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Montag, 5. November 2018

Gut siehst du aus

... oder wie mich drölfzig sicherlich lieb und ehrlich gemeinte Kommentare aus der Bahn werfen.

Der Mann der Besten wurde heute 60 und die Beste organisierte einen kleinen Überraschungs-Umtrunk mit schätzungsweise 30 Gästen. Die Beste und ihren Mann kenne ich, seit ich 16 bin sehr eng, nehme seit Jahren an Familienfeiern teil, ihre Kinder sind meine Patenkinder im Herzen, wenn auch schon beide weit über 20 Jahre alt sind. Demnach kenne ich auch viele der Gäste. Meist aber aber sieht man sich selten; an Feierlichkeiten, an Sport Events, die durchaus seltener geworden sind - zumindest in unserer Altersklasse. 
Am späten Nachmittag machten wir uns nach einem wieder mal aufreibenden Vormittag auf dem Weg dorthin - es gab daheim zwar wenig wirklich zu tun, aber da sind stets Dinge, die mich umtriebig machen, die es zu erledigen gilt und die selten ohne Übellaunigkeit enden.
Ich zog ein neueres Kleid an, freute mich, dass es noch passt, weil hier seit Monaten die Kilos schwinden, somit  manches einfach nicht mehr passt oder aussieht wie ein Kartoffelsack, dem der Gürtel fehlt.
Fünf Mal hörte ich den Kommentar: "gut siehst du aus". Schön, ja wie schön eigentlich.
Aber es haut mich um, macht mich traurig und nachdenklich. Ich mag gut, schön aussehen, weil mein Körper eine ansehnliche Silhouette  hat. Konturen mit Kanten, wo es zuvor jahrelang nur Kurven gab. Nicht, weil ich es selbst so gewählt hätte, sondern weil Medikamente und Hormone meinem Körper zusetzten. Ich habe zu viel gewogen, hatte Bauch, war übergewichtig, wenngleich auch viele sagten: "du bist doch nicht dick". Nein und doch. Ich war viel. Nicht immer. Aber zumindest jahrelang.
Heute bin ich deutlich deutlich weniger, weil ich hineinrutschte in eine mir all zu bekannte Sucht. 
Seit ich in der Pubertät war, stand ich auf Kriegsfuß mit meinem Körper, kanalisierte mein verwundetes Seelenleben in die Körperlichkeit. Bis ich schwanger wurde, war ich gefangen in bulimischer Anorexie, mal mehr, mal weniger. Inklusive monatelangem Klinikaufenthalt. Niemals war ich mir wenig genug, niemals hatte ich ein ausgewogenes, realistisches, gar gesundes Verhältnis zu meinem Körper. Als ich schwanger wurde(wovon ich niemals glaubte, dass mein Körper das nach Jahren der Sucht je schaffen würde), konnte ich all das hinten an stellen. Es galt, für mein Kind zu sorgen und ich konnte ein "normales", ein weitestgehend gesundes Essverhalten zulassen. Es war nach der Geburt nie so richtig perfekt. Mein Selbstbild immerzu zu dick, ganz gleich, ob es 65 oder 80 Kilo waren. Aber ich konnte damit leben, konnte es hinnehmen, ich akzeptierte. Es folgten immer wieder Zeiten mit Gewichtszunahmen aufgrund notwendiger Psychopharmaka. Manche vertrug ich besser, andere eben nicht. Seit einiger Zeit nehme ich nur Notfallmedikationen. Auch hier mal mehr und mal weniger, aber Auswirkungen auf meine Körpermasse hat diese keine.
Seit rund einem Jahr esse ich wenig. Oft sehr wenig. Es schlich sich ein, ich verlor aufgrund viel zu vieler äußeer Anforderungen und Umstände den Appettit - wie so mancher es eben tut. Ist das Leben stressig, traurig, schwierig, anstrengend, reagiert jeder anders. Essen macht mir dann keine Freude mehr. Obwohl ich ein Genuß-Mensch bin. Wie sehr ich gutes Essen doch eigentlich mag! Aber seit dem Tod des Stief-Vaters war es mir gleichgültig, seit Beginn der Erbstreitigkeiten erst recht. Zudem nahmen die Belastungen daheim permanent zu. Wie es dann so ist: das Essen fällt irgendwie hinten rüber. Es dauerte nicht lange und es wandelte sich: es war eben nicht mehr nur ein Appetenzverlust, sondern wurde zur Essensverweigerung. Ich aß nur, wenn ich gesehen wurde, aß nur, um nicht aufzufallen. Jedes bisschen Nahrung in mir war zuviel, fühlte sich an wie ein Stein in mir. Ganz manchmal ertrug ich eine Mahlzeit, die objektiv betrachtet zumeist nicht mal eine wahre Mahlzeit war, nicht in mir und ich erbrach sie. Nicht oft, aber es kam eben vor. Die Waage wurde mir Freund und Feind, der Tag definiert durch einen Gewichtsverlust oder eine Zunahme. Ich verlor weit mehr als ein Viertel meines Gewichtes. Ich bin heute (wieder) schlank. 2-3 Kleidergrößen Unterschied zu letzten Herbst. Ich halte mich fest en meinen Knochen, die Hüftknochen stehen heraus, man sieht die Schlüsselbeine. Oftmals habe ich eben diese in der Hand, streiche darüber, spüre ihre so wunderbare Härte. 
Da sind Menschen, die sich sorgen. Menschen, die meine Geschichte kennen. Ich belüge die, die mir nahe stehen in der Regel nicht mehr. Zur Not lasse ich sie gar kontrollieren, wie mein Gewicht ist, wenn sie mir nicht glauben mögen, was die Zahl auf der Waage sagt. Ich gehe offensiv zum Hausarzt und kläre Blutwerte, lasse Mangelernährungszustände checken. Loslassen kann ich aber nicht. Ich bin im unteren Mittel des Normalgewichtes, aber ich bin mir zu viel. Ich schwanke zwischen dem objektiven Wissen, der objektiven Betrachtung und kann dennoch mein Empfinden von Körperschema nicht positiv beeinflussen. Ich bin mir zuviel. Und ich weiß, dass mein Vorsatz, mir nicht mehr zuviel zu sein, wenn ich Gewicht xy erreicht habe, keinen Bestand haben wird. Auch dann werde ich mir zuviel sein. Ich bin gefangen in der Sucht, auch und obwohl ich so vieles weiß, so vieles durchschaue. Ich halte fest an ihr und ich halte mich an ihr fest. Ich sehe momentan keine Auswege, kann momentan keine Hilfen annehmen. Wobei ich reden kann. Thematisieren kann. Wobei ich nicht verleugne. Zumindest einem ausgewählten Personenkreis gegenüber. Das ist weit mehr als früher. Ich erkenne, habe früh erkannt. Dagegen wirken konnte ich dennoch nicht.  
Sie ist nur eines von vielen Übeln, diese Sucht. Oder ein Resultet viel zu vieler Anforderungen, viel zu vieler Entgleisungen im Außen, die ich nicht beeinflussen kann, sondern tragen und obendrein managen muss. Aber sie zehrt selbstredend. Ich gewinne - anscheinend zumindest - Kraft durch Kontrolle, Kraft durch Erfolg im Gewichtsverlust. De facto aber verliere ich an körperlicher Substanz. Das Leben ist anstrengend, alles was mich umgibt fordert. Sehr. Oft permanent. Ich setze durch die Sucht noch einen oben drauf.
Da sind Massen an ambivalenten Gefühlen. Gefühle, die die Sucht mir eintrichtert, Gefühle, die die objektive Betrachtungseise mit sich bringt. Und viele Gefühle, die die Reaktionen von außen in mir auslösen.
Allem voran: das Ding mit dem Essen oder Nicht Essen ist meins. Mir wäre es lieb, wenn das einfach keiner sieht oder mitbekommt. Weder was und wieviel ich esse, noch wie mein Körper sich verändert. Auch wenn ich (noch ein bisschen) fern bin vom Untergewicht: knapp 30 Kilo Gewichtsverlust seit letzten Sommer lassen sich nicht verbergen. Nicht die veränderten Körperformen, nicht das spitze Gesicht, nicht die eingefallenen Wangen.  Auch wenn ich alles gern verbergen würde. Ich möchte gar nicht, dass jemand auf die Idee kommt, Rückschlüsse zu ziehen.
 Andererseits aber bin ich schockiert.
"Gut siehst du aus". Wer sagt das - und wann? Ich kann mich kaum erinnern, häufig Kommentare zu meinem Aussehen bekommen zu haben wenn ich mit 80 Kilo ein Kleid trug. Ein schönes Kleid.  Ich bekomme so oft Kommentare momentan, wie gut und toll ich aussähe. Welche Größe ich jetzt wohl trüge. Und und und.
Warum? Diese Gesellschaft scheint sich nur zu definieren über Super Maße, oftmals sogar wohl die Frau in dieser Gesellschaft scheint all zu oft darüber definiert zu sein. Ist denn die Frau über der "Norm" nicht schön? Bin ich denn wertvoller, wenn ich Kleidung in 36 oder 38 tragen kann, als wenn ich zur 44 greifen muß? Es ist so grenzüberschreitend, eben dies gefragt zu werden. Was geht denn beispielsweise die Schwägerin der Besten meine Kleidergröße an? Natürlich kann und muss ich da meine Grenzen stecken. Es schockiert mich aber so unglaublich, wie sehr Anerkennung verbunden zu sein scheint mit dem Körper; zudem, wie sehr ein Körper schlanken Erscheinungsbildes suggeriert, dass eben alles gut ist.
Nichts ist gut und eigentlich liegt mir ja auch fen, das in aller Öffentlichkeit zu diskutieren.Ich weiß doch, dass die Menschen, die mir ferner sind und die so etwas sagen, ein Kompliment intendieren. Natürlich fühlt es sich gut an, gespiegelt zu bekommen, "gut" aus zu sehen. Ich kann das durchaus heute auch so hinnehmen und glauben, was ich füher niemals tat. Deckungsgleich mit meiner eigenen Empfindung ist das trotzdem nicht. Ich bin mir  zu viel. Deutlich zu viel. Darum gehts es mir gerade aber nicht, sondern darum, dass ich so fassunglos bin, wie sehr Klischees verankert sind, wie sehr das Außen Ton angebend ist für das  Innen eines Menschen.  Wie viel wertvoller "Schlank sein" zu sein scheint, als es eben nicht zu sein.
Mein Innen, meine Geschichte binde ich nicht jedem auf die Nase, keineswegs. Trotz gewonnener Offenheit in all den Jahren mit Erkrankung bin ich weiterhin gern im Team "Klappe halten". Ich kann allerdings ehrliche Nachfragen ab,  verstecke meine Geschichte ansich nicht. Jeder darf immer fragen, und beonders Menschen, die mir nahe stehene, bekommen ehrliche Antworten und ich scheue auch nicht das Gespräch. Aber ich falle auch nirgends mit der Tür ins Haus.
Es ist komplex, es wundert mich einfach sehr, wie es eben so ist. Sicherlich triggert das auch etwas in mir an, wenn eben vielleicht zufällig gehäuft ernst gemeinte Komplimente kommen, die ohne Hintergedanken sind. Aber weiter darüber nachgedacht, bestürzt mich eben das Bild, was in der Gesellschaft vorzuherrschen scheint. Möglicherweise bin ich empfindlich momentan, weil das Leben gerade in seiner Gänze ier kein Einfaches ist und eine bestehende Auswegslosigkeit uns alle ein klein wenig oder ein klein wenig mehr lähmt.
Vielleicht versuche ich einfach das "du siehst gut aus" in mich hinein zu nehmen und es für gut zu nehmen, als die Abwesenheit der Kommentare bei 25 Kilos plus. Manchmal ist es wohl besser, sich das tollste Stück Kuchen abzuschneiden und den Anderen die matschigen Reste zu überlassen. Ich verscuh das mal - sonst wird der Start in die neue Woche wohl eher bescheiden...

Montag, 8. Januar 2018

Vom Übergang

Wir sind nun nicht so die großen Party Menschen. Vielleicht auch einfach nicht mehr. Und irgendwie war das letzte Jahr sicherlich keines der allerbesten. Und auch, wenn ich nix davon halte, das neue, kommende, noch unverbrauchte Jahr irgendwie zu glorifizieren aka  "alles wird besser", war ich eingestellt auf einen recht ruhigen Übergang im Kreis lieber Menschen. 
Aber so ganz kurzfristig änderte sich der Plan - und das war so gar keine Option für mich. Ich brach ziemlich zusammen und suchte, nachdem ich mich halbwegs gefangen hatte, Alternativen. Daheim bleiben wäre eine Option gewesen. So prinzipiell. Wenn wir denn alleine leben würden.  Alles in mir schrie aber nach Abstand, nach meinem Leben, nach meinen Wünschen. Und keine der noch bestehenden Alternativen passte.

Letzlich verbrachte ich den Übergang allein unter Fremden. Aber eigentlich vor allem allein mit mir. Im alten Gemäuer eines Landgutes, umgebaut zum recht großen Tagungshotel. Mit zwar vielen Zimmern - aber nahezu alle Gäste hatten ein Silvesterarrangement gebucht. Mit Frei Essen und Trinken, mit live Musik und Tanz und Bar. 
So war das bis 23.30 geöffnete Spa quasi meines. Und nach dem zweiten Versuch "Dinner for one" - auf NDR lief es tatsächlich in Farbe! Frevel - besuchte ich zwischen halb sieben und 23 Uhr mehrfach Sauna, Sole Sauna, Sole Dampfbad, die Ruheliegen, das Schwimmbad und wieder von vorn. Dabei las ich ein langes Buch und war einfach nur mit mir.
Gegen 23.45 Uhr setzte ich mich frisch geduscht und warm eingepackt in den langen gemauerten, überdachten Eingang mit meinem Piccolo aus der MiniBar vor eine Feuerschale und sah den in einiger Entfernung stehenden Menschen des Arrangements beim Wunderkerze halten zu. Diese gingen fast alle schnell wieder hinein, weil es arg kalt war und das kleine Schwarze dann doch recht dünn zum in der Kälte herumstehen.
Ich las weiter, trank noch ein Sektchen und setzte mich auf dem Weg zum Zimmer anschliessend noch ungeplant ein Stündchen vor dem Kamin, der auf dem Weg lag.

Ein halber Tag nur ich und meine Bedürfnisse. Nicht perfekt - aber schon ziemlich gut. Entstanden aus einem prinzipiell blöden Grund, aber ich habs gelöst. Gut gelöst. HerrNebeL war stolz auf mich, die Kinder haben mich ein wenig vermisst (aber nur ein wenig). Dennoch hatten alle anderen der Familie am ursprünglich geplanten Ort in erweiterter Besetzung einen sehr schönen Abend.

Ein kleiner Anfang vielleicht für ein bisschen mehr "ich" in meinem Leben.



Mittwoch, 15. November 2017

Unsichtbar

Die Zeiten, in denen selbst geschriebene Worte nicht  bekleiden können, was in mir ist, sind schwierige. Denn wenn selbst das nicht gelingt, sind die gesprochenen Worte noch weit mehr von meiner eigenen Lebenswirklichkeit entfernt und mir gelingt es nicht, mitzuteilen, was ist. So steht da die Fassade, die mich aufrecht gehend hält und mal mehr und mal weniger blank geputzt ist. Meine Diskrepanz zum Innen zeigt sie nicht. Und so sind die wortlos gewordenen und somit unaussprechbaren und nicht zu verschriftlichenden, im Untergrund schwelenden Dinge unsichtbar und unhörbar für die Welt.

Sonntag, 12. November 2017

Kapazitäten

Die letzten Monate, an manchen Stellen vielleicht das letzte Jahr, kann ich für mich vielleicht kurz so zusammenfassen: Ich habe eindeutig ein Kapazitätsproblem. 
Neben dem Wissen um den drohenden Tod des (Stief)vaters und der zunehmenden dementiellen Entwicklung der Mutter lief der normale Alltag weiter. Ich im Beruf, HerrNebeL noch mehr, Kinder, deren Bedürfnisse, deren Termine. Und das, was obendrauf kam, steigerte sich naturgemäß. Verschlechterung der Krankheit, beginnende Pflegebedürftigkeit, mehr und mehr erforderliche Hilfestellung. Er starb und mit ihm ging vieles, was er im Alltag der Eltern übernommen hatte. Das Bild, was ich vom Vergessen der Mutter hatte, vervollständigte sich in den letzten Monaten und neben der Übernahme all der zu erledigenden Dinge, geschehen hier nahezu täglich kleinere oder größere Katastrophen. Die Verantwortlichkeiten verschieben sich. Ich habe diese nicht mehr nur für meine Kernfamilie, sondern muss sie mehr und mehr übernehmen für meine Mutter. Nicht nur Verwaltungsaufgaben, administrativen Papierkram oder dergleichen, sondern an so vieler Stelle alltagspraktisches Mitdenken, Aufpassen, Kontrollieren, Suchen, Entscheidungen mittragen und auch sanft lenken. Täglich. Abgesehen von dem, was dann aktiv für mich einach zu tun ist, muss ich auch in mir damit zurechtkommen, dass die Frau, die jahrelang Verantwortung für mich trug nun die ist, die meiner Verantwortungsübernahme bedarf. Eine Verantwortungsübernahme, die mir ungleich schwerer fällt, als die beim Vater, wo es vor allem um  Hilfestellungen bei körperlichen Gebrechen  ging.
Daneben ein Erbstreit, schwelende Trauer, für die es nach wie vor wenig Raum gibt, emotionaler Stress am Arbeitsplatz, ein pubertierendes und ein präpubertierendes Kindelein, ein verkorkster, unerholsamer Jahresurlaub, die kurzfristig aufgetretene Notwendigkeit, uns "mal eben" und am besten gestern für ein neues Auto entscheiden und dies auch möglichst gestern erwerben zu müssen und all die nicht aufzählenswerten, sich aber summierenden Dinge, die eben so anfallen. Obendrauf eine in dem Fall für uns unglückliche Wohnungs- und Raumsituation, die wenig Rückzugsmöglichkeiten bietet - für uns als Einzelpersonen der Kernfamilie und insbesondere für mich als Tochter meiner unter uns lebenden Mutter.
Ich bin nicht verwundert, dass die Limits erreicht sind, inzwischen nicht mehr nur meines, sondern auch das von HerrnNebeL. 
Ich suche Zuflucht im Funktionieren und "einfach Machen", irgendwo zwischen Akzeptanz und Resignation, wohl wissend um die Gratwanderung. Nach wie vor ist an vieler Stelle klar, was wichtig wäre. Wenn das irgendwo Thema ist, höre ich wohlgemeinte Ratschläge dessen, was ich selber weiß. Aber selbst, wenn es Möglichkeiten gäbe, Dinge umzusetzen, so mangelt es an den dazu nötigen Kapazitäten: Kraft, Energie, Zeit. Denn das Leben kostet schon ohne das Beachten, ohne das Suchen oder gar Finden meiner Bedürfnisse so viel von diesen, dass da nirgends mehr Raum ist. Jede kleine Tätigkeit, um die nicht drumherum komme, zehrt an den Reserven und das Reservoir ist bereits aufgebraucht, bevor ich auch nur ansatzweise an mich denken kann. Ich stehe derzeit mitten im NebeLmeer auf einem Floß, weit entfernt von sichtbaren Küsten oder ruhigen Gewässern. Momentan stehe ich erstens immerhin wieder darauf und wieder sicher(er), aber ich weiß, dass ich schnell stürzen kann. Ich suche nach Wegen, nach der richtigen Richtung und pendele eben zwischen dieser resignierten aber aktiven Akzeptanz, weiter machen zu müssen und dem mich ausgelaugt treiben lassen.

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Schlagworte

Perspektivlos.
Hoffnungslos.
Aussichtlos.

Auch wenn der Verstand es besser weiß. 
Das Innen spürt das leider nicht.

Dienstag, 10. Oktober 2017

Schwere

Diese Schwere, die mich verzweifeln lässt. Jeder einzelne kleine Schritt kostet unendlich viel Kraft. Das Gefühl, nicht mehr weiter zu können. Das Gefühl, nichts mehr schaffen zu können. Das Gefühl, komplett überfordert zu sein mit kleinsten Anforderungen. 
Ich stehe trotzdem auf, ich mache trotzdem weiter, weil mein Kopf weiß, dass es geht. Es geht mir bescheiden dabei und mehr als einmal frage ich mich, wo die Kraft, die ich doch gar nicht zu haben glaube, eigentlich her kommt. 
Es ist schrecklich, morgens aufzuwachen und zu merken, da ist weniger Substanz als es noch am Abend gab; schrecklich zu wissen, dass da ein langer Tag vor mir liegt, den ich wieder irgendwie überstehen muss. Es ist schrecklich, unterm Strich wenig Verbesserung zu spüren. Es ist schrecklich, trotz des Wissens der Veränderung weiterhin gegen einen Sog anschwimmen zu müssen, wofür fühlbar keine Kraft mehr übrig zu sein scheint. Eigentlich weiß ich nicht, wie es weitergehen soll, ich weiß nicht, wie lange die Kraft, der ich mir schon jetzt nicht sicher bin, noch reichen kann. Ich bin hilf- und perspektivlos und habe keinerlei Ideen, wie ich das ändern können soll.

Montag, 9. Oktober 2017

Status

Die letzten Wochen waren geprägt von Aushalten, Ertragen und vor allem irgendwie Überleben. Es gab gar keinen Raum, irgendwo hin zu spüren, weil es nur noch schwer war, das Leben. Schwer, schlimm und an mancherlei Stelle kaum erträglich. Ich habe ausgehalten bis jetzt, bis sich in das bloße Überleben kleine Momente von Durchatmen und noch kleinere Momente von Erholung mischen. Ich habe bisher immer ausgehalten. Viele Male. Und vermutlich kann ich sagen, dass das durchaus gut und wichtig ist in Zeiten, in denen ich verzweifelt und hoffnungslos bin. Zeiten, in denen ich sicher bin, dass der Nebel, die Dunkelheit und die Schwere sich niemals lichten werden. Zeiten wie jetzt. Irgendwann haben sie sich bisher immer gelichtet. Der Verstand hält mich fest, weil er genau das weiß.
Es ist vieles in Bewegung und es ist immer noch schwer, an vielen Stellen. Manchmal scheint es ein wenig weniger schwer als noch 2,3 Wochen zuvor. Dazu "leichter" zu sagen wäre aber nicht treffend. Dennoch verliere ich weiterhin die Stunden und Tage. Wann war gestern und vor allen Dingen was war eigentlich gestern? Oder den Tag davor? Als löschten sich Momente, Erinnerungen von selbst, viele davon. (Eigentlich muss ich mich gar nicht wundern, dass die beiden Freundinnen, mit denen ich viel Zeit in den letzten 25 Jahren verbrachte, mir immer und immer wieder verschiedenste Dinge erzählen, an die ich mich erinnern sollte - und es in so vielen Fällen nicht kann. Ich bestreite oft, dabei gewesen zu sein - wobei Fotos das Gegenteil zeigen. Ich erinnere wenig.)
Die Messlatte liegt weit unten und ich zwinge mich immer wieder, wahrzunehmen, was es darüber geschafft hat. Das Lesen eines Artikels, vielleicht gar ein halbes Kapitel in einem Buch. Kochen. Duschen. Essen ohne mich anschließend übergeben zu müssen, weil meinem Körper scheinbar nicht nach Essen ist. Freunde, liebe Menschen treffen für eine Weile. 
In manchen Momenten ist Ruhe eingekehrt, da ist weniger rastloses Tun und Denken -  aber es pendelt hin und her und irgendetwas kann sich dann nicht für Rasten oder Rastlosigkeit entscheiden und vereint es im bewegungslosen Daliegen und gleichzeitiger Gedankenkarusselfahrerei. Oder da sind plötzlich Tage, an denen ich kaum aufhören kann zu weinen, obwohl ich noch niemals jemand war, der gut weinen konnte. Weiterhin bin ich zumeist entrückt, finde mich schwer nur zurecht in der Welt. Lautstärke aushalten ist schwierig und kostet viel Kraft. Ebenso kostet es Kraft, im Kontakt zu sein, was aber andererseits so wichtig ist, um diesem Leben nicht komplett zu entrücken.
Ich vermag tatsächlich gar nicht zu sagen, ob es besser ist als vorher. In jedem Fall ist es anders und es ist in Bewegung - und anders ist erstmal nicht verkehrt. Die Intensität ist weiterhin hoch und das Leben verlangt mir derzeit viel ab, ohne dass ich viel tue. Ich überlebe weiterhin, ich halte weiterhin aus und versuche mich fest zu halten an schönen Momenten. Das allerdings ist eine Aufgabe, die trotz der Tatsache, dass ich wenig "tue", eine fast unerklärbar schwere ist.

Dienstag, 12. September 2017

Willkommen

Willkommen sein. Ein gutes, schönes tragendes Gefühl. Ich fühle mich an vielen Stellen willkommen. Mein Lächeln, meine Geduld, meine Art. Manchmal auch mein Humor. Meine Empathie. Meine Fähigkeit zuzuhören. Mein Wille, mich einzusetzen für irgendetwas,das ich als wichtig erachte, zumeist meine Mitmenschen. Ich bin willkommen als Zuhörer. Bin willkommen als jemand, der an vielen Stellen vieles meistert. Bin willkommen als jemand, der "da" ist für Andere. Auf jeden Fall trägt das.
Aber so manches Mal fühle ich mich nicht willkommen. Ich fühle mich nirgends mehr willkommen, wenn das Licht erlischt. Wenn es dunkel wird in mir. Wenn meine Gedanken und Gefühle befremdlich sind. Wenn ich nicht mehr einfach zu sein scheine, sondern scheinbar plötzlich kompliziert. Wenn mein Erleben sich nicht mehr deckt mit dem der anderen, Wenn meine Welt zu laut ist und zu hell. Wenn ich zurückschrecke vor unerwarteten Berührungen, wenn ich erschrecke bei unerwarteten Bewegungen und Geräuschen. Wenn da Dinge sind, von denen ich weiss, dass sie nicht sind. Es ist nicht nur mein Rückzug, mein Rückzug, der im krank sein begründet liegt und nur durch viel Kraft überhaupt an der ein oder anderen Stelle überwunden werden kann. Es ist auch der Rückzug der Anderen. Weil ich wunderlich bin, Weil manch einer nicht weiss, was er tun soll. Weil manch einer sich distanziert von diesem anstrengenden Sein, das in mir wohnt. Ich fühle mich zuviel.  
Und es ist wieder und wieder dasselbe: da ist kein Raum für das Anders sein. Da ist kein Raum für Fehl-erleben. Da ist kein Raum für Wunderlichkeiten. Da ist kein Raum für Dunkelheit, da ist kein Raum für befremdliche Gedanken. Ich fühle mich raumlos und menschenfern. Nicht angenommen mit allem, nur das Einfache und Gute hat Platz. Vielleicht mag das unfair klingen, da ich ja weiss, dass manch einer sich bemüht, manch einer an dieser oder jener Stelle auch etwas sagt.  Manch einer anbietet: hey, ich bin da. Zumeist aber ist die Entfernung - selbst oder gerade wenn es zu Momenten kommt, in denen ich zeigen kann, was ist - groß und vergrößert sich eher noch. 
Ich bin haltlos in einem Leben, das ein dunkles ist und mir mehr abverlangt als ich auf Dauer zu tragen vermag. 
Ausgesucht habe ich mir das nicht. Ein wenig bin ich vielleicht so geboren, vor allem aber hat mein Leben mich zu dem gemacht, was heute ist.  Ich kann mich nicht entscheiden, mit oder ohne Erkrankung zu leben. Ich habe mich nicht entschieden, zu erkranken. Manchmal kann ich entscheiden, wieviel Raum ich ihr gebe. Oft aber bin ich entscheidungs- und machtlos. Und kann nur sehen, wie ich klarkomme. Wie ich überlebe.

Montag, 4. September 2017

Reden. Oder nicht.



Reden über die Depression. Das ist bei mir schon oft ein Ausschlusskriterium an sich. Denn: wenn es schlimm ist, kann ich nicht reden. Dann habe ich keine Worte. Dann formt sich in meinem Hirn eine zähe, zusammenklebrige schwarzgraue Masse, mit der ich um jedes einzelne gesprochene Wort zu diesem Thema ringen muss. Ein einzelnes „Es geht mir nicht gut“ ist schon schwierig – wenn auch in all den Jahren hier und da leichter geworden. Aber prinzipiell muss ich auch das hart aus der Matscheklebermasse rauskämpfen. Und dieser einzelne Satz beschreibt eigentlichnur ein großes „Reingarnichts“. Er steht in einem ungefüllten Raum des Nicht-gut-gehens, das in jedem solch unglaubliche Facetten haben kann, dass dieser Satz einzeln da stehend eigentlich gar keine Daseinsberechtigung haben dürfte. De facto jedoch kommt es doch an so vielen Stellen überhaupt gar nicht erst soweit, dass dieser Raum im Gegenüber je mit Bildern, Ereignissen oder Gefühlen gefüllt werden könnte. Denn so oft führt schon diese Aussage zum Abbruch des Gespräches an sich. „Oh, das ist schade. Bis dann.“ Ende. Und wenn an der Stelle ich mich schon mit diesen wenigen, absolut indeskriptiven Worten mit meiner Matschekleberei im Hirn so sehr abgemüht habe – schweige beim nächsten Mal wohl wieder. Viel zu viel Anstrengung für nichts, außer vielleicht Enttäuschung. All die Jahre habe ich genau das wieder und wieder ähnlich erlebt. In den Jahren, in denen ich nicht wusste, was das in mir überhaupt ist. In den Jahren, in denen ich realisierte, dass ich psychisch krank bin. In den Jahren dazwischen. In den Jahren, in denen ich Namen für all das lernte. Die Andersartigkeit, mit der man mit Depression (und anderem) lebt, findet keinen Raum in dieser Gesellschaft, so wie selten Andersartigkeit Raum findet. Allenfalls Nischen. Aber die muss man erst mal finden....
Wenn ich aber wie gesagt, weit unten bin, depressiv bin, im Nebel versinke, hat mein Mund keine Worte. Ich glaube, manch einer mag mir da widersprechen, jedoch empfinde ich die meisten bisher geführten - sehr kurzen - Gespräche darüber als oberflächiges Kratzen an etwas, das tief geht, viel viel tiefer. Und wirkliche lange Gespräche habe ich mit Menschen aus meinem realen Leben wohl noch nie face to face geführt.
Wenn ich aber Glück habe in diesen Zeiten, dann kann ich schreiben. Dann sprudeln die Worte aus meinen Fingern oder meiner Hand nur so aufs Papier, als wären sie das Lösungsmittel für die sich verdichtende klebrige Masse der unaussprechlichen Worte in meinem Kopf. Ich kann den Raum, den ein „mir geht es nicht gut“ aufploppen lässt, füllen mit Bildern, Stimmungen, Gefühlen. Mit Ängsten und Bedrohlichkeiten, mit Leere, mit NebeL. Und so auch mit meinem LebeN in dem Moment, in den Zeiten. Ich kann spürbar werden lassen, was in mir ist. Das gelingt mir nicht immer. Aber immer wieder schon. Schon lange Jahre. Mal lyrisch, mal im Fließtext. Mal zusammenhangslos und mal fein säuberlich geordnet, als könnte ich mich innerlich durch das Schreiben selber analysieren und ein Stück weit selber nachvollziehen, was da gerade eigentlich passiert, dessen ich mir zuvor wenig bewusst war. Sehr oft ist mein Schreiben wohl genau dies. Ein Bewusstsein für mich in dem Moment, aber ich verstehe immer erst, wenn ich all dies später lese. Und bin wohl, seit ich schreibe schon, darüber erstaunt, was ich da eigentlich zu tun vermag. Ich staune über die Worte, die ich dann finde. Ich staune über mich. Und ganz manchmal mag ich das Depressionistentum dann sogar ein klein wenig, denn wenn das nicht wäre, wäre ich gar nicht in der Lage solche schweren, bedeutsamen, tiefsinnigen, tragenden Texte zu schreiben. Der Preis ist aber definitiv ein verdammt hoher. Denn auch wenn ich schreiben kann – so ist da noch lange kein Adressat. Und bisher gab es auch diese in meinem realen Leben nicht. Oder kaum. Vor 1,2 Jahren war ich spontan auf einer Lesung, auf dem im Schneeballprinzip selbst verfasste lyrische Texte gelesen wurden. Und ich las zwei oder drei von den Meinen und bekam gute Rückmeldungen. Aber – fast niemand kannte mich und der Kontakt zu denen, die ich kannte, ist ein sehr loser. Den ein oder anderen Text las eine Freundin. Und es war okay. Jedoch ist diese selber betroffen und somit im Thema. Sie verstand. Aber auch hier – der Kontakt ist eng, aber nur sporadisch. Der einzige Raum, in dem mein Schreiben einen Platz findet ist der geschützte Raum bei meiner Therapeutin. Und manchmal findet das Geschreibsel seinen Platz in der vitruellen Welt – die sich mit meiner realen jedoch kaum überlappt.
Ich empfinde es weiterhin so, dass da draußen kein Raum ist für Gedanken-, Gefühls-, und Wahrnehmungs-verirrte Menschen wie mich, die andererseits so „normal“ sind. Dabei weiß ich doch, dass ich nicht alleine bin, dass da so viele sind, die manches von dem kennen, das mich selber bewegt oder lähmt oder gefangen hält oder am Leben hindert. Warum also ist da immer dieses Schweigen? Ich mag gern ermutigen, zu reden. Weil ich finde, dass psychische Erkrankung wie vieles andere einen Raum in der Welt haben muss und nicht totgeschwiegen werden soll. Nichts verdient ein betretenes Wegschauen. Oder ein irritiertes Nicken und bloß schnell weitergehen. Drüber reden ist jedoch auch eine enorme Aufgabe für die meisten Betroffenen und halt nicht „mal eben so“ zu bewerkstelligen. Ich habe hier zumindest meinen Erklärungsversuch, warum ich das kaum kann, dieses Reden.

Sonntag, 27. August 2017

Gedankenkarusselvernebelungen

So Gedankenrotationsstürme haben durchaus die Möglichkeit, meinen Körperhaushalt  völlig aus den Schuhen zu schiessen. Einmal innerlich hochdrehen, während ich noch erfolglos Stop hinterherbrülle, und dann ungeachtet meiner brüllenden Unmutsbezeugung dennoch genötigt werde, vom gemütlichen 70er Ruhepuls mit Anlauf auf die 120 zu springen und dann fröhlich im Kreise in Rage denkenunddenkenunddenken. Das denkt sich so schnell, dass ich nichtmal mit der inhaltlichen Erfassung hinterherkomme und auch das sinnlose Dauerschreiben hat sich bereits verabschiedet. Ich kann halt kein Steno, sonst würds wohl noch gehen. Nicht selten denken sich die Gedanken von selber, ich habe keinerlei Mitbestimmungsrecht, geschweige denn Handhabe, da jetzt mal einen Riegel vorzuschieben oder irgendetwas irgendwohin zu ordnen. Es denkt mich, ob ich will oder nicht, Und mir schwindelt. Und ich werde wütig, und manchmal wird mir auch einfach schlecht. Beides vielleicht auch vor allem ob der Tatsache, dass irgendwer sonst die Zügel in der Hand zu halten scheint, weil mir keiner dieser Gedanken in irgendeiner Form gehorchen will. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird das sehr wohl ein Teil von mir sein – das Arsch hat sich aber ganz schon versteckt und abgeschottet und dreht da jetzt mal sein Ding. Dann bin ich wieder mal eine Gefangene meiner selbst, die keinen Plan hat, wie die Situation aufzulösen ist, außer dem von außen gesetzten Eingriff in irgendwelche synaptischen Vorgänge. Danach ist es zumindest ein wenig möglich, überhaupt mal ein kleines bisschen Ruhe zu finden, von innerer Ruhe, geschweige den Ausgeglichenheit jedoch keinerlei Rede. Und immerhin so ein klein wenig erträglichere, leisere Außenlebensgeräusche in Dauerbrüllschleife gibt es auch - die kreischen und brüllen halt sonst auch alles in mich rein, als wollte nur jedwedes Geräusch bitte danke als allerwichtigstes wahrgenommen werden..

Funktionieren gelingt weitestgehend – zumindest an manchen Stellen. Funktionieren ist allerdings auch das, was ich all die ganzen Jahre meinens Aufwachsens sowas von gelernt habe.  Allerdings auch hier momentan nur durch unterstützende Beeinflussung von Synapsen. (Sieht ja erfreulicherweise kaum einer, höchstens der, der etwas genauer guckt und Ahnung von der Materie hat). Viele normalerweise ruhebringende Möglichkeiten sind längst verloren, Lesen gelingt überhaupt nicht mehr, in der Badewanne hält es mich etwa 3 Minuten und beim Durchschauen durch einen Katalog schaff ich nicht mal ein Viertel. Und wenn ich gefragt würde, ob darin denn als erstes Küchen, Schlafzimmer- oder Wohnzimmermöbel kämen, müsste ich ehrlich gesagt passen : ich habe keine Ahnung.

Ich bin also derzeit – mal wieder – durchdrungener von NebeL als irgendwas anderem und habe sowas von die Schnauze voll, wieder einmal nach lichtvollen Ausgängen aus der ganzen Suppe zu suchen.

Bleibt mir aber wohl nix übrig.

Sonntag, 20. August 2017

Es rattert.

Die Welt ist zu laut. Ständig. Als hätte jemand den Lautstärkeregler nah seines Anschlages gedreht und dort eingefroren. Es ist zu hell, alles, nur wenn es bereits dunkel geworden ist, findet der Sehsinn ein wenig Entspannung - bis das Licht angeht. Bewegungen erscheinen mir viel zu schnell, (Mit)Autofahren ist eine Qual, weil meine Wahrnehmung gar nicht so schnell hinterherkommt, wie die Welt an mir vorbeifliegt. Schließe ich die Augen, fühle ich ebendies, ohne jedoch die  Bilder dazu wahrzunehmen - das Auto bewegt mich, aber das Körpergefühl kann dieser Bewegung nicht schnell genug folgen. Alle Sinne spielen mir einen Streich. Nichts ist mehr passend, die Wahrnehmung ist überfordert und ver-rückt - überall. Es gelingt mir nicht, zu filtern, damit alles sich wieder auf ein erträgliches Maß reduzieren lässt.
Mein Innen scheint - auch wenn mein Körper mal schläft - stets wach und sendet nonstop Bilder Bilder, Bilder. Kein Stillstand. Wenn ich schlafe, wache ich genauso fertig und erschöpft auf, wie ich auch eingeschlafen bin. 
Ich atme und habe stets das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen. Alles ist mir schwer. 
In mir rattert es permament, ein Geratter wie es durch das Bedienen einer dieser ganz alten Schreibmaschinen verursacht wird. Laut und durchdringend. In einer Tour - und ich habe fast keinen Einfluß darauf. Lediglich wenn ich etwas tue, körperlich, mit meinen Händen. Nähen, Möbel bauen. Immer machenmachenmachen. Irgendwann aber ist das Machen aufgebraucht, ich komplett durchgeschwitzt und körperlich einfach fertig, und dann lässt es sich wiederum nicht stoppen. Und rattert und rattert und rattert.

Sonntag, 13. August 2017

Nichts

Drückende Gedankenschwere in der Düsternis, angefüllt mit aneinandergereihten Siinnlosigkeiten, die mit wenig Bezug das Bewustsein durchstreifen ohne etwas zu bewegen ausser sich selbst. Sie erlauben keinen Zugriff auf Stille, keine Möglichkeit, einzutauchen in die Ruhe, die ein Stück weit Erholung bringen könnte. Stets ist in mir steuerungresistente innere Rastlosigkeit, die Kraft raubend sich ausbreitet. Ich bin erschöpft. Und wenn sich Raum auftut, in irgendeiner Form in Ansätzen überhaupt nach Wegen suchen zu können, so zeigt sich das absolute innere Dilemma, keine Chance zu haben, mch zu kümmern. Denn auch wenn ich weiß, was gerade wichtig wäre, bin ich gefangen im System der Verantwortlichkeiten in erster Linie für Andere. Gefangene in der Schleife der erwarteten Funktionalität des eigenen Seins, gefangen nicht zuletzt in der Schleife der Inszenierung des eigenen Selbst. Und so kriechen Rastlosigkeit und Schwere einerseits, Leere und Verzweiflung andererseits in jeden Teil meiner Hülle, weil ihnen das geistige Sein nicht mehr reicht und schmerzen körperlich. Die Glieder sind schwer, und ich habe Mühe sie zu halten. Selbst das Offenhalten der Augen verbraucht mehr Energie, als ich glaube zu haben. Ich gleite tiefer hinab in die Dunkelheit ohne notwendige Ruhe zu finden, ohne Möglichkeiten, Kraft zu tanken, da selbst die Dinge, die das Potential besäßen, mir ein Stück weiterzuhelfen, derartig viel Energie und Kraftaufwand erfordern, dass der Nutzen letzlich fast negativer Natur ist. Da ist nicht mal Raum zu trauern, weil alles in mir bereits angefüllt ist mit der bloßen Bewältigung der alltäglichen Grundlegenheiten. Ich verliere mich selber und bin nicht in der Lage, mich zu halten auf Dauer. Ich weiss, dass ich so nicht lange mehr weitermachen kann. Alternativen jedoch sehe ich nicht, Ideen habe ich keine und versinke so resigniert und kraftlos im NebeL. Bis der Alltag ein weiteres Funktionieren erfordert und ich weitermache. Unterm Strich bin ich derzeit zu angefüllt mit der Notwendigkeit, für Andere zu funktionieren und dabei selber überhaupt zu überleben, dass für mich nichts weiter mehr übrig bleibt als nichts.

Sonntag, 30. Juli 2017

Vom Funktionieren

Ich funktioniere. Ich funktioniere meistens. Ich funktioniere, wenn es mir nicht so  besonders gut geht. Wenn ich mal einen schlechtern Tag habe oder mies gelaunt bin. So, wie wir das alle tun. Die Nerven sind dann zumeist daheim ein wenig gespannt, aber wer kennt das nicht. 
Ich funktioniere jedoch auch, wenn das Dunkel aufzieht. Wenn mir die Luft zum Atmen wegbleibt, wenn der Schlaf kein erholsamer mehr ist, wenn ich denn überhaupt schlafen kann. Wenn die Träume verrückt spielen, und ich von einem Alptraum in den nächsten schlittere. Nicht eine Nacht, sondern nahezu jede. Ich funktioniere, wenn die Leere Besitz von mir ergreift, wenn sich mein Sein vernebelt. Wenn die Geräusche zu laut sind, das Licht zu hell. Wenn es mühsam ist, einem Gespräch zu folgen, weil sich die Konzentration so sehr auf die basics des eigentlichen Seins konzentrieren muss, dass kaum noch Platz für Anderes bleibt. Ich funktioniere, wenn mir die Glieder schwer sind vor der Last des Alltags. Ich funktioniere, wenn meine Gedanken nicht stillstehen können und mich schier in den Wahnsinntreiben und nur noch das stille Zählen von Dingen ein wenig Rast in das Gedanken-Karussell bringt. Ich funktioniere, wenn ich innerlich längst zusammengekauert in der Ecke hocke und mich nach Beruhigung sehnend vor- und zurückwiege. Ich funktioniere einfach weiter und putze die Fassade. Wer mich nicht näher kennt, bemerkt das nicht mal. Und die, die mich kennen, bemerken es oft nur dann, wenn sie genau hinschauen. 
Das Funktionieren ist so ein Ding mit zwei Seiten. Ich funktioniere immer lange. Viel zu lange. Denn in den meisten Fällen stürze ich danach tief, sicherlich tiefer, als ich gestürzt wäre, wenn ich denn früher innegehalten und mich gekümmert hätte. Oder mich versucht hätte zu kümmern. Oder in vielen Fällen Hilfe in Anspruch genommen hätte. Letzteres ist ein Punkt, den ich möglichst lange hinauszögern will. Immer. Denn es liegt mir gar nicht, überhaupt Hilfe zu benötigen, geschweige denn anzunehmen oder gar aktiv danach zu fragen. Ich möchte alles mit mir selber ausmachen, alles selber schaffen, niemandem zur Last fallen. Mich in schlimmen Zeiten niemandem zumuten. Und ich will mich gar nicht erst zeigen. Will nicht offenbaren, was denn unter dieser Fassade tatsächlich ist. Die Fassade ist nicht eine gänzlich falsche, die Fassade bin auch ich, sie gehört auch zu mir und meinen eigentlichen Empfindungen Aber in vielen Momenten ist sie eben nicht authentisch, weil es im Innen gerade ganz anders aussieht. 
Da sind aber auch Zeiten, in denen mich das Funktionieren und die Fassade hochhalten. Mir Struktur geben, mir einen geregelten, bekannten Alltag ermöglichen, der mir Sicherheit gibt, an dem ich mich entlanghangeln kann, wenn im Innen das Chaos tobt. Oder die Leere. Oder das Dunkel. Wenn mir der Nebel die Sicht nimmt, kenne ich mich in meinem Alltag so gut aus, dass ich ihn dennoch bewältigen kann. Und hier kommt die Crux - wo hört das "gute" Funktionieren auf, das Sicherheit gibt, und wo fängt das "schlechte" Funktionieren an, das mich weit über alle Grenzen treibt? Nach all den Jahren, in denen mich verschiedene, psychiatrisch titulierbare Seelenzustände eng begleiten, fällt es mir immer noch schwer, das herauszufinden. Es ist immer noch schwer, mich selber wahrzunehmen und zu bewerten in einer Depression, in dissoziativen Zuständen sowie Belastungszuständen, um eben dann die Formen des eigenen Funktionierens  voneinander abzugrenzen zu können.
Darüber hinaus drängt die eigene Situation mich oft dazu, auf jeden Fall zu funktioneren - ganz ab von meinem Berufsleben. Denn mein eigentlicher "Hauptjob" ist entfernt von einer Arbeitsunfähigkeit: 
Ich liebe es, Familie zu haben. Und mir ist nie etwas Schöneres passiert, als Mutter sein zu dürfen. Aber ich habe auch noch nie etwas Schwereres getragen. Auch in schlimmen Phasen muss es zu Hause weitergehen, muss es einen Alltag für die Kinder geben, muss ich als Mutter "da" sein, auch wenn ich gar nicht mehr kann. Das ist zumindest mein Anspruch an mich, und der ist ein Stück weit auch okay so. Aber irgendwann kommt auch hier wieder der Punkt, an dem ich vor der Frage stehe, ob das Funktionieren noch ein "gutes" und "tragbares" für mich ist, oder ob ich mit dem mir selber auferlegten Funktionieren-müssen alles nur noch verschlimmere. Dummerweise kam diese Frage bisher selten wirklich in solchen Situationen auf. Ich kann sie tatsächlich zumeist erst rückblickend reflektiert betrachten. Wobei es dann im Regelfall bereits zu spät ist. 

Das Funktionieren kann ein Segen sein, der mir den Kopf über Wasser hält. Und ein Fluch, weil es mich , den Kopf gut über wasser halten könnend, weit ins offene Meer treiben kann, bevor dann heimtückisch von unten der Strudel kommt, der mich doch in die Tiefe zieht. 

Immerhin weiss ich darum. Ich weiss sogar gut darum. Aber Wissen heisst nicht, dass ich in der Lage bin, dieses auch an mir selber anzuwenden. Es wird besser, von Mal zu Mal. Aber es erfordert ein ewiges Auf-der-Hut-sein, was wiederum immer auch ein Stück weit Energie kostet.

Und im Regelfall läuft all das unbemerkt ab von aussen - und das ist wohl einer der Gründe, weshalb so wenige Menschen auch nur annähernd einen Blick dafür haben, was es bedeutet, depressiv zu sein, psychisch krank zu sein. Denn so vieles passiert einfach im Verborgenen - unsichtbar für die Augen Anderer.

Samstag, 27. Mai 2017

Band

Da schnürt sich ein Band um mein Herz, mal locker und unbemerkt, zumeist aber gespannt und umfassend. Es drückt mich im Innen zusammen, sodass die Brust mir eng wird, die Luft keinen Raum mehr zu finden scheint. Egal wie sehr ich auch atme, wie tief ein, wie tief aus, das Gefühl bleibt. Das Gefühl, keine Luft zu bekommen, nie genug; das Gefühl, unter einem Kissen erdrückt zu liegen; das Gefühl, es gibt keinen Platz für das, was mich doch eigentlich am Leben hält. Es schmerzt fast dauerhaft, wie ein großer, zäher, innerer, verklebter Klumpen. Es ist andererseits aber bereits so vertraut, dass ich es manchmal erst spüre, wenn ich höre, wie sehr ich nach Luft gierend atme, als sei ich gerade kilometerweit untrainiert gelaufen. 
Ich weiß, es ist viel. Zu viel vielleicht. Und ich weiß, es ist kein Ende in Sicht. In Wahrheit ist wohl dies hier erst der Beginn. 


Abschiede

Abschiede rühren so eine zarte Saite an in mir; vor allem Abschiede von den Menschen, die in irgendeiner Form bedeutsam sind für mich - wobei diese Bedeutsamkeit die verschiedensten Ausprägungen, Aspekte und vorhergegangenen Begegnungen beinhalten kann. So  wird sie angeschlagen, die Saite in dem einen Moment der Abschiednahme, und beginnt zu schwingen in mir. Zu tönen, und der Ton trägt sich fort und füllt aus. Füllt mich aus und berührt. Er findet seinesgleichen, der Ton, oder sein Pendant und setzt wiederum einen weiteren Ton in Bewegung. Einen weiteren Ton, der einst gewesen ist, oder vielleicht gerade erst war. Oder auch der, der bevorsteht und so unausweichlich ist. Und davon finden sich manche, ganz nah oder weit fort. Und so vermischen die Anschläge der Saiten sich in mir zu einem einzigen, harmonischen, doch klagenden Klang in Moll, der Türen öffnet, die ich doch so gern verschließe. Denn all zu oft tut es weh, das Hinschauen, das Hineinschauen in die Räume hinter diesen Türen. Viel zu oft wohnt dem entstehenden Anfang eben kein Zauber inne, sondern viel zu viel Schmerz, viel zu viel drohendes und wahrhaftiges Neuland. Viel zu oft ist das Ende eben mehr ein endgültiges, schmerzhaftes, unausweíchliches, zu verkraften müssendes Ende, als eine Chance auf einen vielleicht fruchtbaren Neubeginn. 
Abschiede beinhalten verlustig gehende Vergangenheit, abgelöst von fremder, sich neu finden müssender Gegenwart mit ungewisser Zukunft. Und an so vielen Stellen ist eben dies schlicht und einfach schmerzhaft und zunächst mal in keiner Form gewinnbringend. Und wenn sich dann, bedingt durch den Anschlag des einen Abschiedes, all die Innenklänge vereinen, so entsteht ein Klagelied, das an den Fasern meines Seins zerrt, das mein Innen erfüllt mit Trauer, Unbehagen und Schmerz. 
Und es geleitet mich im Dunkeln in den Schlaf, mit der Hoffnung in mir, dass es bald verklingen möge, da es mich mit so großer Schwere erfüllt.

Dienstag, 28. März 2017

Yogi Tee

Ich trank heute abend mit einer lieben Freundin einen Yogi Tee. Die Freundin und ich kennen uns nun seit 33 Jahren; zuerst begegneten wir uns mit neun, als wir gemeinsam drei Wochen im Sommer ins Zeltlager fuhren. Und fortan führte das Leben uns immer wieder zueinander, wenn unsere Wege sich getrennt hatten. Eine Weile nach dem Zeltlager besuchten wir dieselbe Schule in veschiedenen Jahrgängen. Es folgten weitere Zeltlager. Im jungen Erwachsenenalter fuhren wir als Gruppenleiter mit selbiger Organisation wieder ins Zeltlager. Jahre später trafen wir uns an der Uni in einer nahen großen Stadt wieder. Und studierten dasselbe in unterschiedlichen Semestern. Und noch viele Jahre später begann sie dort zu arbeiten, wo ich bereits eine Weile arbeitete und seither sind wir neben unserer Freundschaft auch Kolleginnen. 
Eine sehr bedeutsame Zeit in unserer Freundschaft war die Zeit, wo wir uns regelmäßig in einem Restaurant sahen. Ein klitzekleines indisches, mit wenigen Tischen, mitten im "Viertel". Sie arbeitete dort - und ich saß an der Theke und trank Yogi Tee. Wenn es ruhig war, hatten wir viel Zeit, miteinander zu reden, während sie Getränke bereitete oder Gläser polierte. Oft aber war es voll, was allerdings in keiner Form schlimm war. Ich war gerne dort, war nicht allein. Und ich hatte immer ein Blanko Buch dabei. Und schrieb. Ich schrieb viel zu der Zeit, so wie ich gerne schreibe. Worte, die scheinbar ohne Umwege über ein bewusstes Denken auf das Papier fließen. Worte, die ordnen. Worte, die mich mir näherbringen, wenn ich sie lese. Manchmal, damals auf jeden Fall, jedoch auch Worte, die mich selber bestürzten. Ich schrieb Dinge, die ich nicht zu denken wagte, Dinge, die ich nicht hätte benennen können. Schreibend fanden sie ihren Weg, den ich ihnen sprechend und auch denkend nicht geben konnte. Es war gut, in einem Rahmen schreiben zu können, der Struktur und Normalität gab, inmitten von Menschen, nahe an einer lieben Freundin. Wohlmöglich hätte ich mich sonst all zu oft verloren in dem Dunkel der Zeilen. Es waren schwere Zeiten. Meine Freundin war da. Immer. Und immer gab es diesen Tee dazu, der nur dort so schmeckte. Und heute schmeckte er noch ganz genauso - dasselbe Restaurant, an anderer Stelle, dieselben Leute, die ihn kochten. Und er ist so ein ganz zarter, dennoch bestimmter und vertrauter Seelenpfleger, dass es mir nun ganz warm ums Herz ist.

Freitag, 10. März 2017

Gewohnheiten, Veränderungen und Ärzte

Ich bin wohl sowas wie ein Gewohnheitsmensch. Ich mag Gewohnheiten. Und bin manchmal sehr unentspannt, wenn Gewohnheiten durchkreuzt werden. Sie geben meinem Alltag sowas wie Sicherheit, Eckdaten, willkommene, weil wohlbekannte Gefühle. Mag sein, dass ich da an mancheer Stelle vielleicht so ein klitzeklein wenig zu gewohnheitslastig bin - aber nun.
Zu solchen Gewohnheiten  gehören beispielsweise "mein Platz" oder "meine Plätze" an wiederkehrenden Orten. Bei der Arbeit sind das beispielsweise der Stuhl im Teamraum, der im Stationszimmer, der in der Bibliothek. Die können möglicherweise variieren zu verschiedenen Anlässen. Morgens sitz ich oft in der Nähe der Kaffeemaschine, wenn ich mich denn dann in den Teamraum setze, mittags aber immer, IMMER am anderen Ende des Tischs. Und wenn ich später als andere komme, und mein Platz ist besetzt, bin ich unentspannt. Zögere, stehe Stunden Bruchteile von Sekunden schwer getroffen nachdenkend herum - und setz mich dann woanders hin. Übellaunig, weil: so geht das nicht, hier fühlt sich alles, ALLES falsch an. Falscher Blickwinkel, falsche Sitznachbarn, falsches Karma, falsche Sauerstoffzusammensetzung, sowas. Glücklicherweise achten die meisten Kolleginnen unausgesprochen tatsächlich darauf, dass mein Platz frei ist. Warum und wieso sei dahingestellt- eingefordert hab ich das nicht. Aber manch andere Kollegin hat auch "ihren Platz". Allerdings stehen die nicht drölfzig Sekunden komisch rum, wenn der mal belegt ist. 
In der Frühbesprechung auf Station ist es ähnlich, aber nicht ganz so schlimm. Aber wenn ich woanders sitze als gewohnt, fängt der Arbeitstag "unrund" an. Komme ich allerdings zwischendurch mal ins Stationszimmer und setze mich, ist mit der Platz tatsächlich völlig egal. Aber das "mal eben zwischendurch" ist in keiner Form so strukturgebend wie Besprechnungen oder Pausen.
Am allerliebsten habe ich auch "meine" Parkplätze auf den Parkplätzen der gewohnten Supermärkte. Tendenziell viel weniger schlimm, wenn die belegt sind, aber ich gehe wirklich lieber einkaufen, wenn ich da stehen darf, wo ich am meisten stehe.
Gewohnt ist auch das Mittagessen. Zumindest bei der Arbeit. Am wohlsten fühle ich mich tatsächlich mit einer Tütensuppe - ja, immer dieselbe, und ja, vollkommen indiskutabel kein bisschen gesund - und einem Laugengebäck. Hier gibts allerdings immerhin 3 Varianten in der Sorte. Nachdem mir eine liebe Freundin neulich ganz verstohlen, aber bestimmt einen schriftlichen Tadel  bezüglich ebendieser Fertigprodukte zukommen ließ, habe ich beschlossen, diese Gewohnheit mal ein wenig zu lockern und esse Suppen vor allem an sicherheits- und routinebedürftigen Tagen.  
In mir bekannten Restaurants esse ich prinzipiell dasselbe. Damit ich weiss, was auf mich zukommt und bitte danke auf keinen Fall von irgendetwas überrascht werde. Oder enttäuscht.  Oder beides. Wider dem besseren Wissen, dass es mich durchaus auch positiv überraschen könnte.
Der Alltag ist prinzipiell sowieso gewohnt. Zumindest wochenweise immer dasselbe und dasselbe. Aber auch da bin ich letzlich doch flexibler als bei der Sitzplatzwahl :-).

Für jeden wird an dieser Stelle vorstellbar sein, was ich gar kein bisschen mag: Veränderung. Alles Gewohnte ist vertraut, alle Veränderung erst mal doof. Falsch. Unbehaglich. Unsicher. Bedrohlich - weil: ich kenns ja nicht. Und weil ich das Gewohnte so sehr mag, WILL ich die Veränderung gar nicht erst kennenlernen. Spätestens an dieser Stelle kommt die Krux hinzu - denn so fein es auch ist, sich dank alltäglicher Gewohnheiten durchs Leben zu bewegen, so schwierig ist das allzu starke Fixieren auf ebendiese, weil sich in Wahrheit ja stets etwas verändert. An mancher Stelle bin ich Veränderung wiederum gewöhnt - die Patienten, die ich behandele, befinden sich naturgegeben in einem ständigen Kommen und Gehen. Absolut unproblematisch - das war ja schon immer so und sorgt durchaus auch für willkommene Abwechslung. Aber das Drumherum ist weitestgehend stabil. Natürlich kommen und gehen auch die KollegInnen in regelmäßigen Abständen. Aber zum einen nicht stets und zum anderen ist meistens der ich nenn es mal "innere Kreis" recht stabil.
Meistens. 
Gerade aber  geht mir so ein klein wenig die Flatter. Die Stationsärztin, die ich recht lieb gewonnen habe, mit der ich gerne arbeite, die ich für sehr fähig mit dem Patientengut auf unserer Station umzugehen halte - ach was sie IST einfach fähig - wird in ein paar Tagen gehen. Und ganz abgesehen davon, dass ich sie ihretwegen einfach vermissen werde, wackelt schon jetzt das gewohnheitsliebende-veränderungsablehnende Konstrukt ganz gewaltig - dabei ist sie noch da. Und um es noch ein wenig mehr ins Wanken zu bringen, geht der eben immer schon dagewesene Oberarzt - den ich auch sehr schätze, zweifelsohne, wenn auch ganz anders - in 2,3 Monaten in Rente. Mein kompletter Arbeitsalltag verliert damit derzeit massiv an Stabilität. Der "innere Kreis" verliert wichtigste Mitglieder sowohl für mich persönlich, als sicher auch für die Kollegen und sehr bedeutsam: die Arbeit auf der Station, die ein klein wenig besonders ist, verliert tragende Pfeiler. Und dass ich den Arzt, der vertretungsweise die oberärztlichen Tätigkeiten auf unserer Station übernehmen wird, nicht so wirklich als Sympathieträger bezeichnen würde, machts mir nun nicht einfacher. Ganz davon abgesehen, dass ich kaum glaube, dass es bereits auch nur einen Plan für die Stelle der Stationsärztin gibt.
Dieser Stabilitätsverlust fällt noch dazu auf viele größere und kleinere Baustellen in meinem arbeitsfernen Alltag, die viel Verwirrung, Sorgen und Ängste nach sich ziehen, was die Gesamtsituation nicht gerade verbessert.
Ich schwanke gerade noch ein bisschen zwischen drohender Dekompensation, KopfindenSandstecken, "Alles wird gut" Mantras und hysterischem Dauergelächter.  Hoffen tue ich allerdings dabei insgeheim auf: "Ich mach einfach weiter und such mir neue Gewohnheiten". 
Kann ja nicht so schwer sein. 
Hoffentlich.

Samstag, 17. Dezember 2016

Vom Krank sein

Diese Woche gab es ein für mich wirklich gutes Kompliment von der großartigen Stationsärztin bezüglich Erkrankungen. "Kann ja nicht jeder so widerstandsfähig sein wie du" waren ihre Worte. 

Die KollegInnenzahl, die krank daheim sind, ist naturgemäß derzeit hoch. Ich bin tatsächlich nie krank im herkömmlichen Sinne. Grippe, Erkältung, Magen-Darm, Rücken, schalala. Eigentlich wirklich nie. In diesem Jahr hatte ich 3 Kind Krank Tage und das war es mit Erkrankungen. Aber, und das ist das große aber, bin ich, wenn ich dann eben doch krank bin, lange nicht da. Immer schon. Denn wenn ich krank bin ist es die Psyche. Und wenn die Psyche so halbwegs im Griff ist, können mich schonmal auch Nebenwirkungen der erforderlichen Medikamente derartig ausknocken, dass Arbeiten trotzdem nicht möglich ist. Zuletzt im Herbst 2015, wo mich eine Neuroleptika indizierte Akathisie dermaßen bewegungsvoll machte, dass Arbeiten wochenlang nicht möglich war - stilles Sitzen ging gar kein bisschen. Daraus besteht aber nun mal ein Teil meiner Arbeit und das auch noch mit mir gegenübersitzenden Patienten. Eine unruhige Therapeutin ist schlicht und ergreifend absolutes Gift. Unmöglich. 
Auch in den zwei Jahren zuvor war ich nahezu nicht krank. Kind Krank Tage gab es den ein oder anderen, möglicherweise hatte auch ich einzelne Fehltage. Aber eine Krankschreibung gab es nicht. Die letzte Krankschreibung davor war wegen der Psyche im Sommer 2012. Die damalige Fehlzeit aber dauerte mehr als ein Jahr und endete mit einer Wiedereingliederung nach einem Reha Aufenthalt im Herbst 2013. Alles in allem bin ich also doch viele Tage abwesend. Ich hasse das. Weil ich mich im Regelfall unzulänglich fühle, weil ich es nicht schaffe, zu arbeiten. Ich habe ein hohes Pflichtbewusstsein und gehe oft noch arbeiten zu Zeitpunkten, an denen es schon sehr grenzwertig ist. Ich achte da wenig auf mich. Bin ich im Urlaub krank, bin ich halt krank. Viele Andere lassen sich dann krankschreiben, um den Urlaub später nachzuholen. Denn eigentlich ist es tatsächlich nicht sehr urlaubig, wenn man krank ist. Sicherlich ein Stück weit auch ganz schön dämlich von mir. Aber so bin ich nun mal. Es fällt mir schwer, nicht zu arbeiten. Es gehört viel dazu, zu akzeptieren, dass ich aufgrund meiner Erkrankung immer wieder (längere) Zeiten habe, an denen ich eben nicht arbeitsfähig bin, auch wenn ich das in keiner Weise gut finde. So ist es aber. Ich weiß aber genau, dass ich dann immer sehr hart daran arbeite, zurückkehren zu können in den Alltag. Manchmal dauert es vergleichsweise weniger lang und manchmal eben auch extrem lange.
 
Trotz dieser regelmäßigen Fehlzeiten fühle ich mich durch solch eine Aussage extrem wertgeschätzt, wahrgenommen, in dem wie ich bin, wenn mich die Psyche nicht niederstreckt. Wahrgenommen mit meinem Engagement in meinem Job. Und echt mal, das tut ganz schön gut.

Freitag, 12. Oktober 2012

Seelentätigkeiten

Ich erinnere mich nicht, als Kind ein wiederkehrendes Hobby gehabt zu haben, was mich kreativ sein liess. Ich lernte das Klavierspiel, aber kreativ in und an den Tasten und in meiner musischen Gefühlswelt wurde ich an erst weit später. Ich ging zum Herzenssport, versuchte hier und da noch einen anderen Sport, und blieb letzlich doch nur bei dem einen. Ich fühlte mich lange hingezogen zum Balletttanz - durfte es jedoch nie - und sehnte jahrelang herbei, Violine spielen zu lernen. Auch dies fand wenig Unterstützung daheim, was ich heute, als Mutter irgendwie auch verstehen kann - da ist sovieles, was manchmal einmalig und manchmal immer wieder  aufzutauchen scheint und sovieles, was schon seinen Platz im Kinderalltag hat - wie soll es da nicht schwierig sein, zu entscheiden?!
Im Studium erfüllte ich mir den Wunsch nach dem Violinenspiel. Ich spielte ein paar Jahre, war mir nahezu sicher, dass dies mein Instrument ist - wobei mich die Viola mindestens ebensosehr reizte, ich sie aber niemals selber spielte - und hörte wieder auf. Es fand keinen Platz mehr in meinem Alltag, als ich das Arbeiten begann. Knapp neun Stunden täglich therapeutisches Arbeiten , sehr sehr nah an all den Menschen. Und zusätzlich war da noch der Herzenssport, der einige Wochenstunden forderte und mein langjähriger Nebenjob, in dem ich eine kleine zweite Familie gefunden hatte. Ich schaffte es nicht mehr, die Ruhe und Konzentration aufzubringen, die das späte Erlernen eines Streichinstrumentes forderte.
Ende der neunziger Jahre begann ich durch einen langen Klinikaufenthalt das Malen mit Acryl. Dort kam ich damit in Berührung und meine anfängliche Scheu überwand ich, als ich durch das Hören wunderbarer Klarinettenmusik alles ausblenden konnte und meine ersten Striche tat. Noch heute hängt dieses sehr grosse Bild an einer unserer wenigen freien Wände. Fortan hatte ich stets Leinwände in verschiedenen Grössen und eine Menge Acrylkram daheim. Gerade neulich noch fand ich mehrere alte, unberührte Leinwände. Irgendwann habe ich aufgehört. Ich weiss weder genau wann, noch warum. Eines der letzten Bilder war wohl ein Bild für meine Nichte, was 2003 anlässlich und etwa zum Zeitpukt ihrer Geburt entstand. Ich kann mich nicht erinnern, jemals wieder in dieser Wohnung gemalt zu haben.
In der zweiten Schwangerschaft versuchte ich mich am Nähen. Niemals hätte ich geglaubt, dass mir dies so viel geben könnte. Ich war bei mir, bei dem genähten Stück und entspannte. Es begleitet mich seitdem. Wenn ich derzeit auch nahezu keinen Weg mehr dorthin finde. 
In einem Urlaub begann ich - in Ermangelung meiner Nähmaschine - das Häkeln. Dazu ein Hörbuch und ich tauchte ein in fremde Welten, während meine Hände werkelten. Auch hier stellte sich ungeahnte Entspannung ein. Ich häkele seit eineinhalb Jahren nicht mehr.
Überall Brüche. Brüche, die ich entweder nicht verstehe oder die ich sehr bedaure. Oder beides. In den Zeiten, in denen ich kreativ bin, fühle ich mich einem Falter, der seine Flügel ausbreitet, gleich. Ent fal tung und ein Davongetragen werden, wie der Falter im Wind. Mir fehlt etwas ohne diese kreativen Dinge. Und doch sind da immer wieder diese Phasen, in denen ich meilenweit entfernt scheine, keine Kraft und keine Muße habe, etwas zur Hand zu nehmen. Wobei eigentlich dieses Kreativ-Sein es ist, was mir die Kraft und Muße erst gibt. Doch der Weg dahin scheint verbaut, unerreichbar. Wird es mit dem Nähen ebenso sein? Kommt manch anderes einst wieder? Was mögen die Gründe für diese Brüche sein? 
Ich glaube, die Kreativität wohnt in mir, ich brauche ihr Ausleben, um mich in die Waage zu bringen. In den Lebenssituationen, in denen sie ruht, scheint mein Leben zumeist im massiven Ungleichgewicht. Doch es stellt sich die Frage, ob dieser starke Unterschied mich lähmt, oder ob die nicht arbeitenden Hände beteiligt sind an der Höhendifferenz der Waagschalen.
Es wundert mich. Zumal ich eben erst bemerkte, dass da häufig Brüche von ehemals geliebten, wichtigen Seelentätigkeiten sind...


Samstag, 14. Januar 2012

Worte

Ich schrieb das schonmal, ganz sicher, irgendwo hier: früher, gerade neulich noch flossen die Worte aus meinem Inneren. Ohne Umwege und formten sich zu Buchstaben und gelangten hinaus, dorthin wo ich Ihnen Platz einräumte. Lange Zeit auf Papier, hinterher auch auf meinen Bildschirm oder ins www.
Heute ziehen sie sich wie ein altes, zähes Kaugummi, das oftmals zerreisst. Sie zerplatzen in Kaugummiblasen und sind einfach fort. Oft bin ich auf der Suche nach ihnen; nach ihnen, die früher einfach da waren und sich  nun nirgends mehr zu finden scheinen. Genau diese Worte aber fehlen mir, denn sie waren mein Tor zur Welt, ebenso wie mein Tor zu mir. Ich fühl mich gefangen in mir ohne sie, denn ich weiss nicht genau, was ist; ich kann meinen Gefühlen im Inneren keine Worte mehr geben. Sie sind einfach da, unbenannt und beherrschen mich, solange ich ihnen keine Bedeutung geben kann.
Fehlt der Raum? Die Zeit? Die Muße? Der Fluss?
Auf jeden Fall fehlen sie mir, die Worte.Meistens sehr.