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Mittwoch, 25. April 2018

Der Job und so

Bei der Arbeit bleibt mir manchmal nurmehr ein müdes Lächeln, ein hysterisches Lachen, ein resignierendes Hinnehmen all der Zustände, die mir die Arbeit dort verleiden. Meist geschieht dies nacheinander, am Ende steht meistens die Resignation. Nach wie vor betrifft das nicht die Kontakte mit meinen Patienten. Ich arbeite gerne mit den Menschen, mag die Begegnungen und werde oft ein Stück getragen von den mir entgegengebrachten Rückmeldungen. Ich mag es, den Menschen nahe zu kommen, sie zu begleiten ein Stück, ihnen helfend zur Seite zu stehen. Ich mag es, oft auch mit ihnen gemeisam in schweren Situationen lachen zu können, wie heute, als ein Aphasiker versuchte, ein Bild zu benennen und dabei herauskam: "Er pulst die Adern" (auf dem Bild horchte ein Arzt einen Jungen mit dem Stethoskop ab). Natürlich ist es heikel, wenn ein Mensch sich oftmals nicht mehr anders äußern kann, dem mit Humor zu begegnen. Dafür aber lese ich schon so lange in den Menschen, dass es mir oft gelingt, eben diese Gratwanderung zu gehen - immer aber nur gemeinsam mit dem Betroffenen. Manchmal, manchmal da weine ich auch gemeinsam mit dem ein oder anderen - auch wenn ich professionell bin als Therapeutin. Aber eben auch Mensch. Eigentlich ist mein Job mit eben diesem Klientel ganz wunderbar.
Es sind die Rahmenbedingungen, die nicht stimmen. Diese vielen Kleinigkeiten, die sich summieren. Und es ist da ein Stück weit wiederkehrende Resignation - weil ich einfach nicht viel machen kann. Ich bin kein Entscheider. Ich bin nicht mal jemand, der gefragt wird. Es entsteht manchmal der Eindruck, als würden die, die vermutlich auch nur Entscheidungen des Konzerns, Entscheidugnen der Wirtschaftlichkeit ausführen, uns, die wir Tag für Tag am und mit den Menschen arbeiten, fragen. Wenn man dann aber genau hinsieht, Revue passieren lässt, so scheint es doch nur, als würden sie ein wenig Honig verteilen, damit die bittere Medizin, die subtil, aber unweigerlich doch später folgt, ein wenig süßer schmeckt. Da werden sukzessive die Dinge, in denen viel Herzblut eines gesamten Teams und vor allem 2 Personen steckt, die den Laden vor gerade einem Jahr in den Ruhestand verlassen haben, unterwandert, um sie wieder anzugleichen an ein mehr schlecht als recht funktionierendes System. Aber da ist niemand mehr, der seine schützende Hand über ein Konzept hält, was nah an den Patienten ist. Ein Konzept, was effektiv ist, ein Rahmen, der Möglichkeiten bietet in vielerlei Richtungen. Ein Konzept, das einen großen Teil der Patienten weit mehr profitieren lässt als alles, was bisher war. Dafür aber muss der Einzelne im Team sicherlich zu manchem bereit sein. Teamarbeit eben, Flexibilität, Absprachefähigkeit, Interdisziplinarität, Begleiten von Gruppensettings und viel Arbeit auf der Beziehungsebene. Das gelingt nicht allen - auch das macht es schwer, denn wenn diese Voraussetzungen fehlen, wünscht sich der Therapeut eigentlich die Rückkehr ins starre System, in dem ich einfach nach vorgegebenem Plan arbeite, ohne Rücksicht nehmen zu müssen auf die Belange der Menschen, die wir behandeln. Solche Theraoeuten werden aber vielleicht viel mehr befragt, weil sie wohl eben diesesn Weg ebnen, zu dem das Haus augenscheinlich zurück will. Denn das starre System bietet mehr Raum für wirtschaftliche Transparenz. Mehr Raum auch für messbare Entwicklung. Standartisierte Punktesysteme. Systeme, die die Menschen nicht weiter abbilden. Tatsächlich aber fragt genau danach niemand mehr. Da kann auch ein Chefarzt mehrmals versichern, dass es wichtig, gut und richtig, gar wünschenswert sei, individuell auf den Einzelnen einzugehen, individuelle Forschritte zu dokumentieren. Der Konzern  an vorderster Front und seine Umsetzer jedoch postulieren mehr und mehr standartisierte Verschriftlichungen zur Deskription erfolgter Fortschritte im Rehaaufenthalt. Die Liebsten sind mir die Menschen in Positionen über mir, die eben dies in den höchsten Tönen loben: "Standarts benötigen weniger Zeit, alles wird doch so viel einfacher, es macht so viel weniger Arbeit!" Es bleibt mehr Möglichkeit, Therapien abzurechnen, die Zeit drumerhum wird durch das Ersetzen von Fließtext durch Zifferneingabe minimiert. Eine ganz großartige Neuerung. Wundersam, dass ebendiese Leute auf der Ebene der Empathie und der Ebene der eigenen Meinungsbildung irgendwie anders ticken. Dorthin aber geht der Weg.  Frustran.
Im Großen nimmt das in meinem Alltag nicht viel Raum ein derzeit - weil ich dennoch so arbeite, wie ich es gut mit mir, meinen Anforderungen an meine Arbeit, Therapie, Dokumentation und  meinen Vorstellungen zum Umgang miteinander und den Patienten vereinbaren kann.  Das kostet mich trotz eng getaktetem privatem Zeitplan zwar Woche für Woche im Schnitt 3 Überstunden, die weder bezahlt noch abgegolten werden, aber mir geht es gut damit. Jedoch wenn ich genau hinsehe, wird die Tragweite all dessen größer und größer. Es ist schon eine Kunst, mich da abzugrenzen. Zu akzeptieren, dass ich wenig Handlungsspielram habe. Ich schweige nicht und ich nehme auch nicht hin. Ich sage was wichtig ist, spreche, wo es mir möglich ist. Und es ist auch nicht so, als gäbe es keine Fürsprecher. Aber auch der neuen Oberärztin, die noch am nächsten von allen dran ist und die an vielen Stellen durchaus vieles objektiv passend beurteilt, sind gegen Konzernwünsche und deren Umsetzungen, so subtil sie sich auch einschleichen mögen, die Hände gebunden. 
Es ist also Tag für Tag ein Mix zwischen Besonnenheit, Akzeptanz und  Initiative gefordert, der dennoch einer großen Portion Abgrenzung bedarf, um mich nicht aufzureiben an Zuständen. Ich bringe mich ein und wende auch Energie auf, aber wenn es zu schwierig wird, wird auch mein Energiereservoir, das ich für die alltäglichen und zehrenden Dinge des Lebens außerhalb meiner Arbeit brauche, angezapft. Im Moment läuft es gut, ich komme gut zurecht und fühle mich nicht so sehr belastet, weil ich mich in Gelassenheit übe. Ich hoffe sehr, dass das noch ein ganzes Weilchen so bleiben wird. Obwohl mir das derzeit so gut gelingt, merke ich, wenn ich genauer hinschaue, dass auch das ein verdammt hartes Stück Arbeit ist.

Montag, 12. Februar 2018

Ein Abend mit Herrn Bock

Gestern, da war ich hier und hab ihm, dem Markus, zugehört. Letztes Mal am selben Ort hat es irgendwie nicht gepasst, aber den 11. hatte ich mir schon lange auf den Kalender geschrieben.
Und es war ein schwerer Tag. Ein schwerer Tag, wie sie manchmal so sind, die Tage, an denen es etwas ruhiger wird. 
Ich hab es geschafft und bin irgendwann losgefahren. Ungeduscht - denn das Duschen hab ich nicht geschafft. Aber ganz ehrlich? Ich glaub, das hat einfach niemanden gestört, geschweige denn, dass es irgendwem aufgefallen wäre.

Fast eine Stunde vorher war ich da, und noch war das Cafe Eden ganz dunkel, auch wenn ich hinter dem Tresen wen sah. Ich ging ein paar Schritte weiter die Strasse entlang, auf der Suche nach einem Kaffee und fand ein nettes kleines Lokal, das "Kugelpudel". Der Kaffee wich dem Chai Latte und einer Kaffee Kola von Fritz. 
Um kurz nach halb sechs kehrte ich zurück und setzte mich ins Cafe Eden - und war stolz, es tatsächlich geschafft zu haben.
Es wurde voll, sehr voll. Und ich war froh, gemütlich auf einem Sessel sitzen zu können.


Ich weine nicht. Oder ich weine selten, ich weine fast niemals wegen mir. Nicht, weil ich nicht wollen würde, sondern weil ich es nicht kann. Es gibt Situationen, in denen ich weinen kann - das aber sind wenige und wenige Menschen kennen Tränen von mir wegen mir. Ich kann weinen wegen eines Todes, eines Verlustes. Ich kann weinen aus Freude. Ich kann weinen, weil mir jemand etwas Bewegendes erzählt von sich. Ich kann weinen vor Rührung. 
Aber ich kann nicht weinen aufgrund meiner inneren Traurigkeit, meiner inneren Aufruhr, meiner Verzweiflung, meiner Angst, meiner Ohnmacht. Ich kann nicht weinen, obwohl es so dunkel ist, kann nicht weinen, obwohl ich mein Leben als so wenig lebenswert erachte für mich. Kann nicht weinen, weil mir alles zuviel ist. Vor vielen Jahren schrieb ich, dass es ein ungeweintes Meer gäbe aus Tränen in mir. Und das ist wohl heute noch so.

Gestern aber, da liefen Tränen- Einfach so. Und das nicht nur einmal. Es waren Tränen, weil Markus mich berührte, mit dem, was er erzählte von sich. Aber eben auch, weil er anrührte, was in mir ist. Weil manches sich so gleicht. Und so weinte ich Tränen, die ihm galten, weil mich sein Schmerz berührte - und zugleich weinte ich meine eigenen. Es war okay, und es war auch gut. Nichts daran fühlte sich schlecht an. Ich konnte das einfach so hinnehmen und akzeptieren und zugleich war da nie auch nur der Hauch einer Gefahr, abzustürzen in den Abgrund, es gab nie die Gefahr, dass der Strom nicht versiegen würde, was viele, viele Jahre meine Angst war - wenn ich mir und den Tränen nur einmal nachgeben würde, so wäre ich verloren. War ich nicht. Kein bisschen. Und auch das war gut.

Markus sprach von radikaler Akzeptanz. Selbige lebe ich an vielerlei Stelle schon lange und habe gemerkt, dass ich da stolz drauf sein darf. Weil genau das gut ist. Keine radikale Akzeptanz, die am Weiterentwickeln hindern würde, sondern eine, die vor der inneren Niedermetzelei des eigenen Selbst schützt. Rückblickend gab es dieses Gemetzel lange in mir, als Jugendliche, als junge Erachsene und auch noch als gestandene Frau. Heute hat es sich beruhigt. Weil ich akzeptiere. Was nicht heisst, dass ich beispielsweise mein Verhalten nicht als negativ bewerten und einsehen kann, auch nicht, dass ich mich nicht entschuldigen kann, wenn ich anderen damit wehtue. Ich kann akzeptieren und nur aus eben dieser Akzeptanz heraus mich selber kritisch und konstruktiv hinterfragen und Konsequenzen ziehen. Und das ist wunderbar.

So vieles erschien mir gleich, so vieles ganz anders, so manches ähnelt sich. Jeder hat und trägt seine Geschichte, die doch aber häufig irgendwo irgendwelche Parallelen aufweist. Und es ist zum einen tröstlich, zu wissen, dass dem so ist und zum anderen wunderbar, dass Markus mit seinen Veranstaltungen dafür sorgt, dass dies in der Öffentlichkeit Raum hat. Nicht nur in der virtuellen Welt, nicht nur in der des geschriebenen Wortes, sondern in der Öffentlichkeit, in der  Gesichter sind. In der Begegnungen sind. In der Menschen sind, die betroffen sind, Menschen, die sich interessieren für das Thema Depression, aus vielerlei Grund. Und die aus eben diesem Grund zusammenkommen. Das finde ich toll.

Der Umgang mit dem Thema Suizid ist oft ein schwerer. Ich glaube, ich kenne kaum einen Menschen, in dessen Umfeld sich niemals jemand suizidiert hat. Suizid hat viele Schrecken. Und er ist meist ein Tabu Thema.  Dabei sind da so viele, denen der Gedanke daran nicht fremd ist. Und ja, ich war beeindruckt von Markus Umgang mit eben solchen Gedanken. Gedanken, die mich oft begleiten. Manchmal täglich. Und sicher darf ich mich glücklich schätzen, dass ich nicht ständig jeden Tag mit diesen Gedanken leben muss. Aber sie sind dennoch ein Teil von mir. Was aber noch lange nicht heisst, dass ich - auch in schlimmen Phasen - akut suizidal wäre.
Sinngemäß sagte Markus, dass ich von der Existenz der Gedanken an Suizid nicht sterbe.          Eben.  Sie können viele Funktionen haben, und ich bin sicher, dass dies sich von Mensch zu Mensch unterscheidet. Ob ich sie nun als Indikator dafür sehe, dass ich mich - dringend - um mich kümmern muss, oder ob ich sie akzeptiere und in irgendeiner Form anders darauf reagiere. Sprechen kann ich nur für mich an dieser Stelle. Ich bin mir ihrer bewusst und auch der hinter ihr verborgenen Sehnsucht. Ich bin mir auch bewusst, dass in mir viele Kontrollinstanzen sind, die mich im Leben halten und ich bin mir auch der Dinge bewusst, die mir das Leben lebenswert machen - selbst wenn ich sie oft nicht spüren kann. Aber ich weiß, welche das sind und muss vetrauen und vertraue darauf, dass es besser werden wird. Vielleicht nicht gut. Aber besser.  Wenn ich jedoch an Stellen käme, an denen Gedanken an den selbstgewählten Tod unangeschaut und unreflektiert in mir herumschwirren würden, so wäre die Gefahr der Umsetzung eine ungleich größere. 

Wie Markus bin ich auch ein Teil dankbar für die Depressionen, für den Weg, für das, was genau deswegen aus mir geworden ist. Ohne meine psychische Erkrankung wäre ich heute nicht die, die ich bin. Ich bin entfernt davon, mich lieb zu haben. Aber an vielen Stellen mag ich mich heute. An vielen Stellen finde ich mich, meine Ansichten, meine Empfindsamkeit, meine Empathie und manches andere wirklich gut. Und manchmal verteufele ich sie. Aber unterm Strich habe ich vieles gewonnen, weil ich mich durch so viele Dunkelheiten und Abgründe kämpfen musste. Ich habe bis hierher überlebt und werde das auch noch weiter tun. Und ich wünsche mir sehr, dass dieses Überleben irgendwann dauerhafter zu einem Leben wird. Denn es ist anstrengend. Fast jeden Tag kämpfe ich. Verschiedene Kämpfe, oder vielleicht auch ein und denselben Kampf, in dem ich aber  verschiedene Standpunkt einnehme. Ich kämpfe manchmal gegen die Welt da draussen. Meist aber kämpfe ich gegen mich, um einen Weg zu finden, in dieser Welt ankommen zu können. Oder um mir meine eigene, lebenswerte kleine Welt in dieser großen aufzubauen. Oder ich kämpfe mit dem Teil von mir, der erkrankt ist. Mit dem Teil, um mit eben diesem einen Platz in der Welt zu finden. Oder gegen diesen Teil, um dasselbe zu erreichen. Es ist verschieden, je nach dem, wie es gerade ist. Je nach dem, an welcher Stelle ich stehe. Der größere Teil des Kampfes heute ist der, mit der Erkrankung zu leben. Früher kämpfte ich fast ausnahmslos dagegen. Gegen alles. Heute akzeptiere ich oft. Und begrüße vieles wie alte Bekannte. Manchmal begrüße ich auch alte Freunde, die mich ein Stück begleiten, weil sie gekommen sind, um mein Überleben zu sichern. Weil sie eine Funktion haben. Und jedesmal, wenn sie vorbeikommen, bin ich - nachdem sie sich scheinbar von sich aus zurückziehen oder nachdem ich sie manchmal sanf verabschiedet, manchmal bestimmt rausgeworfen habe - ein Stück des Weges weitergegangen, meistens nach vorn. Nicht immer. Ich gehe auch zurück. Aber der Weg nach vorn ist unterm Strich meist der weitere.

Gestern habe ich innerlich den Kopf geschüttelt, als Markus eine Frage beantwortet hat. Ich sah es anders. Ist es eine Form von Glück, in der Lage zu sein, für sein Leben, für sein Glück zu kämpfen? Und es dadurch erreichen zu können? (Hier fehlt mir ein Teil der Antwort vielleicht, aber letzlich war das der in mir aufgenommene Sinn der Antwort).
Ich dachte nur, nein, das ist es nicht. Es ist anstrengend. Dieser immerwährende Kampf ist anstrengend. Mal mehr und mal weniger, unterm Strich aber eben Tag für Tag. Nein, das ist kein Glück.
Aber nachdenkend kann ich zustimmen. In der Lage zu sein, überhaupt kämpfen zu können und an mancher Stelle auch erfolgreich damit zu sein - kann glücklich machen. Es macht mich tatsächlich an vielen Stellen glücklich, oder vielleicht eher dankbar. Ein wenig glücklich sein ist dabei, aber ich glaube, die Dankbarkeit ist größer. Da ist - vor allem mit dem Glücksding - noch Luft nach oben, oft auch sehr viel Luft nach oben. Und dass eben dieser Kampf nicht anstrengend ist, hat niemand gesagt. Im Gegenteil. Aber es lohnt sich. Auch wenn das nicht immer zu sehen ist. Aber unterm Strich ist das so.

Da war noch so vieles mehr, was sich in mir bewegte und sich noch bewegt.
Dafür sage ich  Danke. Ein Danke, was vielschichtig ist. Und ein Danke, das ganz tief von Herzen kommt.

Und jeder der die Gelegenheit bekommt, ihm zuzuhören, sollte das tun finde ich.





Donnerstag, 1. Februar 2018

So Gute Dinge

Neben all dem ganzen alltäglichen Durcheinander gibt es durchaus auch so ganz schön gute Dinge. 
Die beiden Kindelein vor allem. Selbstredend ist es durchaus oft laut und so ein klein wenig pubertierend gefärbt, wie soll es anders sein. Aber das ist eben auch son Alltagsding, was überall dazu gehört - und auch dazu gehören muss.
Es ist Zeugniszeit. Das kleine Kind hat sein Zeugnis bereits bekommen, weil der Übergang in die hohe Schule ansteht. Und ich bin mehr als dankbar. Nicht ausschließlich der tollen Noten wegen, sondern vor allem über die Art und Weise, wie sie in die Schule geht. Und zwar schon die gesamten drei Jahre ihrer Grundschulzeit. Sie ist unglaublich selbständig, organisiert und mitten im Thema. DIe Art des jahrgangsgemischten Unterrichts mit viel Freiarbeit hat dies zudem noch gefördert. Ich habe anfangs ein wenig mit geschaut auf die Ordnung im Ranzen, die Erledigung der Hausaufgaben, das Vorankommen in den Wochenplänen. Aber das habe ich schnell aufgegeben - weil es immer passte. Durchgehend. Ich habe ihr nie bei den Hausaufgaben ansich helfen müssen, sie nie erinnern müssen. Auch wenn es dazu Zeit in der Betreuung gibt, sehe ich die Aufgabe schon bei den Eltern, im Ganztag ist das ein zeitlicher Rahmen, aber keine helfende Betreuung in dem Sinne. Es war nehezu immer alles fertig. Und falls nicht, setzte sich das Fröschlein selbständig an den Schreibtisch und arbeitete nach. Bei Fragen kam sie auf uns zu - und das war selten.
Nun muss ich sie an der hohen Schule anmelden und ich bin wehmütig. Wurde das große Mädchen damals gefühlt so schnell - noch - größer. Und das kleine Mädchen ist doch noch so klein... Tatsächlich ist sie das ja auch im Altersvergleich, eben ein Jahr jünger als alle anderen. Und ich weiß, da kommt ganz viel Loslassen auf mich zu - und das ist wahrlich keine meiner Lieblingsbeschäftigungen.
Das große Kindelein bekommt morgen ihr Zeugnis. Ich werde es allerdings erst am Sonntag sehen, da morgen die Orchesterfahrt des Schulorchsters ansteht, direkt im Anschluss an den Unterricht. Aber auch hier erwarten wir keine sonderlichen Überraschungen. Sie war auch immer schon selbständig und fand zudem im letzten Jahr noch Gefallen daran, aktiv und selbstbestimmt hier und da etwas für den Unterricht zu tun und wurde belohnt - nicht nur was die Noten angeht sondern an vielerlei Stelle vor allem durch Zuspruch in der Schule. Sie kommt auch und bittet um Hilfe, wenn es nötig ist. Häufig ging sie damit zueltzt aber zum Opa - dem Vater von HerrnNebeL - und die beiden verbrachten Nachmittage lernend an deren Esstisch und hatten Freude daran.
Ich muss mich um nichts kümmern und bin auf die beiden Mädchen so unglaublich stolz. Alles was es schulischerseits zu jammern gäbe, wäre auf absolut höchstem Niveau - und mir fällt nicht mal etwas ein, keine Kleinigkeit, die ich  mir im Moment anders wünschen würde.
Das ist eigentlich ein kleines, aber irgendwo in Wahrheit ein riesengroßes Glück. 
   
💗

Dienstag, 10. Oktober 2017

Schwere

Diese Schwere, die mich verzweifeln lässt. Jeder einzelne kleine Schritt kostet unendlich viel Kraft. Das Gefühl, nicht mehr weiter zu können. Das Gefühl, nichts mehr schaffen zu können. Das Gefühl, komplett überfordert zu sein mit kleinsten Anforderungen. 
Ich stehe trotzdem auf, ich mache trotzdem weiter, weil mein Kopf weiß, dass es geht. Es geht mir bescheiden dabei und mehr als einmal frage ich mich, wo die Kraft, die ich doch gar nicht zu haben glaube, eigentlich her kommt. 
Es ist schrecklich, morgens aufzuwachen und zu merken, da ist weniger Substanz als es noch am Abend gab; schrecklich zu wissen, dass da ein langer Tag vor mir liegt, den ich wieder irgendwie überstehen muss. Es ist schrecklich, unterm Strich wenig Verbesserung zu spüren. Es ist schrecklich, trotz des Wissens der Veränderung weiterhin gegen einen Sog anschwimmen zu müssen, wofür fühlbar keine Kraft mehr übrig zu sein scheint. Eigentlich weiß ich nicht, wie es weitergehen soll, ich weiß nicht, wie lange die Kraft, der ich mir schon jetzt nicht sicher bin, noch reichen kann. Ich bin hilf- und perspektivlos und habe keinerlei Ideen, wie ich das ändern können soll.

Montag, 9. Oktober 2017

Status

Die letzten Wochen waren geprägt von Aushalten, Ertragen und vor allem irgendwie Überleben. Es gab gar keinen Raum, irgendwo hin zu spüren, weil es nur noch schwer war, das Leben. Schwer, schlimm und an mancherlei Stelle kaum erträglich. Ich habe ausgehalten bis jetzt, bis sich in das bloße Überleben kleine Momente von Durchatmen und noch kleinere Momente von Erholung mischen. Ich habe bisher immer ausgehalten. Viele Male. Und vermutlich kann ich sagen, dass das durchaus gut und wichtig ist in Zeiten, in denen ich verzweifelt und hoffnungslos bin. Zeiten, in denen ich sicher bin, dass der Nebel, die Dunkelheit und die Schwere sich niemals lichten werden. Zeiten wie jetzt. Irgendwann haben sie sich bisher immer gelichtet. Der Verstand hält mich fest, weil er genau das weiß.
Es ist vieles in Bewegung und es ist immer noch schwer, an vielen Stellen. Manchmal scheint es ein wenig weniger schwer als noch 2,3 Wochen zuvor. Dazu "leichter" zu sagen wäre aber nicht treffend. Dennoch verliere ich weiterhin die Stunden und Tage. Wann war gestern und vor allen Dingen was war eigentlich gestern? Oder den Tag davor? Als löschten sich Momente, Erinnerungen von selbst, viele davon. (Eigentlich muss ich mich gar nicht wundern, dass die beiden Freundinnen, mit denen ich viel Zeit in den letzten 25 Jahren verbrachte, mir immer und immer wieder verschiedenste Dinge erzählen, an die ich mich erinnern sollte - und es in so vielen Fällen nicht kann. Ich bestreite oft, dabei gewesen zu sein - wobei Fotos das Gegenteil zeigen. Ich erinnere wenig.)
Die Messlatte liegt weit unten und ich zwinge mich immer wieder, wahrzunehmen, was es darüber geschafft hat. Das Lesen eines Artikels, vielleicht gar ein halbes Kapitel in einem Buch. Kochen. Duschen. Essen ohne mich anschließend übergeben zu müssen, weil meinem Körper scheinbar nicht nach Essen ist. Freunde, liebe Menschen treffen für eine Weile. 
In manchen Momenten ist Ruhe eingekehrt, da ist weniger rastloses Tun und Denken -  aber es pendelt hin und her und irgendetwas kann sich dann nicht für Rasten oder Rastlosigkeit entscheiden und vereint es im bewegungslosen Daliegen und gleichzeitiger Gedankenkarusselfahrerei. Oder da sind plötzlich Tage, an denen ich kaum aufhören kann zu weinen, obwohl ich noch niemals jemand war, der gut weinen konnte. Weiterhin bin ich zumeist entrückt, finde mich schwer nur zurecht in der Welt. Lautstärke aushalten ist schwierig und kostet viel Kraft. Ebenso kostet es Kraft, im Kontakt zu sein, was aber andererseits so wichtig ist, um diesem Leben nicht komplett zu entrücken.
Ich vermag tatsächlich gar nicht zu sagen, ob es besser ist als vorher. In jedem Fall ist es anders und es ist in Bewegung - und anders ist erstmal nicht verkehrt. Die Intensität ist weiterhin hoch und das Leben verlangt mir derzeit viel ab, ohne dass ich viel tue. Ich überlebe weiterhin, ich halte weiterhin aus und versuche mich fest zu halten an schönen Momenten. Das allerdings ist eine Aufgabe, die trotz der Tatsache, dass ich wenig "tue", eine fast unerklärbar schwere ist.

Dienstag, 12. September 2017

Willkommen

Willkommen sein. Ein gutes, schönes tragendes Gefühl. Ich fühle mich an vielen Stellen willkommen. Mein Lächeln, meine Geduld, meine Art. Manchmal auch mein Humor. Meine Empathie. Meine Fähigkeit zuzuhören. Mein Wille, mich einzusetzen für irgendetwas,das ich als wichtig erachte, zumeist meine Mitmenschen. Ich bin willkommen als Zuhörer. Bin willkommen als jemand, der an vielen Stellen vieles meistert. Bin willkommen als jemand, der "da" ist für Andere. Auf jeden Fall trägt das.
Aber so manches Mal fühle ich mich nicht willkommen. Ich fühle mich nirgends mehr willkommen, wenn das Licht erlischt. Wenn es dunkel wird in mir. Wenn meine Gedanken und Gefühle befremdlich sind. Wenn ich nicht mehr einfach zu sein scheine, sondern scheinbar plötzlich kompliziert. Wenn mein Erleben sich nicht mehr deckt mit dem der anderen, Wenn meine Welt zu laut ist und zu hell. Wenn ich zurückschrecke vor unerwarteten Berührungen, wenn ich erschrecke bei unerwarteten Bewegungen und Geräuschen. Wenn da Dinge sind, von denen ich weiss, dass sie nicht sind. Es ist nicht nur mein Rückzug, mein Rückzug, der im krank sein begründet liegt und nur durch viel Kraft überhaupt an der ein oder anderen Stelle überwunden werden kann. Es ist auch der Rückzug der Anderen. Weil ich wunderlich bin, Weil manch einer nicht weiss, was er tun soll. Weil manch einer sich distanziert von diesem anstrengenden Sein, das in mir wohnt. Ich fühle mich zuviel.  
Und es ist wieder und wieder dasselbe: da ist kein Raum für das Anders sein. Da ist kein Raum für Fehl-erleben. Da ist kein Raum für Wunderlichkeiten. Da ist kein Raum für Dunkelheit, da ist kein Raum für befremdliche Gedanken. Ich fühle mich raumlos und menschenfern. Nicht angenommen mit allem, nur das Einfache und Gute hat Platz. Vielleicht mag das unfair klingen, da ich ja weiss, dass manch einer sich bemüht, manch einer an dieser oder jener Stelle auch etwas sagt.  Manch einer anbietet: hey, ich bin da. Zumeist aber ist die Entfernung - selbst oder gerade wenn es zu Momenten kommt, in denen ich zeigen kann, was ist - groß und vergrößert sich eher noch. 
Ich bin haltlos in einem Leben, das ein dunkles ist und mir mehr abverlangt als ich auf Dauer zu tragen vermag. 
Ausgesucht habe ich mir das nicht. Ein wenig bin ich vielleicht so geboren, vor allem aber hat mein Leben mich zu dem gemacht, was heute ist.  Ich kann mich nicht entscheiden, mit oder ohne Erkrankung zu leben. Ich habe mich nicht entschieden, zu erkranken. Manchmal kann ich entscheiden, wieviel Raum ich ihr gebe. Oft aber bin ich entscheidungs- und machtlos. Und kann nur sehen, wie ich klarkomme. Wie ich überlebe.

Sonntag, 10. September 2017

Pläne und Realitäten.

Eigentlich war mein Plan, dieses Wochenende quasi nichts zu tun. Die einzige Verabredung traf ich im Vorfeld mit meinem Fernseher, um das BVB Spiel am Samsatg anzusehen. Bitter nötig ist mir eine Pause. Das ist insgesamt schwierig, weil die verschiedenen Situationen das nicht hergeben - Leben im Mehrgenerationenhaus, Schlafen im familialen Wohnschlafraum, viele zu erledigende Dinge bei laufendem Erbstreit, und zusätzlich einem rastlosem Inneren bei viel zu vielen dunklen eigenen Gefühlen undsoweiterundsofort. Aber vorgenommen hab ich es mir immerhin...
Fakt war dann, dass ich mittags der Mutter bei diversen Dingen half, K2 zur Geburtstagsparty brachte, eben noch schnell vergessene Einkäufe erledigte, zudem K1 eine dringend benötigte Sweatjacke kaufte und mit dem Gatten gemeinsam die Waschmaschine wieder herrichtete (sie pumpte kein Wasser mehr ab). Aber - dann sollte ja der Nachmittag kommen. Ich frühstückte Chips (weil Essen vor dem Nachmittag momentan einfach nicht geht) vor dem laufenden BVB Spiel, bis nach einer Viertelstunde die Mutter zu mir nach oben kam. Fortan schauten wir gemeinsam, bestellten spontan Sushi zum Abholen, aßen selbiges nach dem Spiel und gingen mit dem kleinen Kindelein aufs Pfarrfest nebenan, wo das große Kind und HerrNebeL bereits für den Verkauf grillten.
Bis auf die Hilfe am Mittag (die viel Geduld erforderte) war das eigentlich recht entspannt. Fort von daheim führten wir bei einem Glas Wein (die Mutter) und 2,3 Cocktails (ich) schöne Gespräche. Darüber, wie wir die Welt sehen, den Erbstreit beurteilen. Darüber, wie wir meinen Vater, ihren Mann empfanden. Und manches von früher.
Es ist schön, so mit ihr zu reden. Zumal ich dann auch in den Hintergrund drängen kann, wie hilfsbedürftig sie an so vielen Stellen ist. Natürlich hat sie immer noch ihre Empfindungen, Meinungen, die aus ihr heraus kommen und nicht die, die plötzlich aufpushen, wenn etwas zu schnell geht oder zu viel wird - wenn sie, um sich aus der Bedrängnis zu kämpfen an Stellen, wo sie nicht mehr folgen kann, schimpfig  und irrational wird - was sie früher  niemals war. Das heute aber war so eine Gelegenheit, wo sie einfach sie selber war. Und nicht betroffen vom Vergessen. Das sind wertvolle Momente. Für sie. Für mich. Aber sie kosten mich, auch wenn sie schön sind, auch wenn ich sie als einen Lichtblick des Tages betrachten mag, ungeheuer viel Kraft.  Kraft, die ich nicht mehr habe. Vielleicht auch auf dem Boden der Erkrankung der Mutter, dem gerade verstorbenen Vater, all den Dingen drumherum und dem derzeitigen Zustand, in dem ich selber mich befinde.
Ich brauche eine Pause. Weiß ich. Aber egal, wie sehr ich versuche, für mich zu sorgen - es gelingt einfach nicht.  Da ist kein Raum.  Ich fühle mich gefangen in allem.

Ich glaub, im Moment ist es hier wirklich schwer.

Montag, 4. September 2017

Reden. Oder nicht.



Reden über die Depression. Das ist bei mir schon oft ein Ausschlusskriterium an sich. Denn: wenn es schlimm ist, kann ich nicht reden. Dann habe ich keine Worte. Dann formt sich in meinem Hirn eine zähe, zusammenklebrige schwarzgraue Masse, mit der ich um jedes einzelne gesprochene Wort zu diesem Thema ringen muss. Ein einzelnes „Es geht mir nicht gut“ ist schon schwierig – wenn auch in all den Jahren hier und da leichter geworden. Aber prinzipiell muss ich auch das hart aus der Matscheklebermasse rauskämpfen. Und dieser einzelne Satz beschreibt eigentlichnur ein großes „Reingarnichts“. Er steht in einem ungefüllten Raum des Nicht-gut-gehens, das in jedem solch unglaubliche Facetten haben kann, dass dieser Satz einzeln da stehend eigentlich gar keine Daseinsberechtigung haben dürfte. De facto jedoch kommt es doch an so vielen Stellen überhaupt gar nicht erst soweit, dass dieser Raum im Gegenüber je mit Bildern, Ereignissen oder Gefühlen gefüllt werden könnte. Denn so oft führt schon diese Aussage zum Abbruch des Gespräches an sich. „Oh, das ist schade. Bis dann.“ Ende. Und wenn an der Stelle ich mich schon mit diesen wenigen, absolut indeskriptiven Worten mit meiner Matschekleberei im Hirn so sehr abgemüht habe – schweige beim nächsten Mal wohl wieder. Viel zu viel Anstrengung für nichts, außer vielleicht Enttäuschung. All die Jahre habe ich genau das wieder und wieder ähnlich erlebt. In den Jahren, in denen ich nicht wusste, was das in mir überhaupt ist. In den Jahren, in denen ich realisierte, dass ich psychisch krank bin. In den Jahren dazwischen. In den Jahren, in denen ich Namen für all das lernte. Die Andersartigkeit, mit der man mit Depression (und anderem) lebt, findet keinen Raum in dieser Gesellschaft, so wie selten Andersartigkeit Raum findet. Allenfalls Nischen. Aber die muss man erst mal finden....
Wenn ich aber wie gesagt, weit unten bin, depressiv bin, im Nebel versinke, hat mein Mund keine Worte. Ich glaube, manch einer mag mir da widersprechen, jedoch empfinde ich die meisten bisher geführten - sehr kurzen - Gespräche darüber als oberflächiges Kratzen an etwas, das tief geht, viel viel tiefer. Und wirkliche lange Gespräche habe ich mit Menschen aus meinem realen Leben wohl noch nie face to face geführt.
Wenn ich aber Glück habe in diesen Zeiten, dann kann ich schreiben. Dann sprudeln die Worte aus meinen Fingern oder meiner Hand nur so aufs Papier, als wären sie das Lösungsmittel für die sich verdichtende klebrige Masse der unaussprechlichen Worte in meinem Kopf. Ich kann den Raum, den ein „mir geht es nicht gut“ aufploppen lässt, füllen mit Bildern, Stimmungen, Gefühlen. Mit Ängsten und Bedrohlichkeiten, mit Leere, mit NebeL. Und so auch mit meinem LebeN in dem Moment, in den Zeiten. Ich kann spürbar werden lassen, was in mir ist. Das gelingt mir nicht immer. Aber immer wieder schon. Schon lange Jahre. Mal lyrisch, mal im Fließtext. Mal zusammenhangslos und mal fein säuberlich geordnet, als könnte ich mich innerlich durch das Schreiben selber analysieren und ein Stück weit selber nachvollziehen, was da gerade eigentlich passiert, dessen ich mir zuvor wenig bewusst war. Sehr oft ist mein Schreiben wohl genau dies. Ein Bewusstsein für mich in dem Moment, aber ich verstehe immer erst, wenn ich all dies später lese. Und bin wohl, seit ich schreibe schon, darüber erstaunt, was ich da eigentlich zu tun vermag. Ich staune über die Worte, die ich dann finde. Ich staune über mich. Und ganz manchmal mag ich das Depressionistentum dann sogar ein klein wenig, denn wenn das nicht wäre, wäre ich gar nicht in der Lage solche schweren, bedeutsamen, tiefsinnigen, tragenden Texte zu schreiben. Der Preis ist aber definitiv ein verdammt hoher. Denn auch wenn ich schreiben kann – so ist da noch lange kein Adressat. Und bisher gab es auch diese in meinem realen Leben nicht. Oder kaum. Vor 1,2 Jahren war ich spontan auf einer Lesung, auf dem im Schneeballprinzip selbst verfasste lyrische Texte gelesen wurden. Und ich las zwei oder drei von den Meinen und bekam gute Rückmeldungen. Aber – fast niemand kannte mich und der Kontakt zu denen, die ich kannte, ist ein sehr loser. Den ein oder anderen Text las eine Freundin. Und es war okay. Jedoch ist diese selber betroffen und somit im Thema. Sie verstand. Aber auch hier – der Kontakt ist eng, aber nur sporadisch. Der einzige Raum, in dem mein Schreiben einen Platz findet ist der geschützte Raum bei meiner Therapeutin. Und manchmal findet das Geschreibsel seinen Platz in der vitruellen Welt – die sich mit meiner realen jedoch kaum überlappt.
Ich empfinde es weiterhin so, dass da draußen kein Raum ist für Gedanken-, Gefühls-, und Wahrnehmungs-verirrte Menschen wie mich, die andererseits so „normal“ sind. Dabei weiß ich doch, dass ich nicht alleine bin, dass da so viele sind, die manches von dem kennen, das mich selber bewegt oder lähmt oder gefangen hält oder am Leben hindert. Warum also ist da immer dieses Schweigen? Ich mag gern ermutigen, zu reden. Weil ich finde, dass psychische Erkrankung wie vieles andere einen Raum in der Welt haben muss und nicht totgeschwiegen werden soll. Nichts verdient ein betretenes Wegschauen. Oder ein irritiertes Nicken und bloß schnell weitergehen. Drüber reden ist jedoch auch eine enorme Aufgabe für die meisten Betroffenen und halt nicht „mal eben so“ zu bewerkstelligen. Ich habe hier zumindest meinen Erklärungsversuch, warum ich das kaum kann, dieses Reden.

Mittwoch, 23. August 2017

Zurück - Dankbarkeit

Mehr als zwölf Jahre ist das große Kind bei uns. Zwölf Jahre. Die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte sie bisher mit uns. Und begann nach und nach, die Welt zu entdecken. In kleinen, sich langsam ausdehnenden Kreisen.
Die erste Fahrt weit fort von uns war eine Klassenreise nach England inklusive eines Besuches in London in diesem Juni. Kurz vorher - Terror in der Hauptstadt. Bedenken in den Kreisen der Klasse, Bedenken auch bei uns. Natürlich fuhr sie dennoch einen Tag nach London. Sie soll doch die Welt entdecken! Sich nicht verstecken vor dem, was sein könnte. Immer und überall. Dennoch war ich froh, als sie nach knapp einer Woche wohlbehalten zurück war.
Nun war sie mit der Familie ihrer Freundin fort. Drei Wochen in Nordspanien, ich sah sie zuletzt am 2. August. Letzte Woche dann ein Anruf von ihr:
"Sag Mama, hier war ein Terroranschlag, aber uns geht es gut" sagte sie zu ihrer Schwester, weil ich gerade Auto fuhr. "Alles klar, ich gehe eben in die Apotheke" - es war kurz vor Ladenschluss - "grüß schön" sprach ich zum kleineren Kind. Und erst in der Apotheke kam in meinem Gehirn überhaupt an, was die Große mir gerade hatte ausrichten lassen.
Barcelona. Sie war in Barcelona. 
Ohne ein "Guten Tag" fragte ich die Apothekerinnen, ob ihnen etwas bekannt sei von einem Terroranschlag in Barcelona. Und die Damen schauten nach einer ersten Verwunderung ob dieser Frage ins Internet. Terror in Barcelona.
Meinem Kind ging es gut. Sie saß zum Zeitpunkt des Telefonates in einem fastfood Restaurant und freute sich mit ihrer Freundin, die unter Zöliakie leidet, dass es dort glutenfreie Burger gibt. Und sie hörten permanent Sirenen. 
Den Rest des Abends verbrachten sie damit, aus Barcelona heraus zu gelangen. Und wir verbrachten den Rest des Abends vor dem Fernseher. Einerseits krank vor Sorge. Andererseits entrückt in die Unwirklichkeit, gleichzeitig stets Nachrichten mit dem Kind austauschend. Irgendwo mitten in all diesen Straßensperren stand das Kind, das die meiste Zeit seines Lebens mit uns verbracht hatte und nun weit, weit weg war, an einem Ort, wo der Terror noch nicht gebannt schien. Und wir Eltern waren nicht mal bei ihr. Gegen Mitternacht eine Nachricht, dass sie im 1 1/2 Stunden entfernten Urlaubsort angekommen seien. Durchatmen.
Seit soeben ist sie wieder daheim. 
Sie hatten eine kleine Bootsfahrt gemacht an diesem Tag. Und liefen weniger als eine Stunde vor dem Attentat über eben dieses Stück der LasRamblas. Weniger als sechzig Minuten. 
Dankbar.
Und getroffen.
Und ohnmächtig.


Sie ist da, wo sie nun sein sollte. Gesund und wohlbehalten hier bei uns. 
Und sie wird weiter hinausziehen in die Welt, egal wie erschüttert ich auch bin. Ich kann sie nicht festhalten. Ich kann sie nicht beschützen vor der Welt - und will es eigentlich auch gar nicht, weil sie doch lernen muss, in ebendieser zu leben.
Und dennoch ist da neben dieser unendlichen Dankbarkeit eine fast ebenso große lähmende Betroffenheit. 

Montag, 14. August 2017

Grad so


Sich entordnendes intrinsisches Gedankentum steht im Kontrast zur äußeren Fassade. Innen und Außen entfernen sich voneinander und die inneren, nicht verbalisierbaren sondern nur der Verschriftlichung zugänglichen Gedanken entwickeln eine Eigendynamik, die das Außen nach und nach zu lähmen vermag. Es fühlt sich nicht mehr an wie von Einem gesteuert - mein Außen und Innen grenzen sich voneinander ab und werden eigenständig, nicht mehr zwei Seiten von einem sondern einfach zwei.
Deren Coexistenz wechselt in der Verhaltensweise zwischen einander entgegensetztem Kampf und zeitweiliger Führungsübernahme. Wenn das Außen die Führung greifen kann, dämmt es das Innen ein, die Entordnung wird gelenkt und in ihre Schranken verwiesen. Fällt jedoch die Notwendigkeit weg, dem Fassadentum die Führung zu überlassen, beginnt das Innen an den Ufern zu lecken und lässt den Gedankenfluss sich ausbreiten ins Uferlose - bis das Außen wieder in der Lage ist (oder die Notwendigkeit, funktionieren zu müssen besteht), Einhalt zu gebieten.
Und mittendrin kraftlos ein Ich, das nicht mehr weiß, welchem Teil es nähersteht. Ein Ich, das nicht mehr weiß, woher es all die Kraft nehmen soll, sowohl die inneren Kämpfe, deren Kontrollmöglichkeiten durch es zumindest auf einer Seite nur noch minimal zu sein scheinen, auszuhalten, als auch immer wieder dem Außen alles erdenklich Mögliche zuzuspielen, weil so unglaublich viele Verantwortlichkeiten in seiner Hand liegen. Ein Ich, das von weiter fort dieses Durcheinander betrachtet und eigentlich nur ein wenig Ruhe möchte.

Sonntag, 13. August 2017

Nichts

Drückende Gedankenschwere in der Düsternis, angefüllt mit aneinandergereihten Siinnlosigkeiten, die mit wenig Bezug das Bewustsein durchstreifen ohne etwas zu bewegen ausser sich selbst. Sie erlauben keinen Zugriff auf Stille, keine Möglichkeit, einzutauchen in die Ruhe, die ein Stück weit Erholung bringen könnte. Stets ist in mir steuerungresistente innere Rastlosigkeit, die Kraft raubend sich ausbreitet. Ich bin erschöpft. Und wenn sich Raum auftut, in irgendeiner Form in Ansätzen überhaupt nach Wegen suchen zu können, so zeigt sich das absolute innere Dilemma, keine Chance zu haben, mch zu kümmern. Denn auch wenn ich weiß, was gerade wichtig wäre, bin ich gefangen im System der Verantwortlichkeiten in erster Linie für Andere. Gefangene in der Schleife der erwarteten Funktionalität des eigenen Seins, gefangen nicht zuletzt in der Schleife der Inszenierung des eigenen Selbst. Und so kriechen Rastlosigkeit und Schwere einerseits, Leere und Verzweiflung andererseits in jeden Teil meiner Hülle, weil ihnen das geistige Sein nicht mehr reicht und schmerzen körperlich. Die Glieder sind schwer, und ich habe Mühe sie zu halten. Selbst das Offenhalten der Augen verbraucht mehr Energie, als ich glaube zu haben. Ich gleite tiefer hinab in die Dunkelheit ohne notwendige Ruhe zu finden, ohne Möglichkeiten, Kraft zu tanken, da selbst die Dinge, die das Potential besäßen, mir ein Stück weiterzuhelfen, derartig viel Energie und Kraftaufwand erfordern, dass der Nutzen letzlich fast negativer Natur ist. Da ist nicht mal Raum zu trauern, weil alles in mir bereits angefüllt ist mit der bloßen Bewältigung der alltäglichen Grundlegenheiten. Ich verliere mich selber und bin nicht in der Lage, mich zu halten auf Dauer. Ich weiss, dass ich so nicht lange mehr weitermachen kann. Alternativen jedoch sehe ich nicht, Ideen habe ich keine und versinke so resigniert und kraftlos im NebeL. Bis der Alltag ein weiteres Funktionieren erfordert und ich weitermache. Unterm Strich bin ich derzeit zu angefüllt mit der Notwendigkeit, für Andere zu funktionieren und dabei selber überhaupt zu überleben, dass für mich nichts weiter mehr übrig bleibt als nichts.

Donnerstag, 10. August 2017

Vorabend

Es ist der Vorabend der Bestattung meines Vaters.
Ich sitze in der Nähe der Kieler Förde bei milden Temperaturen mitten in der Nacht auf dem Balkon. Wir sind zu neunt angereist. Die Schwesterfamilie mit einem Kind und wir mit einem Kind sowie zwei Tanten. Die beiden anderen Kinder sind in den Ferien mit Freunden und haben selber so entschieden. Wir mussten ein paar Hundert Kilometer hierher fahren. 
Kurz vor seinem Tod sprach ich es offensiv an, das Thema der Bestattung und erzählte, dass es die Möglichkeit gäbe, an einem seiner Herzensorte eine Seebestattung durchzuführen. Er war gleich einverstanden und zufrieden genau damit. Es war rund, auch weil seine Frau, meine Mutter, gleich ebenso sagte, dass sie sich genau dasselbe für sich wünsche. 
Keiner von uns ahnte, dass er zwei Tage nach diesem Gespäch bereits tot sein würde.
Kurz vorher wusste er es möglicherweise. Aber er war ein tapferer  Mann, der das meiste für sich selber trug.
Ich erwähnte bereits, dass ich genau weiss, dass er stolz war auf mich. Und genau dies hörte ich heute nochmal ganz konkret von der Schwester, der er dezidiert sagte,was ich bereits in ihm gelesen hatte, zwischen den Zeilen spürte und mir aus konkreten Momenten zusamenfühlte.
Es ist besonders, zu wissen, wie stolz ein Elternteil, ein gewähltes Elternteil war und vielleicht auch ist. Ein Elternteil, das mich jahrelang von außen durch dunkelste Zeiten geleitete, wenn ich es denn zuließ, ein Elternteil, das immer da war, wenn ich es einforderte, ein Elternteil, das in die Rolle des Vaters hininwuchs, auch wenn es gar nicht mein Vater war. Er war ein besonderer Mensch - so wie ich glaube, dass ein jeder ein so besonderer Mensch sein kann. Aber er war ein besonderer Mensch für mich. Mit all seinen Macken und Fehlern, aber eben auch mit all seiner Liebe, Wertschätzung und Loyalität, die nur ein Vater seinen Kindern entgegenbringen kann. Mir hat er ebendies entgegengebracht und dafür bin ich sehr dankbar.
Morgen werden wir mit dem Schiff hinausfahren auf die Kieler Förde und ihn an einem seiner Herzensplätze gehen lassen. Aber in meinem Herzen wird er bleiben voller Dankbarkeit und voller Wundersamkeit über all das, was er war, ist und bleibt.

Sonntag, 30. Juli 2017

Vom Funktionieren

Ich funktioniere. Ich funktioniere meistens. Ich funktioniere, wenn es mir nicht so  besonders gut geht. Wenn ich mal einen schlechtern Tag habe oder mies gelaunt bin. So, wie wir das alle tun. Die Nerven sind dann zumeist daheim ein wenig gespannt, aber wer kennt das nicht. 
Ich funktioniere jedoch auch, wenn das Dunkel aufzieht. Wenn mir die Luft zum Atmen wegbleibt, wenn der Schlaf kein erholsamer mehr ist, wenn ich denn überhaupt schlafen kann. Wenn die Träume verrückt spielen, und ich von einem Alptraum in den nächsten schlittere. Nicht eine Nacht, sondern nahezu jede. Ich funktioniere, wenn die Leere Besitz von mir ergreift, wenn sich mein Sein vernebelt. Wenn die Geräusche zu laut sind, das Licht zu hell. Wenn es mühsam ist, einem Gespräch zu folgen, weil sich die Konzentration so sehr auf die basics des eigentlichen Seins konzentrieren muss, dass kaum noch Platz für Anderes bleibt. Ich funktioniere, wenn mir die Glieder schwer sind vor der Last des Alltags. Ich funktioniere, wenn meine Gedanken nicht stillstehen können und mich schier in den Wahnsinntreiben und nur noch das stille Zählen von Dingen ein wenig Rast in das Gedanken-Karussell bringt. Ich funktioniere, wenn ich innerlich längst zusammengekauert in der Ecke hocke und mich nach Beruhigung sehnend vor- und zurückwiege. Ich funktioniere einfach weiter und putze die Fassade. Wer mich nicht näher kennt, bemerkt das nicht mal. Und die, die mich kennen, bemerken es oft nur dann, wenn sie genau hinschauen. 
Das Funktionieren ist so ein Ding mit zwei Seiten. Ich funktioniere immer lange. Viel zu lange. Denn in den meisten Fällen stürze ich danach tief, sicherlich tiefer, als ich gestürzt wäre, wenn ich denn früher innegehalten und mich gekümmert hätte. Oder mich versucht hätte zu kümmern. Oder in vielen Fällen Hilfe in Anspruch genommen hätte. Letzteres ist ein Punkt, den ich möglichst lange hinauszögern will. Immer. Denn es liegt mir gar nicht, überhaupt Hilfe zu benötigen, geschweige denn anzunehmen oder gar aktiv danach zu fragen. Ich möchte alles mit mir selber ausmachen, alles selber schaffen, niemandem zur Last fallen. Mich in schlimmen Zeiten niemandem zumuten. Und ich will mich gar nicht erst zeigen. Will nicht offenbaren, was denn unter dieser Fassade tatsächlich ist. Die Fassade ist nicht eine gänzlich falsche, die Fassade bin auch ich, sie gehört auch zu mir und meinen eigentlichen Empfindungen Aber in vielen Momenten ist sie eben nicht authentisch, weil es im Innen gerade ganz anders aussieht. 
Da sind aber auch Zeiten, in denen mich das Funktionieren und die Fassade hochhalten. Mir Struktur geben, mir einen geregelten, bekannten Alltag ermöglichen, der mir Sicherheit gibt, an dem ich mich entlanghangeln kann, wenn im Innen das Chaos tobt. Oder die Leere. Oder das Dunkel. Wenn mir der Nebel die Sicht nimmt, kenne ich mich in meinem Alltag so gut aus, dass ich ihn dennoch bewältigen kann. Und hier kommt die Crux - wo hört das "gute" Funktionieren auf, das Sicherheit gibt, und wo fängt das "schlechte" Funktionieren an, das mich weit über alle Grenzen treibt? Nach all den Jahren, in denen mich verschiedene, psychiatrisch titulierbare Seelenzustände eng begleiten, fällt es mir immer noch schwer, das herauszufinden. Es ist immer noch schwer, mich selber wahrzunehmen und zu bewerten in einer Depression, in dissoziativen Zuständen sowie Belastungszuständen, um eben dann die Formen des eigenen Funktionierens  voneinander abzugrenzen zu können.
Darüber hinaus drängt die eigene Situation mich oft dazu, auf jeden Fall zu funktioneren - ganz ab von meinem Berufsleben. Denn mein eigentlicher "Hauptjob" ist entfernt von einer Arbeitsunfähigkeit: 
Ich liebe es, Familie zu haben. Und mir ist nie etwas Schöneres passiert, als Mutter sein zu dürfen. Aber ich habe auch noch nie etwas Schwereres getragen. Auch in schlimmen Phasen muss es zu Hause weitergehen, muss es einen Alltag für die Kinder geben, muss ich als Mutter "da" sein, auch wenn ich gar nicht mehr kann. Das ist zumindest mein Anspruch an mich, und der ist ein Stück weit auch okay so. Aber irgendwann kommt auch hier wieder der Punkt, an dem ich vor der Frage stehe, ob das Funktionieren noch ein "gutes" und "tragbares" für mich ist, oder ob ich mit dem mir selber auferlegten Funktionieren-müssen alles nur noch verschlimmere. Dummerweise kam diese Frage bisher selten wirklich in solchen Situationen auf. Ich kann sie tatsächlich zumeist erst rückblickend reflektiert betrachten. Wobei es dann im Regelfall bereits zu spät ist. 

Das Funktionieren kann ein Segen sein, der mir den Kopf über Wasser hält. Und ein Fluch, weil es mich , den Kopf gut über wasser halten könnend, weit ins offene Meer treiben kann, bevor dann heimtückisch von unten der Strudel kommt, der mich doch in die Tiefe zieht. 

Immerhin weiss ich darum. Ich weiss sogar gut darum. Aber Wissen heisst nicht, dass ich in der Lage bin, dieses auch an mir selber anzuwenden. Es wird besser, von Mal zu Mal. Aber es erfordert ein ewiges Auf-der-Hut-sein, was wiederum immer auch ein Stück weit Energie kostet.

Und im Regelfall läuft all das unbemerkt ab von aussen - und das ist wohl einer der Gründe, weshalb so wenige Menschen auch nur annähernd einen Blick dafür haben, was es bedeutet, depressiv zu sein, psychisch krank zu sein. Denn so vieles passiert einfach im Verborgenen - unsichtbar für die Augen Anderer.

Donnerstag, 13. Juli 2017

Von Papieren und vom Handeln

Dinge wie Patientenverfügungen, Vorsorgevollmachen, Betreuungsverfügungen und dergleichen lassen den Laien recht ratlos auf Papiere und Vordrucke blicken. Und zudem erledigen sie sich niche "eben so". Seit langem wird das Thema hier immer wieder angesprochen. Die Notwendigkeit. Immer wurde ihr zugestimmt. Passiert ist nichts. Es ist schwer, der Endlichkeit ins Auge zu sehen, erst recht, wenn man selber betroffen ist. Umso wichtiger jedoch die Vorsorge, dass im eigenen Sinne gehandelt wird. Auch dann, wenn man selber seine Wünsche nicht mehr zu vertreten in der Lage ist. Dazu aber muss geredet werden. Und der Mensch, der sowieso ungerne über sich redet, der Mensch, der sich in einer schweren Belastungssituation befindet hat damit sicherlich große Mühe. Eben solche Gespräceh dennoch von aussen zu forcieren ist nicht so einfach. Ich zumindest hatte immer das GEfühl, weit in die Persönlichkeitsrechte des Vaters vorzudringen, je näher ich mich an diese Dinge wagte. Ihn zu zwingen zu Dingen, die er lieber weit, weit fortschieben wollte. Das machte es mir nicht einfacher. Manche Wünsche kannte ich. Die meisten Wünsche vermutete ich. Aber dies hätte rechtnlich niemals auch nur den geringsten Bestand, da ich von Rechts wegen von dem Mann, den ich hier Vater nenne, einfach gar nichts bin. Um so wichtiger also waren gültige Papiere....
Heute ließ ich alle Bedenken und Vorbehalte dazu fallen. Er war gut drauf und mitten im Hier und Jetzt und ich besprach, erklärte und kreuzte auf Anweisung hin an. Pragmatisch, ehrlich und offen. Und wir konnten manche wichtigen Papiere ausfüllen. Wir besprachen seine und unsere Bestattungswünsche. Mittendrin half ich beim Aufstehen, beim Umlagern im Bett, beim Toilettengang. Völlig frei und selbstverständlich. Und er liess mich nicht nur gewähren sondern konnte all dies in Ruhe und Dankbarkeit und Selbstverständlichkeit annehmen. 
Die wohl beste Lösung, ihn gut zu versorgen, wäre die Inanspruchnahme von Pflegezeit - unbezahlten Urlaub vom Job, um ihn zu pflegen.  Dies ist aber nur möglich bei Angehörigen - was wir ja eben nciht voneinander sind. So hoffe ich, dass wir in der Lage sein werden, ihm dennoch seine Wünsche weitestgehend eben mit Hilfe der ambulanten palliativen Pflege zu ermöglichen, oder dies eben so lange es geht. 
Ich bin nah dran mit meinem Herzen. Aber ich bin eben auch ein Stück weit professionell. Kenne manchen Kniff und Trick und die richtige Bewegung. Medizinische Begriffe und Behandlungen sind mir nicht fremd. Hier und da mögen auch ein gutes Auge und eine realistische Einschätzung der Situation dazu kommen, wenn auch gewiss nicht immer. Aktiv sein und Dinge in diesem Bereich zu regeln, fällt mir nicht schwer. Ich bin die Handelnde. Aber ich lerne auch, zu deligieren, weil ich gar nicht alles alleine schaffen kann. Und es auch gar nicht will. Tatsächlich verzahnt es sich hier aber genau dadurch, dass ich beginne, die Anderen, die zumeist hilflos sich fragen, was sie tun können, zu versorgen mit Aufgaben. Und viel wichtiger dabei ist, dass es sich ergänzt und dadurch weit umfassender werden kann, als ich allein es leisten könnte. HerrNebeL findet, ich mache das alles verdammt gut, ich aber finde, WIR machen das alles wirklich ziemlich gut. nd ich hoffe, dass wir genau das gemeinsam durchhalten können. Bis zum Schluß.

Montag, 10. Juli 2017

Durcheinander

Der Alltag hier ist derzeit ein Durcheinander des steten Alltages - Arbeiten für HerrnNebeL und mich, Schulalltag und Freizeitaktivitäten der Kinder - beides mit allem Drum und Dran - gekoppelt mit der zunehmenden Hilfe- und Pflegebedürftigkeit meiner Eltern. In den letzten Wochen ging es in jeder freien Minute um die Feststellung des Bedarfes an Hilfe, Beantragung von Pflegegrad, Gespräche mit ambulanter Palliativpflege, Gesprächen mit Ärzten, den Eltern, dem Vater, der Mutter. Und efertig sind wir damit noch nicht... Es ging und geht um Ideenfindung, wie wir was organisieren müssen, wie wir wem von beiden helfen müssen. Wo wir Hilfe brauchen. Und wo wir Hilfen bekommen. Ein bürokratischer Aufwand sondergleichen. Zudem ist das Führen von Gesprächen mit Ärzten oder anderen Personen recht schwierig, wenn man selber im  Beruf steht und noch nach den Kindern schauen muss. Abends ist selten noch ein Verantwortlicher zugegen - selbstredend nicht. Irgendwann letzte Woche schrieb ich einfach einen Zettel mit der Anregung verschiedenster durchaus gravierende Dinge - die mein Vater nicht mehr besprechen konnte und meine Mutter leider weder verstand und zudem vergaß. Es ging um Schluckstörungen, um Morphine und parenterale Ernährung. Ich legte diesen also ins Krankenzimmer, erklärte mich dem Vater nochmals, dessen Wünsche dahingehend mir bekannt sind und nahm ihm das Versprechen ab, den Zettel einem verantwortlichen Arzt in die Hände zu drücken. Was er auch tat. Glücklicherweise kam kaum später meine Schwester dorthin und konnte nochmals das Ganze auch persönlich erklären. Und siehe da, endlich wurden Morphine angesetzt und bei Notwendigkeit der Wunsch der unterstützenden Ernährung aufgegriffen. Eine durchaus unkonventionelle Art der Arzt-Angehörigen Kommunikation, aber nun, einfach ist es eben einfach nicht. Und mir, uns war es wichtig, endlich eine weitestgehende Schmerzfreiheit zu erreichen. Kein totkranker Mensch sollte auch noch Schmerzen haben müssen, wenn dies eben abgewendet werden kann... Neben all der ganzen Organisation noch Tochter sein, begleiten, allen gerecht werden. Und neben der Krebsgeschichte noch die Demenz der Mutter tragen, Diagnostik anleiern - was das eine ist und auf den Weg gebracht - auch das Tragen des Alltags mit einem Menschen, der viele klare Momente hat, aber leider zunehmende Lückenmomente. Momente, die das tägliche Kontrollieren notwendig machen an vielen Stellen. Die Umrüstungen im Haus notwendig machen, um vorzusorgen. Vor allem aber - das Aushalten. 
Es ist schwer, auszuhalten, wie der Vater abbaut. Zu sehen, wie er Schmerzen hat, wie er sich verschluckt, wie er nichts mehr isst. Wie er kaum trinkt und eintrübt. Wie er völlig schläfrig weit, weit fort ist bei einem neuerlichen Infekt bei Leukopenie. Wie er immer mehr abwesende Momente hat. Wie er sich selber wundert, dass ihm einzelne Tage - Tage an denen es ihm schlecht geht - einfach verliert, obwohl er eigentlich kognitiv noch recht gut dabei ist. Langsam, aber dabei. Wie er nicht mehr gehen kann. Oder schreiben. Wie sehr es ihm weh tut, das nicht mehr zu schaffen. Wie er Hilfe braucht beim Aufstehen und Umsetzen. Auch, wie er überrascht ist, dass ich genau das kann - mein Arbeits-Ich ist der Familie ja fremd.
Schwer ist das, und weh tut es auch.
Aber viel schwerer auszuhalten sind die Gedankensprünge der Mutter. Das so sehr verlustig gegangene Kurzzeitgedächtnis. Das tagtägliche, stündliche, ja ewige Suchen von Irgendetwas.  Die kaputten Schallplattengespräche. Das Miterleben, wie sehr gewohnte, jahrelang gewohnte Tätigkeiten sich durchmischen, strukturlos werden und ihre Form verlieren. Das Umschlagen der Stimmung. Das Nicht-mehr Verstehen von Zusammenhängen und das gleichzeitige Durcheinanderbringen dessen, was sie verstanden hat. Fehlende zeitliche Orientierung. Störungen im Sprachverständnis. 
Das alles macht mir noch viel, viel mehr Mühe. 
Ich bin zudem aufgrund der räumlichen Nähe immer mittendrin. Da sind kaum noch Pausen für mich selber, keine Ruhe, keinerlei Abstand. Es zehrt, wenn auch das "da -sein" für beide selbstverständlich ist. Es ist schwer, geduldig zu bleiben, wenn auch bestimmt, aber eben geduldig mit ihr. Vor allem: es gibt keine Rast, nichts zum Auftanken. Alles, was es gibt, ist das Wissen, dass erstmal alles nur noch schlimmer werden wird, bevor das Ende kommt.

Freitag, 30. Juni 2017

Lebens-Abschied

Neulich, am Meer.

 


Viele Eindrücke gesammelt habe ich. Viele Momente aufgesogen. Mich in manchen Momenten tränennah weggedreht in dem Wissen, dass es einige meiner letzten Eindrücke von ihm sein werden. Diese Eindrücke waren nicht mehr frei, sondern bereits geprägt vom deutlichen körperlichen Verfall, gezeichnet durch den Krebs. Noch einmal wollte er all das sehen, was er seit Jahren zu dieser Zeit sieht. Noch einmal ans Meer, noch einmal dieses große Segler Event als passionierter Segler von ganz nah anschauen.



Abschied. Seiner von der Welt, Stück für Stück. 
Und unserer von ihm.

Samstag, 27. Mai 2017

Abschiede

Abschiede rühren so eine zarte Saite an in mir; vor allem Abschiede von den Menschen, die in irgendeiner Form bedeutsam sind für mich - wobei diese Bedeutsamkeit die verschiedensten Ausprägungen, Aspekte und vorhergegangenen Begegnungen beinhalten kann. So  wird sie angeschlagen, die Saite in dem einen Moment der Abschiednahme, und beginnt zu schwingen in mir. Zu tönen, und der Ton trägt sich fort und füllt aus. Füllt mich aus und berührt. Er findet seinesgleichen, der Ton, oder sein Pendant und setzt wiederum einen weiteren Ton in Bewegung. Einen weiteren Ton, der einst gewesen ist, oder vielleicht gerade erst war. Oder auch der, der bevorsteht und so unausweichlich ist. Und davon finden sich manche, ganz nah oder weit fort. Und so vermischen die Anschläge der Saiten sich in mir zu einem einzigen, harmonischen, doch klagenden Klang in Moll, der Türen öffnet, die ich doch so gern verschließe. Denn all zu oft tut es weh, das Hinschauen, das Hineinschauen in die Räume hinter diesen Türen. Viel zu oft wohnt dem entstehenden Anfang eben kein Zauber inne, sondern viel zu viel Schmerz, viel zu viel drohendes und wahrhaftiges Neuland. Viel zu oft ist das Ende eben mehr ein endgültiges, schmerzhaftes, unausweíchliches, zu verkraften müssendes Ende, als eine Chance auf einen vielleicht fruchtbaren Neubeginn. 
Abschiede beinhalten verlustig gehende Vergangenheit, abgelöst von fremder, sich neu finden müssender Gegenwart mit ungewisser Zukunft. Und an so vielen Stellen ist eben dies schlicht und einfach schmerzhaft und zunächst mal in keiner Form gewinnbringend. Und wenn sich dann, bedingt durch den Anschlag des einen Abschiedes, all die Innenklänge vereinen, so entsteht ein Klagelied, das an den Fasern meines Seins zerrt, das mein Innen erfüllt mit Trauer, Unbehagen und Schmerz. 
Und es geleitet mich im Dunkeln in den Schlaf, mit der Hoffnung in mir, dass es bald verklingen möge, da es mich mit so großer Schwere erfüllt.

Mittwoch, 5. April 2017

Vom Vergessen

Es kam schleichend, das Vergessen. Gespräche wurden mehrmals geführt. Gehörtes vergessen. Aber nun, sie wird älter, dachte ich. Die Brille war hier und da. Aber - war meine das nicht auch allzu oft schon? Fragte ich doch so häufig früher (bevor ich die geliebte, obergemütliche superverglaste Brille hatte) HerrnNebeL, wo denn meine Brille sei. Ganz normal vielleicht?!
Dann kamen die Zettel. Mal hier und mal da. Der Kalender nahm an Wichtigkeit zu. Die Zettel auch. Manchmal auch mehrere Zettel zu ein und demselben Thema. Und - wundersamerweise verschwanden auch die Zettel. Und weiterhin die Brillen. Gezogene Parkscheine verschwanden auch - und sie musste mehr als mehrmals den Tagessatz an Parkgebühr zahlen. Aber ich doch auch schon mal. Das kann ja mal passieren. Oder? 
Irgendwann war das Schönreden nicht mehr möglich. Und ganz eigentlich wussten wir schon lange, dass es ein Schönreden war. Heute vergisst sie, das Licht zu löschen. Überall. Vergisst, die Garage zu schließen. Vergißt Termine, trotz Kalender. Trotz Zetteln. Nicht immer. Aber immer wieder. Gespräche werden zur kaputten Schallplatte. Mal mehr, mal weniger. Wenn sie ein Kindelein einsammeln soll, kann ich mich nicht mehr darauf verlassen. Ich rufe sie vorher an, bitte sie, noch dies und das mitzunehmen, wenn sie das Kind irgendwo abholt, kurz bevor sie fahren muss. 
Geschenke, die sie verstaut, bevor der Anlass des Schenkens da ist, sind oftmals verschollen. 
Die Zusammenstellung der Wäsche hat sich verändert. Kaum mehr Ordnung, ein ziemliches Durcheinander. Sie wäscht seit jeher viel, auch für uns. Jeder Widerstand war zwecklos. Heute aber verursacht das phasenweise mehr Chaos als alles andere. Manchmal wäscht sie ohne Waschmittel. Manchmal vergisst sie, die Wäsche einzuschalten. Und faltet später die "frische", jedoch die de facto ungewaschene Wäsche wieder zusammen. Manchmal ist aber auch alles gut. 
Ein großer Teil ihrer Tage besteht manchmal aus Suchen. Und wenn ein Ding aufgetaucht ist, so sucht sie das nächste.
Manchmal weiss sie selber, dass sie vergisst. Aber auch sie redet es sich schön. Bagatellisiert. Verdenken kann ich es ihr nicht. In solchen Momenten bin ich ehrlich, aber nicht schonungslos. In den meisten anderen Momenten ist alles, wie es ist. Ich konfrontiere nicht. Ich diskutiere nicht, ich gehe mit ihr, trage ein Stück Alltag in unserem Zusammenleben. Lösche die Lichter, kontrolliere manche Stelle, wasche und falte erneut, nehme Geschenke an mich und verstaue für sie. 
Noch ist sie nicht allein, noch hat ihr Alltag Struktur, noch ist ihr Mann nahezu immer da. Aber das wird sich ändern. Vielleicht ganz bald, vielleicht ein wenig später. Ich fürchte mich sowieso vor dieser Zeit. 
Aber die Zeit danach fürchte ich wohl erst recht - in der Annahme, dass das Vergessen dann noch mehr Vergessen sein wird, als es heute bereits ist.

Samstag, 25. März 2017

Geburtstags- und Zeitdinge

Das grosse Kindelein feierte diesen Monat seinen Geburtstag. Zwölf Jahre ist sie bei uns, bereichert unseren Alltag und lässt mich oft staunen. Die Art der Geschenke wandelt sich mehr und mehr - allerdings war dieses Mal sogar wieder eine Art Spielzeug (Disko Roller) dabei. Ansonsten aber finden sich vorwiegend Wünsche nach Kosmetika, Kleidung und praktischen Dingen. Glücklicherweise wusste ich schon im Vorhinein, dass ihr der Stoff und der Schnitt des diesmal produzierten Nähteiles auf jeden Fall sehr gefallen. Es ist mit zunehmendem Alter der Kinder tatsächlich nicht mehr so leicht, selbige ohne explizite Stoff- und Schnittwünsche zu benähen. Aber es hat dieses Mal funktioniert:
Das große Mädchen bekam diesen Pulli - wie neulich erwähnt - in Größe 38, das kleinere Mädchen den gleichen in 152:

Wie jedes Jahr gab es den morgendlichen Geburtstagskranz - in Ermangelung ausreichender Plätze für die Kerzen - jedoch nur jeweils eine für zwei Lebensjahre.





Der Nachmittag gestaltete sich wie alle Geburtstagsnachmittage mit der Familie. Was etwas schwieriger geworden ist, seit wir unser Schlafzimmer in den Wohnraum verlagert haben. Vor allem  dank Patchworkfamilie, sind wir eben doch eine ganze Menge Menschen. Wenn auch nicht mal alle da waren.  

Wie groß die Kinder geworden sind, fiel mir heute nochmals auf - das große Nichtenkind feierte seinen 14. Geburtstag. Hier wird inzwischen ausschließlich Geld gewünscht, was das Nichtenkind zumeist in Pferdekram investiert. Sie teilt sich das Hobby mit dem Pferd-besitzenden leiblichen Opa und ist in vielen freien Minuten am Stall anzutreffen.

Es scheint manchmal, als sei kaum Zeit vergangen, seit die beiden auf der Welt sind. Und andererseits ist es für mich nicht mehr vorstellbar, wie es jemals ein Leben ohne meine Kinder gegeben hat. Es ist so selbstverständlich, so klar, dass sie da sind, als wäre es niemals anders gewesen. Erinnerlich ist mit die kinderlose Zeit zweifelsohne, und dennoch kann ich es mir kaum mehr vorstellen, dass es wirklich eine Zeit ohne sie gab.  Noch sind sie nah dran an mir, und ich an ihnen, auch wenn sie weiterhin selbständiger werden und ihre Wege gehen. Wer weiß, wie es einst wird, wenn sie diese Wege gänzlich ohne mich meistern werden - und mich hoffentlich im Kopf und Herzen als "immer für sie da seiend" wahrnehmen. Sie schreitet so ungeheuer schnell voran, die Zeit. Als seien diese zwölf Jahre mit der Erstgeborenen kaum mehr als ein paar Augenblicksblinzler gewesen.
Tatsächlich sind das solche Momente, die man sich als junger Mensch kaum vorstellen kann - wenn ein älterer - oder ein ganz alter erst recht - Mensch davon spricht, wie die Zeit rast. Seit einigen Jahren rast sie wirklich. Und ich bin sicher, sie wird es noch mehr tun, je mehr von ihr verstreicht.

Diese beiden Geburtstage waren der Auftakt des Geburtstagsmarathons im Frühling. Morgen folgt der Schwiegervater (der zum eigentlichen Geburtstag immer ausgeflogen ist, aber morgen wird nachgefeiert), dann folgen die Tante, HerrNebeL, mein Stiefvater und ich. Kurz darauf die Schwiegermutter, dann das kleine Nichtenkind und einen Monat später unser kleineres Mädchen. Und dann ist familientechisch erst mal wieder eine Weile Pause bis in den Herbst. Wir treffen uns also von Ende März bis Anfang Juli quasi ständig. In diesem Jahr mit der immer wieder aufblitzenden Frage, ob dies wohlmöglich die jeweils letzten erlebten Geburtstage des Stiefvaters werden, der seit letzten Herbst palliativ aufgrund einer Krebserkrankung behandelt wird. Wieder die Zeit... Egal, wieviel ihm noch bleibt, ich weiß, sie wird rasen. Vemutlich hat man am Ende niemals genug Zeit gehabt. Gedanken, die immer wieder durchblitzen - obwohl ich eigentlich versuche, den Moment zu sehen, zu leben und mitzunehmen. Das ist nicht immer einfach, auch dann nicht, wenn ich eigentlich dankbar sein müsste, für die viele Zeit, die er bis hierher hatte. Aber letzlich bleibt auch das am Ende egal, da der Verlust ein Verlust sein wird, der das Leben derer, die zurückbleiben verändern wird. 

Freitag, 10. März 2017

Gewohnheiten, Veränderungen und Ärzte

Ich bin wohl sowas wie ein Gewohnheitsmensch. Ich mag Gewohnheiten. Und bin manchmal sehr unentspannt, wenn Gewohnheiten durchkreuzt werden. Sie geben meinem Alltag sowas wie Sicherheit, Eckdaten, willkommene, weil wohlbekannte Gefühle. Mag sein, dass ich da an mancheer Stelle vielleicht so ein klitzeklein wenig zu gewohnheitslastig bin - aber nun.
Zu solchen Gewohnheiten  gehören beispielsweise "mein Platz" oder "meine Plätze" an wiederkehrenden Orten. Bei der Arbeit sind das beispielsweise der Stuhl im Teamraum, der im Stationszimmer, der in der Bibliothek. Die können möglicherweise variieren zu verschiedenen Anlässen. Morgens sitz ich oft in der Nähe der Kaffeemaschine, wenn ich mich denn dann in den Teamraum setze, mittags aber immer, IMMER am anderen Ende des Tischs. Und wenn ich später als andere komme, und mein Platz ist besetzt, bin ich unentspannt. Zögere, stehe Stunden Bruchteile von Sekunden schwer getroffen nachdenkend herum - und setz mich dann woanders hin. Übellaunig, weil: so geht das nicht, hier fühlt sich alles, ALLES falsch an. Falscher Blickwinkel, falsche Sitznachbarn, falsches Karma, falsche Sauerstoffzusammensetzung, sowas. Glücklicherweise achten die meisten Kolleginnen unausgesprochen tatsächlich darauf, dass mein Platz frei ist. Warum und wieso sei dahingestellt- eingefordert hab ich das nicht. Aber manch andere Kollegin hat auch "ihren Platz". Allerdings stehen die nicht drölfzig Sekunden komisch rum, wenn der mal belegt ist. 
In der Frühbesprechung auf Station ist es ähnlich, aber nicht ganz so schlimm. Aber wenn ich woanders sitze als gewohnt, fängt der Arbeitstag "unrund" an. Komme ich allerdings zwischendurch mal ins Stationszimmer und setze mich, ist mit der Platz tatsächlich völlig egal. Aber das "mal eben zwischendurch" ist in keiner Form so strukturgebend wie Besprechnungen oder Pausen.
Am allerliebsten habe ich auch "meine" Parkplätze auf den Parkplätzen der gewohnten Supermärkte. Tendenziell viel weniger schlimm, wenn die belegt sind, aber ich gehe wirklich lieber einkaufen, wenn ich da stehen darf, wo ich am meisten stehe.
Gewohnt ist auch das Mittagessen. Zumindest bei der Arbeit. Am wohlsten fühle ich mich tatsächlich mit einer Tütensuppe - ja, immer dieselbe, und ja, vollkommen indiskutabel kein bisschen gesund - und einem Laugengebäck. Hier gibts allerdings immerhin 3 Varianten in der Sorte. Nachdem mir eine liebe Freundin neulich ganz verstohlen, aber bestimmt einen schriftlichen Tadel  bezüglich ebendieser Fertigprodukte zukommen ließ, habe ich beschlossen, diese Gewohnheit mal ein wenig zu lockern und esse Suppen vor allem an sicherheits- und routinebedürftigen Tagen.  
In mir bekannten Restaurants esse ich prinzipiell dasselbe. Damit ich weiss, was auf mich zukommt und bitte danke auf keinen Fall von irgendetwas überrascht werde. Oder enttäuscht.  Oder beides. Wider dem besseren Wissen, dass es mich durchaus auch positiv überraschen könnte.
Der Alltag ist prinzipiell sowieso gewohnt. Zumindest wochenweise immer dasselbe und dasselbe. Aber auch da bin ich letzlich doch flexibler als bei der Sitzplatzwahl :-).

Für jeden wird an dieser Stelle vorstellbar sein, was ich gar kein bisschen mag: Veränderung. Alles Gewohnte ist vertraut, alle Veränderung erst mal doof. Falsch. Unbehaglich. Unsicher. Bedrohlich - weil: ich kenns ja nicht. Und weil ich das Gewohnte so sehr mag, WILL ich die Veränderung gar nicht erst kennenlernen. Spätestens an dieser Stelle kommt die Krux hinzu - denn so fein es auch ist, sich dank alltäglicher Gewohnheiten durchs Leben zu bewegen, so schwierig ist das allzu starke Fixieren auf ebendiese, weil sich in Wahrheit ja stets etwas verändert. An mancher Stelle bin ich Veränderung wiederum gewöhnt - die Patienten, die ich behandele, befinden sich naturgegeben in einem ständigen Kommen und Gehen. Absolut unproblematisch - das war ja schon immer so und sorgt durchaus auch für willkommene Abwechslung. Aber das Drumherum ist weitestgehend stabil. Natürlich kommen und gehen auch die KollegInnen in regelmäßigen Abständen. Aber zum einen nicht stets und zum anderen ist meistens der ich nenn es mal "innere Kreis" recht stabil.
Meistens. 
Gerade aber  geht mir so ein klein wenig die Flatter. Die Stationsärztin, die ich recht lieb gewonnen habe, mit der ich gerne arbeite, die ich für sehr fähig mit dem Patientengut auf unserer Station umzugehen halte - ach was sie IST einfach fähig - wird in ein paar Tagen gehen. Und ganz abgesehen davon, dass ich sie ihretwegen einfach vermissen werde, wackelt schon jetzt das gewohnheitsliebende-veränderungsablehnende Konstrukt ganz gewaltig - dabei ist sie noch da. Und um es noch ein wenig mehr ins Wanken zu bringen, geht der eben immer schon dagewesene Oberarzt - den ich auch sehr schätze, zweifelsohne, wenn auch ganz anders - in 2,3 Monaten in Rente. Mein kompletter Arbeitsalltag verliert damit derzeit massiv an Stabilität. Der "innere Kreis" verliert wichtigste Mitglieder sowohl für mich persönlich, als sicher auch für die Kollegen und sehr bedeutsam: die Arbeit auf der Station, die ein klein wenig besonders ist, verliert tragende Pfeiler. Und dass ich den Arzt, der vertretungsweise die oberärztlichen Tätigkeiten auf unserer Station übernehmen wird, nicht so wirklich als Sympathieträger bezeichnen würde, machts mir nun nicht einfacher. Ganz davon abgesehen, dass ich kaum glaube, dass es bereits auch nur einen Plan für die Stelle der Stationsärztin gibt.
Dieser Stabilitätsverlust fällt noch dazu auf viele größere und kleinere Baustellen in meinem arbeitsfernen Alltag, die viel Verwirrung, Sorgen und Ängste nach sich ziehen, was die Gesamtsituation nicht gerade verbessert.
Ich schwanke gerade noch ein bisschen zwischen drohender Dekompensation, KopfindenSandstecken, "Alles wird gut" Mantras und hysterischem Dauergelächter.  Hoffen tue ich allerdings dabei insgeheim auf: "Ich mach einfach weiter und such mir neue Gewohnheiten". 
Kann ja nicht so schwer sein. 
Hoffentlich.