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Montag, 5. November 2018

Gut siehst du aus

... oder wie mich drölfzig sicherlich lieb und ehrlich gemeinte Kommentare aus der Bahn werfen.

Der Mann der Besten wurde heute 60 und die Beste organisierte einen kleinen Überraschungs-Umtrunk mit schätzungsweise 30 Gästen. Die Beste und ihren Mann kenne ich, seit ich 16 bin sehr eng, nehme seit Jahren an Familienfeiern teil, ihre Kinder sind meine Patenkinder im Herzen, wenn auch schon beide weit über 20 Jahre alt sind. Demnach kenne ich auch viele der Gäste. Meist aber aber sieht man sich selten; an Feierlichkeiten, an Sport Events, die durchaus seltener geworden sind - zumindest in unserer Altersklasse. 
Am späten Nachmittag machten wir uns nach einem wieder mal aufreibenden Vormittag auf dem Weg dorthin - es gab daheim zwar wenig wirklich zu tun, aber da sind stets Dinge, die mich umtriebig machen, die es zu erledigen gilt und die selten ohne Übellaunigkeit enden.
Ich zog ein neueres Kleid an, freute mich, dass es noch passt, weil hier seit Monaten die Kilos schwinden, somit  manches einfach nicht mehr passt oder aussieht wie ein Kartoffelsack, dem der Gürtel fehlt.
Fünf Mal hörte ich den Kommentar: "gut siehst du aus". Schön, ja wie schön eigentlich.
Aber es haut mich um, macht mich traurig und nachdenklich. Ich mag gut, schön aussehen, weil mein Körper eine ansehnliche Silhouette  hat. Konturen mit Kanten, wo es zuvor jahrelang nur Kurven gab. Nicht, weil ich es selbst so gewählt hätte, sondern weil Medikamente und Hormone meinem Körper zusetzten. Ich habe zu viel gewogen, hatte Bauch, war übergewichtig, wenngleich auch viele sagten: "du bist doch nicht dick". Nein und doch. Ich war viel. Nicht immer. Aber zumindest jahrelang.
Heute bin ich deutlich deutlich weniger, weil ich hineinrutschte in eine mir all zu bekannte Sucht. 
Seit ich in der Pubertät war, stand ich auf Kriegsfuß mit meinem Körper, kanalisierte mein verwundetes Seelenleben in die Körperlichkeit. Bis ich schwanger wurde, war ich gefangen in bulimischer Anorexie, mal mehr, mal weniger. Inklusive monatelangem Klinikaufenthalt. Niemals war ich mir wenig genug, niemals hatte ich ein ausgewogenes, realistisches, gar gesundes Verhältnis zu meinem Körper. Als ich schwanger wurde(wovon ich niemals glaubte, dass mein Körper das nach Jahren der Sucht je schaffen würde), konnte ich all das hinten an stellen. Es galt, für mein Kind zu sorgen und ich konnte ein "normales", ein weitestgehend gesundes Essverhalten zulassen. Es war nach der Geburt nie so richtig perfekt. Mein Selbstbild immerzu zu dick, ganz gleich, ob es 65 oder 80 Kilo waren. Aber ich konnte damit leben, konnte es hinnehmen, ich akzeptierte. Es folgten immer wieder Zeiten mit Gewichtszunahmen aufgrund notwendiger Psychopharmaka. Manche vertrug ich besser, andere eben nicht. Seit einiger Zeit nehme ich nur Notfallmedikationen. Auch hier mal mehr und mal weniger, aber Auswirkungen auf meine Körpermasse hat diese keine.
Seit rund einem Jahr esse ich wenig. Oft sehr wenig. Es schlich sich ein, ich verlor aufgrund viel zu vieler äußeer Anforderungen und Umstände den Appettit - wie so mancher es eben tut. Ist das Leben stressig, traurig, schwierig, anstrengend, reagiert jeder anders. Essen macht mir dann keine Freude mehr. Obwohl ich ein Genuß-Mensch bin. Wie sehr ich gutes Essen doch eigentlich mag! Aber seit dem Tod des Stief-Vaters war es mir gleichgültig, seit Beginn der Erbstreitigkeiten erst recht. Zudem nahmen die Belastungen daheim permanent zu. Wie es dann so ist: das Essen fällt irgendwie hinten rüber. Es dauerte nicht lange und es wandelte sich: es war eben nicht mehr nur ein Appetenzverlust, sondern wurde zur Essensverweigerung. Ich aß nur, wenn ich gesehen wurde, aß nur, um nicht aufzufallen. Jedes bisschen Nahrung in mir war zuviel, fühlte sich an wie ein Stein in mir. Ganz manchmal ertrug ich eine Mahlzeit, die objektiv betrachtet zumeist nicht mal eine wahre Mahlzeit war, nicht in mir und ich erbrach sie. Nicht oft, aber es kam eben vor. Die Waage wurde mir Freund und Feind, der Tag definiert durch einen Gewichtsverlust oder eine Zunahme. Ich verlor weit mehr als ein Viertel meines Gewichtes. Ich bin heute (wieder) schlank. 2-3 Kleidergrößen Unterschied zu letzten Herbst. Ich halte mich fest en meinen Knochen, die Hüftknochen stehen heraus, man sieht die Schlüsselbeine. Oftmals habe ich eben diese in der Hand, streiche darüber, spüre ihre so wunderbare Härte. 
Da sind Menschen, die sich sorgen. Menschen, die meine Geschichte kennen. Ich belüge die, die mir nahe stehen in der Regel nicht mehr. Zur Not lasse ich sie gar kontrollieren, wie mein Gewicht ist, wenn sie mir nicht glauben mögen, was die Zahl auf der Waage sagt. Ich gehe offensiv zum Hausarzt und kläre Blutwerte, lasse Mangelernährungszustände checken. Loslassen kann ich aber nicht. Ich bin im unteren Mittel des Normalgewichtes, aber ich bin mir zu viel. Ich schwanke zwischen dem objektiven Wissen, der objektiven Betrachtung und kann dennoch mein Empfinden von Körperschema nicht positiv beeinflussen. Ich bin mir zuviel. Und ich weiß, dass mein Vorsatz, mir nicht mehr zuviel zu sein, wenn ich Gewicht xy erreicht habe, keinen Bestand haben wird. Auch dann werde ich mir zuviel sein. Ich bin gefangen in der Sucht, auch und obwohl ich so vieles weiß, so vieles durchschaue. Ich halte fest an ihr und ich halte mich an ihr fest. Ich sehe momentan keine Auswege, kann momentan keine Hilfen annehmen. Wobei ich reden kann. Thematisieren kann. Wobei ich nicht verleugne. Zumindest einem ausgewählten Personenkreis gegenüber. Das ist weit mehr als früher. Ich erkenne, habe früh erkannt. Dagegen wirken konnte ich dennoch nicht.  
Sie ist nur eines von vielen Übeln, diese Sucht. Oder ein Resultet viel zu vieler Anforderungen, viel zu vieler Entgleisungen im Außen, die ich nicht beeinflussen kann, sondern tragen und obendrein managen muss. Aber sie zehrt selbstredend. Ich gewinne - anscheinend zumindest - Kraft durch Kontrolle, Kraft durch Erfolg im Gewichtsverlust. De facto aber verliere ich an körperlicher Substanz. Das Leben ist anstrengend, alles was mich umgibt fordert. Sehr. Oft permanent. Ich setze durch die Sucht noch einen oben drauf.
Da sind Massen an ambivalenten Gefühlen. Gefühle, die die Sucht mir eintrichtert, Gefühle, die die objektive Betrachtungseise mit sich bringt. Und viele Gefühle, die die Reaktionen von außen in mir auslösen.
Allem voran: das Ding mit dem Essen oder Nicht Essen ist meins. Mir wäre es lieb, wenn das einfach keiner sieht oder mitbekommt. Weder was und wieviel ich esse, noch wie mein Körper sich verändert. Auch wenn ich (noch ein bisschen) fern bin vom Untergewicht: knapp 30 Kilo Gewichtsverlust seit letzten Sommer lassen sich nicht verbergen. Nicht die veränderten Körperformen, nicht das spitze Gesicht, nicht die eingefallenen Wangen.  Auch wenn ich alles gern verbergen würde. Ich möchte gar nicht, dass jemand auf die Idee kommt, Rückschlüsse zu ziehen.
 Andererseits aber bin ich schockiert.
"Gut siehst du aus". Wer sagt das - und wann? Ich kann mich kaum erinnern, häufig Kommentare zu meinem Aussehen bekommen zu haben wenn ich mit 80 Kilo ein Kleid trug. Ein schönes Kleid.  Ich bekomme so oft Kommentare momentan, wie gut und toll ich aussähe. Welche Größe ich jetzt wohl trüge. Und und und.
Warum? Diese Gesellschaft scheint sich nur zu definieren über Super Maße, oftmals sogar wohl die Frau in dieser Gesellschaft scheint all zu oft darüber definiert zu sein. Ist denn die Frau über der "Norm" nicht schön? Bin ich denn wertvoller, wenn ich Kleidung in 36 oder 38 tragen kann, als wenn ich zur 44 greifen muß? Es ist so grenzüberschreitend, eben dies gefragt zu werden. Was geht denn beispielsweise die Schwägerin der Besten meine Kleidergröße an? Natürlich kann und muss ich da meine Grenzen stecken. Es schockiert mich aber so unglaublich, wie sehr Anerkennung verbunden zu sein scheint mit dem Körper; zudem, wie sehr ein Körper schlanken Erscheinungsbildes suggeriert, dass eben alles gut ist.
Nichts ist gut und eigentlich liegt mir ja auch fen, das in aller Öffentlichkeit zu diskutieren.Ich weiß doch, dass die Menschen, die mir ferner sind und die so etwas sagen, ein Kompliment intendieren. Natürlich fühlt es sich gut an, gespiegelt zu bekommen, "gut" aus zu sehen. Ich kann das durchaus heute auch so hinnehmen und glauben, was ich füher niemals tat. Deckungsgleich mit meiner eigenen Empfindung ist das trotzdem nicht. Ich bin mir  zu viel. Deutlich zu viel. Darum gehts es mir gerade aber nicht, sondern darum, dass ich so fassunglos bin, wie sehr Klischees verankert sind, wie sehr das Außen Ton angebend ist für das  Innen eines Menschen.  Wie viel wertvoller "Schlank sein" zu sein scheint, als es eben nicht zu sein.
Mein Innen, meine Geschichte binde ich nicht jedem auf die Nase, keineswegs. Trotz gewonnener Offenheit in all den Jahren mit Erkrankung bin ich weiterhin gern im Team "Klappe halten". Ich kann allerdings ehrliche Nachfragen ab,  verstecke meine Geschichte ansich nicht. Jeder darf immer fragen, und beonders Menschen, die mir nahe stehene, bekommen ehrliche Antworten und ich scheue auch nicht das Gespräch. Aber ich falle auch nirgends mit der Tür ins Haus.
Es ist komplex, es wundert mich einfach sehr, wie es eben so ist. Sicherlich triggert das auch etwas in mir an, wenn eben vielleicht zufällig gehäuft ernst gemeinte Komplimente kommen, die ohne Hintergedanken sind. Aber weiter darüber nachgedacht, bestürzt mich eben das Bild, was in der Gesellschaft vorzuherrschen scheint. Möglicherweise bin ich empfindlich momentan, weil das Leben gerade in seiner Gänze ier kein Einfaches ist und eine bestehende Auswegslosigkeit uns alle ein klein wenig oder ein klein wenig mehr lähmt.
Vielleicht versuche ich einfach das "du siehst gut aus" in mich hinein zu nehmen und es für gut zu nehmen, als die Abwesenheit der Kommentare bei 25 Kilos plus. Manchmal ist es wohl besser, sich das tollste Stück Kuchen abzuschneiden und den Anderen die matschigen Reste zu überlassen. Ich verscuh das mal - sonst wird der Start in die neue Woche wohl eher bescheiden...

Samstag, 14. April 2018

Kompliziert

Es ist kompliziert, dieses Leben im Moment an vielerlei Stelle. Kompliziert und kraftraubend, bestürzend und sich viel zu schnell drehend. Zuviele Baustellen an zu vielen Fronten. Manches betrifft mich direkt, manches mittelbar und bei manchem bin ich einfach nur nah dran, auch wenn es mich -eigentlich- kaum betrifft. Vieles von all dem wirft Fragen auf und Sorgen, die sich immer mal wieder ins Unermessliche steigern, bis ich es irgendwie schaffe, diese wieder zu relativieren - oder stoisch zu akzeptieren - ohne momentan viel dagegen tun zu können.
Die Situation zu Hause ändert bleibt auf einem ähnlich schwierigen Level - das tagtägliche Zusammenleben mit der Mutter zeigt eben auch tagtäglich schwindende Strukturen. Schwindendes Wissen. Schwindende Fähigkeiten. Zunehmende Hilfsbedürftigkeit. Zunehmendes Verschwimmen der Lebensräume, Verlust meines, unseres eigenen Schutzraumes, wenn denn da überhaupt noch einer ist. Es ist selbstverständlich, dass ich da bin und dass ich mich kümmere. Aber dennoch gibt es Tage, an denen es schwer ist. Und ich weiß, dass es nur noch schwerer werden wird. Allein zu diesem Thema müsste ich vieles erledigen. Manches gelingt mir und meiner Schwester. Und vieles bleibt liegen. Weil wir neben unserer Mutter eine Familie haben. Einen Job. Ein Haus. Und vielerlei andere Dinge, die Zeit und Raum fordern. Wir machen. Und lassen liegen, was nicht all zu dringlich ist. Oder was wir einfach nicht mehr schaffen. Eigentlich renne ich nur hinterher und trage dennoch kaum etwas ab vom Aufgabenberg.
Der Erbstreit. Er nimmt skurrile Formen an. Und ich frage mich nach wie vor, wofür. Ich verstehe die Beweggründe nicht. Habgier? Rache? Jedenfalls erfordert auch dieser immer wieder Handeln. Er fordert mich heraus, begleitet meine Gedanken, läuft mir über die Bettdecke, auch wenn ich das gar kein bisschen möchte. Die Abgrenzung fällt schwer. Auch hier liegt alle Handlungsnotwendigkeit bei der Schwester und mir. Letztere ist derzeit beruflich aber so eingespannt, dass sie nur wenig übernehmen kann.
Mittendrin der leibliche Vater mit einem Schlaganfall. Das Outcome war wunderbarst, alles könnte gut sein. Wenn denn nicht bekannt wäre, woher der Schlaganfall gekommen ist. Der Großteil der hirnverorgenden Arterien ist verschlossen, in eine Arterie konnte ein Stent gelegt werden. Schleichend suchte sich das Blut über die Jahre Wege, wärhend die eigentlich wegweisenden Bahnen sich mehr und mehr verengten. Ein Pulverfass.
Es tun sich viele kleine Baustellen am Eigenheim auf, die allesamt ordentlich auf uns lasten. Zuerst die Feststellung, dass viele Versicherungsauflagen nicht eingehalten werden. Die Kündigung der zusätzlichen, gemieteten Garage (wegen Eigenbedarf), die ein großes Platzproblem mit sich bringt. Die Entdeckung eines großen Schimmelfleckes im Arbeitsraum im Keller an einer Außenwand. Einige Tage später eine weitere Schimmelentdeckung in der eigenen Garage, die mit hoher Wahrscheinlichkeit vom undichten Fallrohr herrührt, das zwischen unserem und dem Haus unseres Nachbarn nach unten geführt ist. 
Die nahende Kommunion des kleinen Kindes. Ein schönes Fest, ja. Aber es will auch gestemmt und organisiert sein. 
Die Situation am Arbeitsplatz ist ...  ich nenne es mal irgendwie unglücklich. Das wichtigste passt - ich arbeite gern mit meinen Patienten. Sehr gern. Aber das Klima am Arbeitsplatz selber ist schwierig. Bedingt durch das Arbeiten im Gesundheitswesen ansich, was einfach unglaublich viele Tücken birgt aufgrunddessen, dass Klinik mehr Wirtschaftsunternehmen denn Klinik ist. Es krangt überall. Wundersame Methoden zur Herstellung von angeblicher Transparenz, um Erfolge messbar zu machen und die Wirtschaftsecke zu füttern. Der Mensch ansich verschwindet hinter Zahlencodes. Mangelnde Bezahlung vieler. Solcherlei Kram. Darüber hinaus mein Status im Team, emotional zurückgezogen nach dem letztjährigen Desaster mit der direkten Chefin. Die komplette Trennung meines Privatlebens von allen, einfach weil es mir anders dort nicht mehr möglich ist.  Ich bin ganz gut abgegrenzt inzwischen, und prinzipiell ist es okay so. Leider aber beruht es auf einer der größeren menschlichen Enttäuschengen, die mir widerfahren sind und ich werde tagtäglich darauf gestoßen.
Das Leben mit Familie ist wunderschön. Aber all zu oft verlangt es mir viel ab; das Umgehen mit zwei Mädchen in und nahe an der Pubertät rauben - trotz aller Liebe - Kraft.
Der Partner einer besten Freundin erhielt gerade die fast sichere Diagnose Krebs. 
Mitten in all dem Durcheinander übe ich Abgrenzung gegenüber mir zwar lieben, aber energieraubenden Begegnungen. Ob diese Menschen deswegen auf der Strecke bleiben, weil ich sie zu arg vor den Kopf stoße, weiss ich nicht. Aber ich weiß, wenn dem so ist, dann war da nicht genug Tragfähigkeit. Und nicht genug Empathie in meine Richtung. Dann bin ich wohlmöglich traurig darüber, aber unterm Strich wird es richtig gewesen sein. Leicht fällt mir das nicht, mich belastet ein schlechtes Gewissen, selbst wenn ich stolz darauf bin, ehrlich gewesen zu sein und stolz darauf, meine Grenzen aufgezeigt zu haben. Aber auch das zehrt dennoch.
Ich bin leistungsfähig. Ich kann aushalten. Und in großen Teilen halte ich gerade gut aus. Ich suche einzelne Eckpunkte zum Ausgleich. Klitzekleine zwar, aber immerhin. Ich weiß dennoch, dass ich, selbst wenn es gerade gut funktioniert, nah am Limit bin. Ich weiß, dass ich noch lange nah am Limit gehen kann. Aber ich weiß auch, dass der Punkt kommen wird, wo ich nicht mehr können werde. Maßnahmen sind viele durchgesprochen, durchgekaut. Ich mit mir, dem Gatten, meinem behandelnden Psychiater, meiner Therapeutin, Freundinnen. Unterm Strich mit demselben Ergebnis: mir sind die Hände gebunden, es bleibt einfach kaum mehr als weitermachen, es gibt keine wirklichen Alternativen. 
All dies zusammen laugt mich aus, im Innern und körperlich. Darüberhinaus - oder aufgrunddessen - halte ich mich an einer alten Bekannten fest, die meinem Körper die Masse raubt. Ich bin mir dessen mehr als bewusst, aber da sind gerade genug Fronten, an denen ich kämpfe. Hier kann ich derzeit keinen Kampf aufnehmen, sondern - erst mal - nur den Nutzen begrüßen, ihr Dasein akzeptieren und ein Fortschicken auf später vertagen.
Ich gehe weiter,  jeden Tag, Schritt für Schritt. Manchmal zügig und sicher, oft überfordert. Manchmal verzweifelt, zumeist mehr als resigniert, stets sorgenvoll. Aber mir bleibt keine Wahl, wie so vielen da draußen aus ganz verschiedenen Gründen auch.  Ich hoffe nur, dass ich irgendwann ankommen werde an einer Stelle voll Ruhe und Zuversicht.

Dienstag, 2. Januar 2018

Ausweglosigkeiten

Schreiben, eigentlich könnte und wollte ich Vieles schreiben. Andererseits aber würden geschriebene Worte möglicherweise noch mehr an Realität gewinnen, als die Dinge, die passieren es natürlich schon sind. Ich würde möglicherweise noch mehr sehen, als ich eh schon gezwungen bin zu sehen, mich noch mehr auseinandersetzen mit den tagtäglichen unangenehmen Überraschungen und sich stets neu entordnenden Dingen, die von mir ein stetiges, ordnendes Eingreifen verlangen. Vielleicht würde ich mir noch mehr eingestehen, dass ich kaum mehr nach Hause kommen möchte, als es das nagende Gefühl auf dem Heimweg bereits zeigt; vielleicht würde ich noch mehr von der Angst bemerken, als das dumpfe unbestimmte Gefühl, dessen Auslöser und dessen Namen ich doch eigentlich genau kenne. Manches scheint nie mehr ein Ende zu nehmen und vieles wird zweifelsohne schlimmer. 
Ich funktioniere weiterhin an vielerlei Fronten. Und breche an mancher ein. Meine Kinder haben mir noch niemals so oft gesagt, wie sehr sie mich lieben, wie sie das im Augenblick tun. Das ist wunderschön, ja, aber es zeigt mir auch, wie sehr ihre Antennen im steten Wind meines, unseres diffusen Durcheinanders anschlagen. Ich halte mich, muss mich halten in allem und weiß genau, dass die Art und Weise des Halt - Suchens keine gesunde ist. Verliere mich in selbstgeschaffenen, mir Sicherheit gebenden Strukturen, die aber objektiv betrachtet auf Dauer mehr meines Selbst nehmen als hilfreich zu sein. Sie haben gerade einen unmittelbaren Nutzen, sonst gäbe es sie nicht, sonst wären sie nicht aufgetaucht und hätten mir ihre Hand gereicht, die ich dankbar ergriff. Ich weiß, dass sie eine Art Raubbau bedeuten und mich irgendwann umwerfen werden. Dennoch aber weiss ich keine Alternative und habe wenig Kraft, nach einer zu suchen.
Die Tage sind zu kurz für die zu erledigenden Dinge, die Dinge sind zu kompliziert und erfordern zuviele Konsequenzen. Die direkte Umwelt bagatellisiert zu sehr, selbst wenn ich dezidierte situative Einblicke gebe. Die externen Hilfsmöglichkeiten sind begrenzt im Moment, zumindest die, die in die bestehende Situation greifen könnten. Die externen Hilfsmöglichkeiten für mich selber sind noch begrenzter und an mancher Stelle setzen sie mich mehr unter Druck, als das sie nutzen würden oder sie scheinen die mich umgebende Hoffnungslosigkeit oder Auswegslosigkeit der Situation nur zu bestätigen. Oben auf die Situation ansich fallen durch sie selbst hervorgerufene Existenzängste, sich daraus ergebende Handlungsnotwendigkeiten, die ich nicht auch noch auszuführen in der Lage bin. 
Kurzum: wenn ich all dies konkret aufschriebe, fürchtete ich, dass ich mich noch viel mehr mit all dem, was ich nicht zu bewältigen in der Lage zu sein glaube, konfrontiert sähe. So setze ich "einfach" nur innerlich wissend immer einen Fuß vor den anderen, strauchele zuweilen, stehe auf und halte mich an zweifelhaften Dingen um überhaupt einen Halt zu haben, und funktioniere. Zuweilen ist da die ein oder andere Insel, in der es Raum und Zeit und manchmal auch Schönes für mich gibt. Aber momentan überwiegt das offene, bedrohliche Meer.
Manchmal wünsche ich mir die Leichtigkeit und Unbeschwertheit, die ich glaube, dass es sie irgendwann hätte geben können aber kaum je gegeben hat. Manchmal wünsche ich mir, dass da eine Zeit kommt, die keinen Kampf bedeutet. Tatsächlich jedoch scheinen sich offensichtlich nur die Gegner zu wandeln, als das es jemals ein Ende hätte, dieses kämpfen.

Dienstag, 12. September 2017

Willkommen

Willkommen sein. Ein gutes, schönes tragendes Gefühl. Ich fühle mich an vielen Stellen willkommen. Mein Lächeln, meine Geduld, meine Art. Manchmal auch mein Humor. Meine Empathie. Meine Fähigkeit zuzuhören. Mein Wille, mich einzusetzen für irgendetwas,das ich als wichtig erachte, zumeist meine Mitmenschen. Ich bin willkommen als Zuhörer. Bin willkommen als jemand, der an vielen Stellen vieles meistert. Bin willkommen als jemand, der "da" ist für Andere. Auf jeden Fall trägt das.
Aber so manches Mal fühle ich mich nicht willkommen. Ich fühle mich nirgends mehr willkommen, wenn das Licht erlischt. Wenn es dunkel wird in mir. Wenn meine Gedanken und Gefühle befremdlich sind. Wenn ich nicht mehr einfach zu sein scheine, sondern scheinbar plötzlich kompliziert. Wenn mein Erleben sich nicht mehr deckt mit dem der anderen, Wenn meine Welt zu laut ist und zu hell. Wenn ich zurückschrecke vor unerwarteten Berührungen, wenn ich erschrecke bei unerwarteten Bewegungen und Geräuschen. Wenn da Dinge sind, von denen ich weiss, dass sie nicht sind. Es ist nicht nur mein Rückzug, mein Rückzug, der im krank sein begründet liegt und nur durch viel Kraft überhaupt an der ein oder anderen Stelle überwunden werden kann. Es ist auch der Rückzug der Anderen. Weil ich wunderlich bin, Weil manch einer nicht weiss, was er tun soll. Weil manch einer sich distanziert von diesem anstrengenden Sein, das in mir wohnt. Ich fühle mich zuviel.  
Und es ist wieder und wieder dasselbe: da ist kein Raum für das Anders sein. Da ist kein Raum für Fehl-erleben. Da ist kein Raum für Wunderlichkeiten. Da ist kein Raum für Dunkelheit, da ist kein Raum für befremdliche Gedanken. Ich fühle mich raumlos und menschenfern. Nicht angenommen mit allem, nur das Einfache und Gute hat Platz. Vielleicht mag das unfair klingen, da ich ja weiss, dass manch einer sich bemüht, manch einer an dieser oder jener Stelle auch etwas sagt.  Manch einer anbietet: hey, ich bin da. Zumeist aber ist die Entfernung - selbst oder gerade wenn es zu Momenten kommt, in denen ich zeigen kann, was ist - groß und vergrößert sich eher noch. 
Ich bin haltlos in einem Leben, das ein dunkles ist und mir mehr abverlangt als ich auf Dauer zu tragen vermag. 
Ausgesucht habe ich mir das nicht. Ein wenig bin ich vielleicht so geboren, vor allem aber hat mein Leben mich zu dem gemacht, was heute ist.  Ich kann mich nicht entscheiden, mit oder ohne Erkrankung zu leben. Ich habe mich nicht entschieden, zu erkranken. Manchmal kann ich entscheiden, wieviel Raum ich ihr gebe. Oft aber bin ich entscheidungs- und machtlos. Und kann nur sehen, wie ich klarkomme. Wie ich überlebe.

Sonntag, 10. September 2017

Pläne und Realitäten.

Eigentlich war mein Plan, dieses Wochenende quasi nichts zu tun. Die einzige Verabredung traf ich im Vorfeld mit meinem Fernseher, um das BVB Spiel am Samsatg anzusehen. Bitter nötig ist mir eine Pause. Das ist insgesamt schwierig, weil die verschiedenen Situationen das nicht hergeben - Leben im Mehrgenerationenhaus, Schlafen im familialen Wohnschlafraum, viele zu erledigende Dinge bei laufendem Erbstreit, und zusätzlich einem rastlosem Inneren bei viel zu vielen dunklen eigenen Gefühlen undsoweiterundsofort. Aber vorgenommen hab ich es mir immerhin...
Fakt war dann, dass ich mittags der Mutter bei diversen Dingen half, K2 zur Geburtstagsparty brachte, eben noch schnell vergessene Einkäufe erledigte, zudem K1 eine dringend benötigte Sweatjacke kaufte und mit dem Gatten gemeinsam die Waschmaschine wieder herrichtete (sie pumpte kein Wasser mehr ab). Aber - dann sollte ja der Nachmittag kommen. Ich frühstückte Chips (weil Essen vor dem Nachmittag momentan einfach nicht geht) vor dem laufenden BVB Spiel, bis nach einer Viertelstunde die Mutter zu mir nach oben kam. Fortan schauten wir gemeinsam, bestellten spontan Sushi zum Abholen, aßen selbiges nach dem Spiel und gingen mit dem kleinen Kindelein aufs Pfarrfest nebenan, wo das große Kind und HerrNebeL bereits für den Verkauf grillten.
Bis auf die Hilfe am Mittag (die viel Geduld erforderte) war das eigentlich recht entspannt. Fort von daheim führten wir bei einem Glas Wein (die Mutter) und 2,3 Cocktails (ich) schöne Gespräche. Darüber, wie wir die Welt sehen, den Erbstreit beurteilen. Darüber, wie wir meinen Vater, ihren Mann empfanden. Und manches von früher.
Es ist schön, so mit ihr zu reden. Zumal ich dann auch in den Hintergrund drängen kann, wie hilfsbedürftig sie an so vielen Stellen ist. Natürlich hat sie immer noch ihre Empfindungen, Meinungen, die aus ihr heraus kommen und nicht die, die plötzlich aufpushen, wenn etwas zu schnell geht oder zu viel wird - wenn sie, um sich aus der Bedrängnis zu kämpfen an Stellen, wo sie nicht mehr folgen kann, schimpfig  und irrational wird - was sie früher  niemals war. Das heute aber war so eine Gelegenheit, wo sie einfach sie selber war. Und nicht betroffen vom Vergessen. Das sind wertvolle Momente. Für sie. Für mich. Aber sie kosten mich, auch wenn sie schön sind, auch wenn ich sie als einen Lichtblick des Tages betrachten mag, ungeheuer viel Kraft.  Kraft, die ich nicht mehr habe. Vielleicht auch auf dem Boden der Erkrankung der Mutter, dem gerade verstorbenen Vater, all den Dingen drumherum und dem derzeitigen Zustand, in dem ich selber mich befinde.
Ich brauche eine Pause. Weiß ich. Aber egal, wie sehr ich versuche, für mich zu sorgen - es gelingt einfach nicht.  Da ist kein Raum.  Ich fühle mich gefangen in allem.

Ich glaub, im Moment ist es hier wirklich schwer.

Mittwoch, 26. Juli 2017

Eingeschlafen

Der Tod kam in der Nacht und ließ ihn ganz in Ruhe einschlafen. So, wie ich es angesichts der Erkrankung nicht zu hoffen gewagt hatte. Eigentlich hatte er zu Hause  sterben wollen, was leider nicht der Fall war. Ein, zwei Tage noch sollte er im Krankenahus bleiben. Und dann ist er dort gegangen, am frühen Morgen vor zehn Tagen. Neben der Trauer und Unwirklichkeit in der ich selber mich befand und  befinde, steht der Versuch des ehrlichen und pragmatischen Umgehens mit dem Tod, mit einem toten Körper, der Trauer und den Kindern. Das gemeinsame Anschauen von Särgen und Urnen, das Verabschieden. Dem Opa noch Dinge mit auf den Weg geben, ein Briefchen unter seine Decke von jedem von uns, vor allem den beiden Mädchen. Damit der Tod nicht ein in der Luft stehendes Etwas ist, sondern begreifbar. Sofern er denn überhaupt begreifbar sein kann - fällt es mir selber doch schwer, mich zu erinnern, dass er nicht mehr bei uns ist, dass das Zusammenleben zu Hause sich nun verändert. Sein Stuhl bleibt leer und ich weiss, wir alle werden liebevoll an ihn denken, wenn wir uns auf seinen Platz setzen. Ich bin dankbar für die Zeit. Dankbar, dass er mir Zeit geschenkt hat, dass er Zeit mit unseren Kindern hatte und sie mit ihm. Er war zwar ein alter Mann - aber dennoch ist der Zeitpunkt wohl niemals richtig, einen Menschen zu verlieren, auch wenn ich weiss, dass dieser ein Leben, ein langes Leben lang gelebt hat, so schmälert es doch nicht den Verlust des Menschen ansich. Ich weiss, dass er stolz auf mich war. Ein Stolz, der vor allem in den letzten Wochen noch gewachsen ist. Ich weiss, dass ich geliebt wurde. Und ich weiss um seine Wertschätzung. Das ist ein schönes Gefühl und nicht selbstverständlich, weil ich gar nicht seine Tochter war, sondern ihn erst mit 12 Jahren kennenlernte, und sich erst nach und nach eine Vater -Tochter Beziehung entwickelte. Endgültig Abschied nehmen werden wir in zwei Wochen an einem von ihm viel bereisten Ort in der Kieler Förde - der Ort, an dem wir neulich noch gemeinsam waren. Und es war gut so.

Montag, 10. Juli 2017

Durcheinander

Der Alltag hier ist derzeit ein Durcheinander des steten Alltages - Arbeiten für HerrnNebeL und mich, Schulalltag und Freizeitaktivitäten der Kinder - beides mit allem Drum und Dran - gekoppelt mit der zunehmenden Hilfe- und Pflegebedürftigkeit meiner Eltern. In den letzten Wochen ging es in jeder freien Minute um die Feststellung des Bedarfes an Hilfe, Beantragung von Pflegegrad, Gespräche mit ambulanter Palliativpflege, Gesprächen mit Ärzten, den Eltern, dem Vater, der Mutter. Und efertig sind wir damit noch nicht... Es ging und geht um Ideenfindung, wie wir was organisieren müssen, wie wir wem von beiden helfen müssen. Wo wir Hilfe brauchen. Und wo wir Hilfen bekommen. Ein bürokratischer Aufwand sondergleichen. Zudem ist das Führen von Gesprächen mit Ärzten oder anderen Personen recht schwierig, wenn man selber im  Beruf steht und noch nach den Kindern schauen muss. Abends ist selten noch ein Verantwortlicher zugegen - selbstredend nicht. Irgendwann letzte Woche schrieb ich einfach einen Zettel mit der Anregung verschiedenster durchaus gravierende Dinge - die mein Vater nicht mehr besprechen konnte und meine Mutter leider weder verstand und zudem vergaß. Es ging um Schluckstörungen, um Morphine und parenterale Ernährung. Ich legte diesen also ins Krankenzimmer, erklärte mich dem Vater nochmals, dessen Wünsche dahingehend mir bekannt sind und nahm ihm das Versprechen ab, den Zettel einem verantwortlichen Arzt in die Hände zu drücken. Was er auch tat. Glücklicherweise kam kaum später meine Schwester dorthin und konnte nochmals das Ganze auch persönlich erklären. Und siehe da, endlich wurden Morphine angesetzt und bei Notwendigkeit der Wunsch der unterstützenden Ernährung aufgegriffen. Eine durchaus unkonventionelle Art der Arzt-Angehörigen Kommunikation, aber nun, einfach ist es eben einfach nicht. Und mir, uns war es wichtig, endlich eine weitestgehende Schmerzfreiheit zu erreichen. Kein totkranker Mensch sollte auch noch Schmerzen haben müssen, wenn dies eben abgewendet werden kann... Neben all der ganzen Organisation noch Tochter sein, begleiten, allen gerecht werden. Und neben der Krebsgeschichte noch die Demenz der Mutter tragen, Diagnostik anleiern - was das eine ist und auf den Weg gebracht - auch das Tragen des Alltags mit einem Menschen, der viele klare Momente hat, aber leider zunehmende Lückenmomente. Momente, die das tägliche Kontrollieren notwendig machen an vielen Stellen. Die Umrüstungen im Haus notwendig machen, um vorzusorgen. Vor allem aber - das Aushalten. 
Es ist schwer, auszuhalten, wie der Vater abbaut. Zu sehen, wie er Schmerzen hat, wie er sich verschluckt, wie er nichts mehr isst. Wie er kaum trinkt und eintrübt. Wie er völlig schläfrig weit, weit fort ist bei einem neuerlichen Infekt bei Leukopenie. Wie er immer mehr abwesende Momente hat. Wie er sich selber wundert, dass ihm einzelne Tage - Tage an denen es ihm schlecht geht - einfach verliert, obwohl er eigentlich kognitiv noch recht gut dabei ist. Langsam, aber dabei. Wie er nicht mehr gehen kann. Oder schreiben. Wie sehr es ihm weh tut, das nicht mehr zu schaffen. Wie er Hilfe braucht beim Aufstehen und Umsetzen. Auch, wie er überrascht ist, dass ich genau das kann - mein Arbeits-Ich ist der Familie ja fremd.
Schwer ist das, und weh tut es auch.
Aber viel schwerer auszuhalten sind die Gedankensprünge der Mutter. Das so sehr verlustig gegangene Kurzzeitgedächtnis. Das tagtägliche, stündliche, ja ewige Suchen von Irgendetwas.  Die kaputten Schallplattengespräche. Das Miterleben, wie sehr gewohnte, jahrelang gewohnte Tätigkeiten sich durchmischen, strukturlos werden und ihre Form verlieren. Das Umschlagen der Stimmung. Das Nicht-mehr Verstehen von Zusammenhängen und das gleichzeitige Durcheinanderbringen dessen, was sie verstanden hat. Fehlende zeitliche Orientierung. Störungen im Sprachverständnis. 
Das alles macht mir noch viel, viel mehr Mühe. 
Ich bin zudem aufgrund der räumlichen Nähe immer mittendrin. Da sind kaum noch Pausen für mich selber, keine Ruhe, keinerlei Abstand. Es zehrt, wenn auch das "da -sein" für beide selbstverständlich ist. Es ist schwer, geduldig zu bleiben, wenn auch bestimmt, aber eben geduldig mit ihr. Vor allem: es gibt keine Rast, nichts zum Auftanken. Alles, was es gibt, ist das Wissen, dass erstmal alles nur noch schlimmer werden wird, bevor das Ende kommt.

Freitag, 30. Juni 2017

Lebens-Abschied

Neulich, am Meer.

 


Viele Eindrücke gesammelt habe ich. Viele Momente aufgesogen. Mich in manchen Momenten tränennah weggedreht in dem Wissen, dass es einige meiner letzten Eindrücke von ihm sein werden. Diese Eindrücke waren nicht mehr frei, sondern bereits geprägt vom deutlichen körperlichen Verfall, gezeichnet durch den Krebs. Noch einmal wollte er all das sehen, was er seit Jahren zu dieser Zeit sieht. Noch einmal ans Meer, noch einmal dieses große Segler Event als passionierter Segler von ganz nah anschauen.



Abschied. Seiner von der Welt, Stück für Stück. 
Und unserer von ihm.

Samstag, 27. Mai 2017

Abschiede

Abschiede rühren so eine zarte Saite an in mir; vor allem Abschiede von den Menschen, die in irgendeiner Form bedeutsam sind für mich - wobei diese Bedeutsamkeit die verschiedensten Ausprägungen, Aspekte und vorhergegangenen Begegnungen beinhalten kann. So  wird sie angeschlagen, die Saite in dem einen Moment der Abschiednahme, und beginnt zu schwingen in mir. Zu tönen, und der Ton trägt sich fort und füllt aus. Füllt mich aus und berührt. Er findet seinesgleichen, der Ton, oder sein Pendant und setzt wiederum einen weiteren Ton in Bewegung. Einen weiteren Ton, der einst gewesen ist, oder vielleicht gerade erst war. Oder auch der, der bevorsteht und so unausweichlich ist. Und davon finden sich manche, ganz nah oder weit fort. Und so vermischen die Anschläge der Saiten sich in mir zu einem einzigen, harmonischen, doch klagenden Klang in Moll, der Türen öffnet, die ich doch so gern verschließe. Denn all zu oft tut es weh, das Hinschauen, das Hineinschauen in die Räume hinter diesen Türen. Viel zu oft wohnt dem entstehenden Anfang eben kein Zauber inne, sondern viel zu viel Schmerz, viel zu viel drohendes und wahrhaftiges Neuland. Viel zu oft ist das Ende eben mehr ein endgültiges, schmerzhaftes, unausweíchliches, zu verkraften müssendes Ende, als eine Chance auf einen vielleicht fruchtbaren Neubeginn. 
Abschiede beinhalten verlustig gehende Vergangenheit, abgelöst von fremder, sich neu finden müssender Gegenwart mit ungewisser Zukunft. Und an so vielen Stellen ist eben dies schlicht und einfach schmerzhaft und zunächst mal in keiner Form gewinnbringend. Und wenn sich dann, bedingt durch den Anschlag des einen Abschiedes, all die Innenklänge vereinen, so entsteht ein Klagelied, das an den Fasern meines Seins zerrt, das mein Innen erfüllt mit Trauer, Unbehagen und Schmerz. 
Und es geleitet mich im Dunkeln in den Schlaf, mit der Hoffnung in mir, dass es bald verklingen möge, da es mich mit so großer Schwere erfüllt.

Mittwoch, 5. April 2017

Vom Vergessen

Es kam schleichend, das Vergessen. Gespräche wurden mehrmals geführt. Gehörtes vergessen. Aber nun, sie wird älter, dachte ich. Die Brille war hier und da. Aber - war meine das nicht auch allzu oft schon? Fragte ich doch so häufig früher (bevor ich die geliebte, obergemütliche superverglaste Brille hatte) HerrnNebeL, wo denn meine Brille sei. Ganz normal vielleicht?!
Dann kamen die Zettel. Mal hier und mal da. Der Kalender nahm an Wichtigkeit zu. Die Zettel auch. Manchmal auch mehrere Zettel zu ein und demselben Thema. Und - wundersamerweise verschwanden auch die Zettel. Und weiterhin die Brillen. Gezogene Parkscheine verschwanden auch - und sie musste mehr als mehrmals den Tagessatz an Parkgebühr zahlen. Aber ich doch auch schon mal. Das kann ja mal passieren. Oder? 
Irgendwann war das Schönreden nicht mehr möglich. Und ganz eigentlich wussten wir schon lange, dass es ein Schönreden war. Heute vergisst sie, das Licht zu löschen. Überall. Vergisst, die Garage zu schließen. Vergißt Termine, trotz Kalender. Trotz Zetteln. Nicht immer. Aber immer wieder. Gespräche werden zur kaputten Schallplatte. Mal mehr, mal weniger. Wenn sie ein Kindelein einsammeln soll, kann ich mich nicht mehr darauf verlassen. Ich rufe sie vorher an, bitte sie, noch dies und das mitzunehmen, wenn sie das Kind irgendwo abholt, kurz bevor sie fahren muss. 
Geschenke, die sie verstaut, bevor der Anlass des Schenkens da ist, sind oftmals verschollen. 
Die Zusammenstellung der Wäsche hat sich verändert. Kaum mehr Ordnung, ein ziemliches Durcheinander. Sie wäscht seit jeher viel, auch für uns. Jeder Widerstand war zwecklos. Heute aber verursacht das phasenweise mehr Chaos als alles andere. Manchmal wäscht sie ohne Waschmittel. Manchmal vergisst sie, die Wäsche einzuschalten. Und faltet später die "frische", jedoch die de facto ungewaschene Wäsche wieder zusammen. Manchmal ist aber auch alles gut. 
Ein großer Teil ihrer Tage besteht manchmal aus Suchen. Und wenn ein Ding aufgetaucht ist, so sucht sie das nächste.
Manchmal weiss sie selber, dass sie vergisst. Aber auch sie redet es sich schön. Bagatellisiert. Verdenken kann ich es ihr nicht. In solchen Momenten bin ich ehrlich, aber nicht schonungslos. In den meisten anderen Momenten ist alles, wie es ist. Ich konfrontiere nicht. Ich diskutiere nicht, ich gehe mit ihr, trage ein Stück Alltag in unserem Zusammenleben. Lösche die Lichter, kontrolliere manche Stelle, wasche und falte erneut, nehme Geschenke an mich und verstaue für sie. 
Noch ist sie nicht allein, noch hat ihr Alltag Struktur, noch ist ihr Mann nahezu immer da. Aber das wird sich ändern. Vielleicht ganz bald, vielleicht ein wenig später. Ich fürchte mich sowieso vor dieser Zeit. 
Aber die Zeit danach fürchte ich wohl erst recht - in der Annahme, dass das Vergessen dann noch mehr Vergessen sein wird, als es heute bereits ist.

Freitag, 10. März 2017

Gewohnheiten, Veränderungen und Ärzte

Ich bin wohl sowas wie ein Gewohnheitsmensch. Ich mag Gewohnheiten. Und bin manchmal sehr unentspannt, wenn Gewohnheiten durchkreuzt werden. Sie geben meinem Alltag sowas wie Sicherheit, Eckdaten, willkommene, weil wohlbekannte Gefühle. Mag sein, dass ich da an mancheer Stelle vielleicht so ein klitzeklein wenig zu gewohnheitslastig bin - aber nun.
Zu solchen Gewohnheiten  gehören beispielsweise "mein Platz" oder "meine Plätze" an wiederkehrenden Orten. Bei der Arbeit sind das beispielsweise der Stuhl im Teamraum, der im Stationszimmer, der in der Bibliothek. Die können möglicherweise variieren zu verschiedenen Anlässen. Morgens sitz ich oft in der Nähe der Kaffeemaschine, wenn ich mich denn dann in den Teamraum setze, mittags aber immer, IMMER am anderen Ende des Tischs. Und wenn ich später als andere komme, und mein Platz ist besetzt, bin ich unentspannt. Zögere, stehe Stunden Bruchteile von Sekunden schwer getroffen nachdenkend herum - und setz mich dann woanders hin. Übellaunig, weil: so geht das nicht, hier fühlt sich alles, ALLES falsch an. Falscher Blickwinkel, falsche Sitznachbarn, falsches Karma, falsche Sauerstoffzusammensetzung, sowas. Glücklicherweise achten die meisten Kolleginnen unausgesprochen tatsächlich darauf, dass mein Platz frei ist. Warum und wieso sei dahingestellt- eingefordert hab ich das nicht. Aber manch andere Kollegin hat auch "ihren Platz". Allerdings stehen die nicht drölfzig Sekunden komisch rum, wenn der mal belegt ist. 
In der Frühbesprechung auf Station ist es ähnlich, aber nicht ganz so schlimm. Aber wenn ich woanders sitze als gewohnt, fängt der Arbeitstag "unrund" an. Komme ich allerdings zwischendurch mal ins Stationszimmer und setze mich, ist mit der Platz tatsächlich völlig egal. Aber das "mal eben zwischendurch" ist in keiner Form so strukturgebend wie Besprechnungen oder Pausen.
Am allerliebsten habe ich auch "meine" Parkplätze auf den Parkplätzen der gewohnten Supermärkte. Tendenziell viel weniger schlimm, wenn die belegt sind, aber ich gehe wirklich lieber einkaufen, wenn ich da stehen darf, wo ich am meisten stehe.
Gewohnt ist auch das Mittagessen. Zumindest bei der Arbeit. Am wohlsten fühle ich mich tatsächlich mit einer Tütensuppe - ja, immer dieselbe, und ja, vollkommen indiskutabel kein bisschen gesund - und einem Laugengebäck. Hier gibts allerdings immerhin 3 Varianten in der Sorte. Nachdem mir eine liebe Freundin neulich ganz verstohlen, aber bestimmt einen schriftlichen Tadel  bezüglich ebendieser Fertigprodukte zukommen ließ, habe ich beschlossen, diese Gewohnheit mal ein wenig zu lockern und esse Suppen vor allem an sicherheits- und routinebedürftigen Tagen.  
In mir bekannten Restaurants esse ich prinzipiell dasselbe. Damit ich weiss, was auf mich zukommt und bitte danke auf keinen Fall von irgendetwas überrascht werde. Oder enttäuscht.  Oder beides. Wider dem besseren Wissen, dass es mich durchaus auch positiv überraschen könnte.
Der Alltag ist prinzipiell sowieso gewohnt. Zumindest wochenweise immer dasselbe und dasselbe. Aber auch da bin ich letzlich doch flexibler als bei der Sitzplatzwahl :-).

Für jeden wird an dieser Stelle vorstellbar sein, was ich gar kein bisschen mag: Veränderung. Alles Gewohnte ist vertraut, alle Veränderung erst mal doof. Falsch. Unbehaglich. Unsicher. Bedrohlich - weil: ich kenns ja nicht. Und weil ich das Gewohnte so sehr mag, WILL ich die Veränderung gar nicht erst kennenlernen. Spätestens an dieser Stelle kommt die Krux hinzu - denn so fein es auch ist, sich dank alltäglicher Gewohnheiten durchs Leben zu bewegen, so schwierig ist das allzu starke Fixieren auf ebendiese, weil sich in Wahrheit ja stets etwas verändert. An mancher Stelle bin ich Veränderung wiederum gewöhnt - die Patienten, die ich behandele, befinden sich naturgegeben in einem ständigen Kommen und Gehen. Absolut unproblematisch - das war ja schon immer so und sorgt durchaus auch für willkommene Abwechslung. Aber das Drumherum ist weitestgehend stabil. Natürlich kommen und gehen auch die KollegInnen in regelmäßigen Abständen. Aber zum einen nicht stets und zum anderen ist meistens der ich nenn es mal "innere Kreis" recht stabil.
Meistens. 
Gerade aber  geht mir so ein klein wenig die Flatter. Die Stationsärztin, die ich recht lieb gewonnen habe, mit der ich gerne arbeite, die ich für sehr fähig mit dem Patientengut auf unserer Station umzugehen halte - ach was sie IST einfach fähig - wird in ein paar Tagen gehen. Und ganz abgesehen davon, dass ich sie ihretwegen einfach vermissen werde, wackelt schon jetzt das gewohnheitsliebende-veränderungsablehnende Konstrukt ganz gewaltig - dabei ist sie noch da. Und um es noch ein wenig mehr ins Wanken zu bringen, geht der eben immer schon dagewesene Oberarzt - den ich auch sehr schätze, zweifelsohne, wenn auch ganz anders - in 2,3 Monaten in Rente. Mein kompletter Arbeitsalltag verliert damit derzeit massiv an Stabilität. Der "innere Kreis" verliert wichtigste Mitglieder sowohl für mich persönlich, als sicher auch für die Kollegen und sehr bedeutsam: die Arbeit auf der Station, die ein klein wenig besonders ist, verliert tragende Pfeiler. Und dass ich den Arzt, der vertretungsweise die oberärztlichen Tätigkeiten auf unserer Station übernehmen wird, nicht so wirklich als Sympathieträger bezeichnen würde, machts mir nun nicht einfacher. Ganz davon abgesehen, dass ich kaum glaube, dass es bereits auch nur einen Plan für die Stelle der Stationsärztin gibt.
Dieser Stabilitätsverlust fällt noch dazu auf viele größere und kleinere Baustellen in meinem arbeitsfernen Alltag, die viel Verwirrung, Sorgen und Ängste nach sich ziehen, was die Gesamtsituation nicht gerade verbessert.
Ich schwanke gerade noch ein bisschen zwischen drohender Dekompensation, KopfindenSandstecken, "Alles wird gut" Mantras und hysterischem Dauergelächter.  Hoffen tue ich allerdings dabei insgeheim auf: "Ich mach einfach weiter und such mir neue Gewohnheiten". 
Kann ja nicht so schwer sein. 
Hoffentlich.

Samstag, 23. Februar 2013

Tränenschwer

Es war ein tränenschwerer Tag heute. Sie brennen noch immer hinter meinen Augen und warten auf ihre Zeit. Eine letzte, allerletzte Begleitung eines geliebten Menschen. Bedeutungsschwere Erinnerungen, liebevoll, vertraut und wohlwollend. Wenn auch vieles davon bereits weit entfernt. Gedanken an wundervolle Worte, erst vor ein paar Tagen, als wir uns zuletzt sahen. Sie so unglaublich glücklich und frei, einen selbstbestimmten Tag geniessend im Kreise von Menschen, die sie von Herzen willkommen hießen. Ein Abschluß im Hier. Ihr Kreis hat sich geschlossen. Eine so wunderbare Frau.
Sollte ich jemals noch eine Tochter gebären, werde ich wissen, wie sie heißt. Genauso wie sie. 

Freitag, 12. Oktober 2012

Seelentätigkeiten

Ich erinnere mich nicht, als Kind ein wiederkehrendes Hobby gehabt zu haben, was mich kreativ sein liess. Ich lernte das Klavierspiel, aber kreativ in und an den Tasten und in meiner musischen Gefühlswelt wurde ich an erst weit später. Ich ging zum Herzenssport, versuchte hier und da noch einen anderen Sport, und blieb letzlich doch nur bei dem einen. Ich fühlte mich lange hingezogen zum Balletttanz - durfte es jedoch nie - und sehnte jahrelang herbei, Violine spielen zu lernen. Auch dies fand wenig Unterstützung daheim, was ich heute, als Mutter irgendwie auch verstehen kann - da ist sovieles, was manchmal einmalig und manchmal immer wieder  aufzutauchen scheint und sovieles, was schon seinen Platz im Kinderalltag hat - wie soll es da nicht schwierig sein, zu entscheiden?!
Im Studium erfüllte ich mir den Wunsch nach dem Violinenspiel. Ich spielte ein paar Jahre, war mir nahezu sicher, dass dies mein Instrument ist - wobei mich die Viola mindestens ebensosehr reizte, ich sie aber niemals selber spielte - und hörte wieder auf. Es fand keinen Platz mehr in meinem Alltag, als ich das Arbeiten begann. Knapp neun Stunden täglich therapeutisches Arbeiten , sehr sehr nah an all den Menschen. Und zusätzlich war da noch der Herzenssport, der einige Wochenstunden forderte und mein langjähriger Nebenjob, in dem ich eine kleine zweite Familie gefunden hatte. Ich schaffte es nicht mehr, die Ruhe und Konzentration aufzubringen, die das späte Erlernen eines Streichinstrumentes forderte.
Ende der neunziger Jahre begann ich durch einen langen Klinikaufenthalt das Malen mit Acryl. Dort kam ich damit in Berührung und meine anfängliche Scheu überwand ich, als ich durch das Hören wunderbarer Klarinettenmusik alles ausblenden konnte und meine ersten Striche tat. Noch heute hängt dieses sehr grosse Bild an einer unserer wenigen freien Wände. Fortan hatte ich stets Leinwände in verschiedenen Grössen und eine Menge Acrylkram daheim. Gerade neulich noch fand ich mehrere alte, unberührte Leinwände. Irgendwann habe ich aufgehört. Ich weiss weder genau wann, noch warum. Eines der letzten Bilder war wohl ein Bild für meine Nichte, was 2003 anlässlich und etwa zum Zeitpukt ihrer Geburt entstand. Ich kann mich nicht erinnern, jemals wieder in dieser Wohnung gemalt zu haben.
In der zweiten Schwangerschaft versuchte ich mich am Nähen. Niemals hätte ich geglaubt, dass mir dies so viel geben könnte. Ich war bei mir, bei dem genähten Stück und entspannte. Es begleitet mich seitdem. Wenn ich derzeit auch nahezu keinen Weg mehr dorthin finde. 
In einem Urlaub begann ich - in Ermangelung meiner Nähmaschine - das Häkeln. Dazu ein Hörbuch und ich tauchte ein in fremde Welten, während meine Hände werkelten. Auch hier stellte sich ungeahnte Entspannung ein. Ich häkele seit eineinhalb Jahren nicht mehr.
Überall Brüche. Brüche, die ich entweder nicht verstehe oder die ich sehr bedaure. Oder beides. In den Zeiten, in denen ich kreativ bin, fühle ich mich einem Falter, der seine Flügel ausbreitet, gleich. Ent fal tung und ein Davongetragen werden, wie der Falter im Wind. Mir fehlt etwas ohne diese kreativen Dinge. Und doch sind da immer wieder diese Phasen, in denen ich meilenweit entfernt scheine, keine Kraft und keine Muße habe, etwas zur Hand zu nehmen. Wobei eigentlich dieses Kreativ-Sein es ist, was mir die Kraft und Muße erst gibt. Doch der Weg dahin scheint verbaut, unerreichbar. Wird es mit dem Nähen ebenso sein? Kommt manch anderes einst wieder? Was mögen die Gründe für diese Brüche sein? 
Ich glaube, die Kreativität wohnt in mir, ich brauche ihr Ausleben, um mich in die Waage zu bringen. In den Lebenssituationen, in denen sie ruht, scheint mein Leben zumeist im massiven Ungleichgewicht. Doch es stellt sich die Frage, ob dieser starke Unterschied mich lähmt, oder ob die nicht arbeitenden Hände beteiligt sind an der Höhendifferenz der Waagschalen.
Es wundert mich. Zumal ich eben erst bemerkte, dass da häufig Brüche von ehemals geliebten, wichtigen Seelentätigkeiten sind...


Montag, 12. Dezember 2011

Tage

Wenn da manchmal Tage wären, in denen die Schwere allüberlagernd nach unten drückt; Tage, denen nichts Sinnvolles abzugewinnen scheint; Tage, in denen das Lachen - wenn es denn welches gibt . niemals ein echtes ist; Tage die schattenvoll auf der Seele lasten; Tage an denen die Sinnfrage allgegenwärtig ist, dann wäre das Leben schwer. Aber eben nur manchmal . Weil da auch Tage wären, in denen es eben nicht so ist, wenn die schweren Tage nur manchmal da wären.
Manchmal, wenn das nur manchmal wäre, wäre es fast gut.
Nicht - an mir? - zu scheitern bleibt wohl meine Lebensaufgabe.

Ruhig ist es geworden, da ist wenig zu schreiben derzeit vom NebeLeben. Mehr ein dauerhaftes leben im NebeL als anders herum.
Vermutlich kommen  auch wieder bessere Tage.

Montag, 7. November 2011

Fassade putzen

Die Fassade putzen kann ich gut. Mach ich schon lang. Dummerweise wird die irgendwann ganz schön dünn.  Dahinter knackt es bereits bedrohlich.Und ganz innen, da stürzt alles mit lautem Getöse in sich zusammen. Und gefühlt liege ich momentan genau da drunter. Tut weh.

Donnerstag, 3. November 2011

Von Tränen

Da wollen Tränen laufen, aber der Weg ist ihnen versperrt. Kein Durchkommen in die Aussenwelt. Seit einer Weile schon steigen sie auf und weinen sich nach innen, wenn ich es denn nicht verhindern kann. Ich fühle es, wie sie laufen hinein und hinein, einmal durch mein Herz in meinen Kopf, am Ausgang vorbei und wieder zurück. Mir fehlt der Schlüssel. Und ich bin nicht sicher, wo ich ihn nur suchen soll.

Montag, 24. Oktober 2011

Zu

Zu wenig Schlaf, zu viele Grübeleien, zu viel Dunkel, zu wenig Zeit, zu wenig Raum, zu viel Durcheinander, zu wenig Halt, zu viel Rückzug, zu wenig Muße, zu wenig Freizeit, zu wenig Konzentration, zu viel Ablenkung. Zu viele Sorgen, zu wenig Mittel, zu viel Wissen, zu wenig verstehen,  zu wenig Handeln, zu wenig Durchatmen, zu viel Hetzen, zu viel Laufen, zu wenig Ankommen.

Zu viel zu.

Sonntag, 9. Oktober 2011

Löchriges Sieb

Mein Kopf ist ein löchriges, kaputtes Sieb. Verschollene Erinnerung. Ungläubiges, erstauntes, erschrecktes Staunen bei den Erzählungen der alten Freundinnen, was ich erlebt haben soll, von dem ich nahezu nichts mehr weiss. Allenfalls kurze Momentsfetzen ohne Handlungshintergrund in meinem Bewusstsein. Sonst ist da nichts. Weg. Versunken im leeren Raum stehe ich da, höre zu und bekomme grosse Augen - denn da ist einfach nichts.
Schwarze, dunkle Leere. Ausradierte Zeit. Vorbeigezogenes, nicht wahrgenommenes Erleben.

Verhungertes Sein.

Beängstigend.

Donnerstag, 29. September 2011

Warum eigentlich?

Warum eigentlich ist da die Sehnsucht nach dem dritten Kind? Nicht, dass ich je ausgeschlossen hätte, mehrere Kinder zu wollen. Vor dem Fröschlein jedoch war da ein klarer, tief verwurzelter Kinderwunsch. Es dauerte eine Weile, bis dieser letzlich erfüllt wurde. Und eigentlich, ja eigentlich hätte es das sein sollen. Zwei Kinder.
So ist es aber nicht.
Ich begann mich schon in der Schwangerschaft zu sehnen, sehr zu sehnen nach einem dritten Kind. Es fehlte mir. Ich war ein wenig verwirrt, als mir dies bewusst wurde. Gerade ein paar Wochen schwanger mit unserem zweiten Kind und ich sehnte ein drittes herbei, hatte das Gefühl, dass mir das dritte Kind fehlt - noch weit bevor das zweite geboren worden war. Ich hielt mich für sehr sonderbar, hormongesteuert, ein klein wenig verrückt.
Es fehlte mir die ganze Zeit hindurch, etwa 30 Wochen würde ich rückblickend sagen.
Und in der Nacht, als das Fröschlein geboren wurde, wurde mir gezeigt, warum das so war.
Es hat ein drittes Kind gegeben. 
Mein, unser drittes Kind ist ein verlorener Zwilling. Wochenlang unbemerkt. 
Eigentlich. Erst im Laufe der Monate verstand ich überhaupt, dass dieses Kind gar nicht unbemerkt geblieben war. Ich hatte es gespürt. Etwas in mir wusste um dieses Kind und wusste auch um seinen Verlust. Nur habe ich nicht begriffen.  
Ich trage eine silberne Kette um den Hals mit meinen Kindern darin. Auch mit diesem.
Die Sehnsucht nach einem dritten Kind heute fühlt sich anders an, als die nach dem Fröschlein. Es ist mehr Sehnsucht als Wunsch, mehr  Fehlen eines Kindes in unserer Mitte. Dieser Wunsch ist innig und von Herzen und dennoch so anders.
Würde ich mich auch so sehr sehnen, wenn da kein Kind gewesen wäre, was gegangen ist? 
Ich glaube, dass mein Wünschen und Sehnen aus ebendieser Tatsache geboren wurde, dass eigentlich, ganz eigentlich drei Kinder zu uns unterwegs waren und nur zwei davon angekommen sind.  

♥