. Unterm Strich bin ich derzeit zu angefüllt mit der Notwendigkeit, für Andere zu funktionieren und dabei selber überhaupt zu überleben, dass für mich nichts weiter mehr übrig bleibt als nichts.