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Sonntag, 12. November 2017

Kapazitäten

Die letzten Monate, an manchen Stellen vielleicht das letzte Jahr, kann ich für mich vielleicht kurz so zusammenfassen: Ich habe eindeutig ein Kapazitätsproblem. 
Neben dem Wissen um den drohenden Tod des (Stief)vaters und der zunehmenden dementiellen Entwicklung der Mutter lief der normale Alltag weiter. Ich im Beruf, HerrNebeL noch mehr, Kinder, deren Bedürfnisse, deren Termine. Und das, was obendrauf kam, steigerte sich naturgemäß. Verschlechterung der Krankheit, beginnende Pflegebedürftigkeit, mehr und mehr erforderliche Hilfestellung. Er starb und mit ihm ging vieles, was er im Alltag der Eltern übernommen hatte. Das Bild, was ich vom Vergessen der Mutter hatte, vervollständigte sich in den letzten Monaten und neben der Übernahme all der zu erledigenden Dinge, geschehen hier nahezu täglich kleinere oder größere Katastrophen. Die Verantwortlichkeiten verschieben sich. Ich habe diese nicht mehr nur für meine Kernfamilie, sondern muss sie mehr und mehr übernehmen für meine Mutter. Nicht nur Verwaltungsaufgaben, administrativen Papierkram oder dergleichen, sondern an so vieler Stelle alltagspraktisches Mitdenken, Aufpassen, Kontrollieren, Suchen, Entscheidungen mittragen und auch sanft lenken. Täglich. Abgesehen von dem, was dann aktiv für mich einach zu tun ist, muss ich auch in mir damit zurechtkommen, dass die Frau, die jahrelang Verantwortung für mich trug nun die ist, die meiner Verantwortungsübernahme bedarf. Eine Verantwortungsübernahme, die mir ungleich schwerer fällt, als die beim Vater, wo es vor allem um  Hilfestellungen bei körperlichen Gebrechen  ging.
Daneben ein Erbstreit, schwelende Trauer, für die es nach wie vor wenig Raum gibt, emotionaler Stress am Arbeitsplatz, ein pubertierendes und ein präpubertierendes Kindelein, ein verkorkster, unerholsamer Jahresurlaub, die kurzfristig aufgetretene Notwendigkeit, uns "mal eben" und am besten gestern für ein neues Auto entscheiden und dies auch möglichst gestern erwerben zu müssen und all die nicht aufzählenswerten, sich aber summierenden Dinge, die eben so anfallen. Obendrauf eine in dem Fall für uns unglückliche Wohnungs- und Raumsituation, die wenig Rückzugsmöglichkeiten bietet - für uns als Einzelpersonen der Kernfamilie und insbesondere für mich als Tochter meiner unter uns lebenden Mutter.
Ich bin nicht verwundert, dass die Limits erreicht sind, inzwischen nicht mehr nur meines, sondern auch das von HerrnNebeL. 
Ich suche Zuflucht im Funktionieren und "einfach Machen", irgendwo zwischen Akzeptanz und Resignation, wohl wissend um die Gratwanderung. Nach wie vor ist an vieler Stelle klar, was wichtig wäre. Wenn das irgendwo Thema ist, höre ich wohlgemeinte Ratschläge dessen, was ich selber weiß. Aber selbst, wenn es Möglichkeiten gäbe, Dinge umzusetzen, so mangelt es an den dazu nötigen Kapazitäten: Kraft, Energie, Zeit. Denn das Leben kostet schon ohne das Beachten, ohne das Suchen oder gar Finden meiner Bedürfnisse so viel von diesen, dass da nirgends mehr Raum ist. Jede kleine Tätigkeit, um die nicht drumherum komme, zehrt an den Reserven und das Reservoir ist bereits aufgebraucht, bevor ich auch nur ansatzweise an mich denken kann. Ich stehe derzeit mitten im NebeLmeer auf einem Floß, weit entfernt von sichtbaren Küsten oder ruhigen Gewässern. Momentan stehe ich erstens immerhin wieder darauf und wieder sicher(er), aber ich weiß, dass ich schnell stürzen kann. Ich suche nach Wegen, nach der richtigen Richtung und pendele eben zwischen dieser resignierten aber aktiven Akzeptanz, weiter machen zu müssen und dem mich ausgelaugt treiben lassen.

Sonntag, 25. Dezember 2011

Von Ritualen

HerrNebeL brachte es mit in unsere Ehe, was seit nunmehr 7 Jahren mit dazugehört: das Weihnachtsoratorium von JSBach. Jeden ersten Weihnachtstag erklingt es irgendwo dort, wo wir sind. Ohne fehlt ein klitzekleines Stück.
Wie das bei wohl jedem Ritual ist. Sie hangeln sich durch unser Leben, geben Struktur, Sicherheit, einen Hafen, an dem man anlaufen kann und Halt findet, egal wie sehr es da draussen auch stürmen mag. Und wenn ich genau hinsehe, sind da derer viele; viele die gar nicht auffallen, viele die einfach da sind, wiederkehrend Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat, Fest um Fest. Wenn sie denn aber nicht wären, so würde ich sie wohl zumeist schmerzlich vermissen und noch mehr Halt suchen als es ohnehin der Fall ist.

Freitag, 26. November 2010

Heute vor

Heute vor 6 Jahren bin ich geblitzt worden, am Morgen auf dem Weg zum Blumenladen. Neben mir meine liebe Freundin, die nun schon lange in HH lebt. Ich hatte viele Menschen um mich, die nun leider kaum noch teilhaben an meinem, unserem Leben. Manch einer ist geblieben, wenn auch wenige. Heute vor sechs Jahren war fast gutes Wetter. Unsere Wohnung war beinahe fertig umgebaut. Wir hatten einen langen Tag, waren lange auf und am Abend noch, am späten, ging ich baden.

Heute ist wieder ein Teil der Wohnung aufgerissen, ein Wasserschaden. Gefunden zwar und behoben, das dicke Ende jedoch kommt noch. Trocknung der Bausubstanz des wohl kompletten Wohnzimmers, wohlmöglich auch der angrenzenden Räume, das bleibt noch abzuwarten. Abtragen und neu bestücken des Balkons. Neuer Boden im Wohnzimmer (was der grösste Raum ansich bei uns ist), neue Wände, neu tapezieren und streichen. Glücklicherweise ein Versicherungsfall - Staub, Dreck, Arbeit, Umstände und alles Drumherum ist dennoch - schrecklich blöd.
Der Tag ansonsten war fast unspektakulär. Die Grossen bei der Arbeit, die Kleinen in der KiTa und bei der Oma. Ein kleines Geschenk am Morgen, am Nachmittag Blumen. Am Abend ein gemeinsames Essen, auswärts. Seit Jahren, JAHREN das erste Mal wieder ein klitzebisschen Schminke im Gesicht.
Heute vor 6 Jahren trug ich ein weisses Kleid mit bordeauxroter und grüner Stickerei, eine Kette mit rotem Holzanhänger. Ich war ein wenig geschminkt. Das erste Bild des Tages war das von eben erwähntem Blitzer, das erste von wohl rund 500 ... Heute vor sechs Jahren sagten wir ja, tauschten unsere selbsterdachten Ringe, feierten tags mit vielen verlustig gegangenen Freunden, abends mit der Familie, assen den weltbesten Nachtisch, hatten die wundertollste, netteste ButtercremeHochzeitsTorte in Form eines Bettes am späten Abend.
Wir schliefen in dieser Nacht im Hotel, in dem wir feierten, weil wir diese eine Nacht nicht mitten im gerade fertig gewordenen Umbau Chaos verbringen wollten.
Heute vor 6 Jahren wurden wir Eheleute.

Heute würde ich es wieder tun. Ja sagen, mit diesem Mann mein Leben zu verbringen. Wieder und wieder.