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Samstag, 14. April 2018

Kompliziert

Es ist kompliziert, dieses Leben im Moment an vielerlei Stelle. Kompliziert und kraftraubend, bestürzend und sich viel zu schnell drehend. Zuviele Baustellen an zu vielen Fronten. Manches betrifft mich direkt, manches mittelbar und bei manchem bin ich einfach nur nah dran, auch wenn es mich -eigentlich- kaum betrifft. Vieles von all dem wirft Fragen auf und Sorgen, die sich immer mal wieder ins Unermessliche steigern, bis ich es irgendwie schaffe, diese wieder zu relativieren - oder stoisch zu akzeptieren - ohne momentan viel dagegen tun zu können.
Die Situation zu Hause ändert bleibt auf einem ähnlich schwierigen Level - das tagtägliche Zusammenleben mit der Mutter zeigt eben auch tagtäglich schwindende Strukturen. Schwindendes Wissen. Schwindende Fähigkeiten. Zunehmende Hilfsbedürftigkeit. Zunehmendes Verschwimmen der Lebensräume, Verlust meines, unseres eigenen Schutzraumes, wenn denn da überhaupt noch einer ist. Es ist selbstverständlich, dass ich da bin und dass ich mich kümmere. Aber dennoch gibt es Tage, an denen es schwer ist. Und ich weiß, dass es nur noch schwerer werden wird. Allein zu diesem Thema müsste ich vieles erledigen. Manches gelingt mir und meiner Schwester. Und vieles bleibt liegen. Weil wir neben unserer Mutter eine Familie haben. Einen Job. Ein Haus. Und vielerlei andere Dinge, die Zeit und Raum fordern. Wir machen. Und lassen liegen, was nicht all zu dringlich ist. Oder was wir einfach nicht mehr schaffen. Eigentlich renne ich nur hinterher und trage dennoch kaum etwas ab vom Aufgabenberg.
Der Erbstreit. Er nimmt skurrile Formen an. Und ich frage mich nach wie vor, wofür. Ich verstehe die Beweggründe nicht. Habgier? Rache? Jedenfalls erfordert auch dieser immer wieder Handeln. Er fordert mich heraus, begleitet meine Gedanken, läuft mir über die Bettdecke, auch wenn ich das gar kein bisschen möchte. Die Abgrenzung fällt schwer. Auch hier liegt alle Handlungsnotwendigkeit bei der Schwester und mir. Letztere ist derzeit beruflich aber so eingespannt, dass sie nur wenig übernehmen kann.
Mittendrin der leibliche Vater mit einem Schlaganfall. Das Outcome war wunderbarst, alles könnte gut sein. Wenn denn nicht bekannt wäre, woher der Schlaganfall gekommen ist. Der Großteil der hirnverorgenden Arterien ist verschlossen, in eine Arterie konnte ein Stent gelegt werden. Schleichend suchte sich das Blut über die Jahre Wege, wärhend die eigentlich wegweisenden Bahnen sich mehr und mehr verengten. Ein Pulverfass.
Es tun sich viele kleine Baustellen am Eigenheim auf, die allesamt ordentlich auf uns lasten. Zuerst die Feststellung, dass viele Versicherungsauflagen nicht eingehalten werden. Die Kündigung der zusätzlichen, gemieteten Garage (wegen Eigenbedarf), die ein großes Platzproblem mit sich bringt. Die Entdeckung eines großen Schimmelfleckes im Arbeitsraum im Keller an einer Außenwand. Einige Tage später eine weitere Schimmelentdeckung in der eigenen Garage, die mit hoher Wahrscheinlichkeit vom undichten Fallrohr herrührt, das zwischen unserem und dem Haus unseres Nachbarn nach unten geführt ist. 
Die nahende Kommunion des kleinen Kindes. Ein schönes Fest, ja. Aber es will auch gestemmt und organisiert sein. 
Die Situation am Arbeitsplatz ist ...  ich nenne es mal irgendwie unglücklich. Das wichtigste passt - ich arbeite gern mit meinen Patienten. Sehr gern. Aber das Klima am Arbeitsplatz selber ist schwierig. Bedingt durch das Arbeiten im Gesundheitswesen ansich, was einfach unglaublich viele Tücken birgt aufgrunddessen, dass Klinik mehr Wirtschaftsunternehmen denn Klinik ist. Es krangt überall. Wundersame Methoden zur Herstellung von angeblicher Transparenz, um Erfolge messbar zu machen und die Wirtschaftsecke zu füttern. Der Mensch ansich verschwindet hinter Zahlencodes. Mangelnde Bezahlung vieler. Solcherlei Kram. Darüber hinaus mein Status im Team, emotional zurückgezogen nach dem letztjährigen Desaster mit der direkten Chefin. Die komplette Trennung meines Privatlebens von allen, einfach weil es mir anders dort nicht mehr möglich ist.  Ich bin ganz gut abgegrenzt inzwischen, und prinzipiell ist es okay so. Leider aber beruht es auf einer der größeren menschlichen Enttäuschengen, die mir widerfahren sind und ich werde tagtäglich darauf gestoßen.
Das Leben mit Familie ist wunderschön. Aber all zu oft verlangt es mir viel ab; das Umgehen mit zwei Mädchen in und nahe an der Pubertät rauben - trotz aller Liebe - Kraft.
Der Partner einer besten Freundin erhielt gerade die fast sichere Diagnose Krebs. 
Mitten in all dem Durcheinander übe ich Abgrenzung gegenüber mir zwar lieben, aber energieraubenden Begegnungen. Ob diese Menschen deswegen auf der Strecke bleiben, weil ich sie zu arg vor den Kopf stoße, weiss ich nicht. Aber ich weiß, wenn dem so ist, dann war da nicht genug Tragfähigkeit. Und nicht genug Empathie in meine Richtung. Dann bin ich wohlmöglich traurig darüber, aber unterm Strich wird es richtig gewesen sein. Leicht fällt mir das nicht, mich belastet ein schlechtes Gewissen, selbst wenn ich stolz darauf bin, ehrlich gewesen zu sein und stolz darauf, meine Grenzen aufgezeigt zu haben. Aber auch das zehrt dennoch.
Ich bin leistungsfähig. Ich kann aushalten. Und in großen Teilen halte ich gerade gut aus. Ich suche einzelne Eckpunkte zum Ausgleich. Klitzekleine zwar, aber immerhin. Ich weiß dennoch, dass ich, selbst wenn es gerade gut funktioniert, nah am Limit bin. Ich weiß, dass ich noch lange nah am Limit gehen kann. Aber ich weiß auch, dass der Punkt kommen wird, wo ich nicht mehr können werde. Maßnahmen sind viele durchgesprochen, durchgekaut. Ich mit mir, dem Gatten, meinem behandelnden Psychiater, meiner Therapeutin, Freundinnen. Unterm Strich mit demselben Ergebnis: mir sind die Hände gebunden, es bleibt einfach kaum mehr als weitermachen, es gibt keine wirklichen Alternativen. 
All dies zusammen laugt mich aus, im Innern und körperlich. Darüberhinaus - oder aufgrunddessen - halte ich mich an einer alten Bekannten fest, die meinem Körper die Masse raubt. Ich bin mir dessen mehr als bewusst, aber da sind gerade genug Fronten, an denen ich kämpfe. Hier kann ich derzeit keinen Kampf aufnehmen, sondern - erst mal - nur den Nutzen begrüßen, ihr Dasein akzeptieren und ein Fortschicken auf später vertagen.
Ich gehe weiter,  jeden Tag, Schritt für Schritt. Manchmal zügig und sicher, oft überfordert. Manchmal verzweifelt, zumeist mehr als resigniert, stets sorgenvoll. Aber mir bleibt keine Wahl, wie so vielen da draußen aus ganz verschiedenen Gründen auch.  Ich hoffe nur, dass ich irgendwann ankommen werde an einer Stelle voll Ruhe und Zuversicht.

Sonntag, 12. November 2017

Kapazitäten

Die letzten Monate, an manchen Stellen vielleicht das letzte Jahr, kann ich für mich vielleicht kurz so zusammenfassen: Ich habe eindeutig ein Kapazitätsproblem. 
Neben dem Wissen um den drohenden Tod des (Stief)vaters und der zunehmenden dementiellen Entwicklung der Mutter lief der normale Alltag weiter. Ich im Beruf, HerrNebeL noch mehr, Kinder, deren Bedürfnisse, deren Termine. Und das, was obendrauf kam, steigerte sich naturgemäß. Verschlechterung der Krankheit, beginnende Pflegebedürftigkeit, mehr und mehr erforderliche Hilfestellung. Er starb und mit ihm ging vieles, was er im Alltag der Eltern übernommen hatte. Das Bild, was ich vom Vergessen der Mutter hatte, vervollständigte sich in den letzten Monaten und neben der Übernahme all der zu erledigenden Dinge, geschehen hier nahezu täglich kleinere oder größere Katastrophen. Die Verantwortlichkeiten verschieben sich. Ich habe diese nicht mehr nur für meine Kernfamilie, sondern muss sie mehr und mehr übernehmen für meine Mutter. Nicht nur Verwaltungsaufgaben, administrativen Papierkram oder dergleichen, sondern an so vieler Stelle alltagspraktisches Mitdenken, Aufpassen, Kontrollieren, Suchen, Entscheidungen mittragen und auch sanft lenken. Täglich. Abgesehen von dem, was dann aktiv für mich einach zu tun ist, muss ich auch in mir damit zurechtkommen, dass die Frau, die jahrelang Verantwortung für mich trug nun die ist, die meiner Verantwortungsübernahme bedarf. Eine Verantwortungsübernahme, die mir ungleich schwerer fällt, als die beim Vater, wo es vor allem um  Hilfestellungen bei körperlichen Gebrechen  ging.
Daneben ein Erbstreit, schwelende Trauer, für die es nach wie vor wenig Raum gibt, emotionaler Stress am Arbeitsplatz, ein pubertierendes und ein präpubertierendes Kindelein, ein verkorkster, unerholsamer Jahresurlaub, die kurzfristig aufgetretene Notwendigkeit, uns "mal eben" und am besten gestern für ein neues Auto entscheiden und dies auch möglichst gestern erwerben zu müssen und all die nicht aufzählenswerten, sich aber summierenden Dinge, die eben so anfallen. Obendrauf eine in dem Fall für uns unglückliche Wohnungs- und Raumsituation, die wenig Rückzugsmöglichkeiten bietet - für uns als Einzelpersonen der Kernfamilie und insbesondere für mich als Tochter meiner unter uns lebenden Mutter.
Ich bin nicht verwundert, dass die Limits erreicht sind, inzwischen nicht mehr nur meines, sondern auch das von HerrnNebeL. 
Ich suche Zuflucht im Funktionieren und "einfach Machen", irgendwo zwischen Akzeptanz und Resignation, wohl wissend um die Gratwanderung. Nach wie vor ist an vieler Stelle klar, was wichtig wäre. Wenn das irgendwo Thema ist, höre ich wohlgemeinte Ratschläge dessen, was ich selber weiß. Aber selbst, wenn es Möglichkeiten gäbe, Dinge umzusetzen, so mangelt es an den dazu nötigen Kapazitäten: Kraft, Energie, Zeit. Denn das Leben kostet schon ohne das Beachten, ohne das Suchen oder gar Finden meiner Bedürfnisse so viel von diesen, dass da nirgends mehr Raum ist. Jede kleine Tätigkeit, um die nicht drumherum komme, zehrt an den Reserven und das Reservoir ist bereits aufgebraucht, bevor ich auch nur ansatzweise an mich denken kann. Ich stehe derzeit mitten im NebeLmeer auf einem Floß, weit entfernt von sichtbaren Küsten oder ruhigen Gewässern. Momentan stehe ich erstens immerhin wieder darauf und wieder sicher(er), aber ich weiß, dass ich schnell stürzen kann. Ich suche nach Wegen, nach der richtigen Richtung und pendele eben zwischen dieser resignierten aber aktiven Akzeptanz, weiter machen zu müssen und dem mich ausgelaugt treiben lassen.

Mittwoch, 23. August 2017

Zurück - Dankbarkeit

Mehr als zwölf Jahre ist das große Kind bei uns. Zwölf Jahre. Die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte sie bisher mit uns. Und begann nach und nach, die Welt zu entdecken. In kleinen, sich langsam ausdehnenden Kreisen.
Die erste Fahrt weit fort von uns war eine Klassenreise nach England inklusive eines Besuches in London in diesem Juni. Kurz vorher - Terror in der Hauptstadt. Bedenken in den Kreisen der Klasse, Bedenken auch bei uns. Natürlich fuhr sie dennoch einen Tag nach London. Sie soll doch die Welt entdecken! Sich nicht verstecken vor dem, was sein könnte. Immer und überall. Dennoch war ich froh, als sie nach knapp einer Woche wohlbehalten zurück war.
Nun war sie mit der Familie ihrer Freundin fort. Drei Wochen in Nordspanien, ich sah sie zuletzt am 2. August. Letzte Woche dann ein Anruf von ihr:
"Sag Mama, hier war ein Terroranschlag, aber uns geht es gut" sagte sie zu ihrer Schwester, weil ich gerade Auto fuhr. "Alles klar, ich gehe eben in die Apotheke" - es war kurz vor Ladenschluss - "grüß schön" sprach ich zum kleineren Kind. Und erst in der Apotheke kam in meinem Gehirn überhaupt an, was die Große mir gerade hatte ausrichten lassen.
Barcelona. Sie war in Barcelona. 
Ohne ein "Guten Tag" fragte ich die Apothekerinnen, ob ihnen etwas bekannt sei von einem Terroranschlag in Barcelona. Und die Damen schauten nach einer ersten Verwunderung ob dieser Frage ins Internet. Terror in Barcelona.
Meinem Kind ging es gut. Sie saß zum Zeitpunkt des Telefonates in einem fastfood Restaurant und freute sich mit ihrer Freundin, die unter Zöliakie leidet, dass es dort glutenfreie Burger gibt. Und sie hörten permanent Sirenen. 
Den Rest des Abends verbrachten sie damit, aus Barcelona heraus zu gelangen. Und wir verbrachten den Rest des Abends vor dem Fernseher. Einerseits krank vor Sorge. Andererseits entrückt in die Unwirklichkeit, gleichzeitig stets Nachrichten mit dem Kind austauschend. Irgendwo mitten in all diesen Straßensperren stand das Kind, das die meiste Zeit seines Lebens mit uns verbracht hatte und nun weit, weit weg war, an einem Ort, wo der Terror noch nicht gebannt schien. Und wir Eltern waren nicht mal bei ihr. Gegen Mitternacht eine Nachricht, dass sie im 1 1/2 Stunden entfernten Urlaubsort angekommen seien. Durchatmen.
Seit soeben ist sie wieder daheim. 
Sie hatten eine kleine Bootsfahrt gemacht an diesem Tag. Und liefen weniger als eine Stunde vor dem Attentat über eben dieses Stück der LasRamblas. Weniger als sechzig Minuten. 
Dankbar.
Und getroffen.
Und ohnmächtig.


Sie ist da, wo sie nun sein sollte. Gesund und wohlbehalten hier bei uns. 
Und sie wird weiter hinausziehen in die Welt, egal wie erschüttert ich auch bin. Ich kann sie nicht festhalten. Ich kann sie nicht beschützen vor der Welt - und will es eigentlich auch gar nicht, weil sie doch lernen muss, in ebendieser zu leben.
Und dennoch ist da neben dieser unendlichen Dankbarkeit eine fast ebenso große lähmende Betroffenheit. 

Mittwoch, 26. Juli 2017

Eingeschlafen

Der Tod kam in der Nacht und ließ ihn ganz in Ruhe einschlafen. So, wie ich es angesichts der Erkrankung nicht zu hoffen gewagt hatte. Eigentlich hatte er zu Hause  sterben wollen, was leider nicht der Fall war. Ein, zwei Tage noch sollte er im Krankenahus bleiben. Und dann ist er dort gegangen, am frühen Morgen vor zehn Tagen. Neben der Trauer und Unwirklichkeit in der ich selber mich befand und  befinde, steht der Versuch des ehrlichen und pragmatischen Umgehens mit dem Tod, mit einem toten Körper, der Trauer und den Kindern. Das gemeinsame Anschauen von Särgen und Urnen, das Verabschieden. Dem Opa noch Dinge mit auf den Weg geben, ein Briefchen unter seine Decke von jedem von uns, vor allem den beiden Mädchen. Damit der Tod nicht ein in der Luft stehendes Etwas ist, sondern begreifbar. Sofern er denn überhaupt begreifbar sein kann - fällt es mir selber doch schwer, mich zu erinnern, dass er nicht mehr bei uns ist, dass das Zusammenleben zu Hause sich nun verändert. Sein Stuhl bleibt leer und ich weiss, wir alle werden liebevoll an ihn denken, wenn wir uns auf seinen Platz setzen. Ich bin dankbar für die Zeit. Dankbar, dass er mir Zeit geschenkt hat, dass er Zeit mit unseren Kindern hatte und sie mit ihm. Er war zwar ein alter Mann - aber dennoch ist der Zeitpunkt wohl niemals richtig, einen Menschen zu verlieren, auch wenn ich weiss, dass dieser ein Leben, ein langes Leben lang gelebt hat, so schmälert es doch nicht den Verlust des Menschen ansich. Ich weiss, dass er stolz auf mich war. Ein Stolz, der vor allem in den letzten Wochen noch gewachsen ist. Ich weiss, dass ich geliebt wurde. Und ich weiss um seine Wertschätzung. Das ist ein schönes Gefühl und nicht selbstverständlich, weil ich gar nicht seine Tochter war, sondern ihn erst mit 12 Jahren kennenlernte, und sich erst nach und nach eine Vater -Tochter Beziehung entwickelte. Endgültig Abschied nehmen werden wir in zwei Wochen an einem von ihm viel bereisten Ort in der Kieler Förde - der Ort, an dem wir neulich noch gemeinsam waren. Und es war gut so.

Montag, 24. Juli 2017

Inselliebe

Seit ich mit Herrn NebeL zusammen bin, gibt es genau ein einziges Urlaubsziel, an dem wir uns uneingeschränkt wohlfühlen. Einen Ort, wo wir ankommen und quasi sofort auf Ferienmodus gepolt sind. Dort ist genau das, was wir beide unter Urlaub verstehen - nämlich Ruhe. Es gibt wenige Menschen, wenige Geschäfte. Keinerlei Einkaufsstrassen. Keine Autobahn, wenig Verkehr. Es gibt leere Strandabschnitte, und wenn man an unserem Hausstrand drei Menschen trifft, dann ist es schon gut besucht. Auf einer 118 Quadratkilometer großen Fläche - etwa 2/3 unserer Heimatstadt, die 345.000 Einwohner hat - leben keine 2000 Menschen. Sicherlich gibt es viele Ferienhäuser, aber diese stehen zumeist weit voneinander entfernt und oft gut geschützt. Und in der Gegend, in der wir dann wohnen, bemerkt man keinen wahren Betrieb. An anderen Ecken bemerkt man das sicherlich deutlich mehr. Wir steigen aus dem Auto und oftmals nutzen wir es in den uns immer dort verbleibenden drei Wochen nicht. Wir radeln täglich, sind täglich am Strand, und einer von uns fährt wohl auch fast täglich ein paar Minuten, um den Sonnenuntergang anzuschauen. Es gibt unendlich viel Heidekraut, was zumeist blüht, wenn wir da sind.



Einer unserer Lieblingsplätze ist die Hafenmole im Osten der Insel. Stunden verbringen wir hier, essen Fischfrikadellen oder Kekse, schauen den Seglern und Fischern beim Ein- und Auslaufen zu. Meistens leben die Schwiegereltern im Haus nebenan und wir treffen uns oft zum Kaffee oder Abendessen, was mal wir und mal sie zubereiten. Wir lesen und häkeln und malen und spielen. Jedes Jahr gehen wir an dieselben Plätze - die Salzsiedehütten, auf einen Hof in der Mitte der Insel zum Kerzenziehen, an das äußerste Südostende der Insel, auf den Spielplatz im Yachthafen zum Beispiel. Und jedes Jahr finden wir einen Ort, eine Stelle, die wir noch nicht kannten und die wir mögen. Die Sonne geht fast eine Stunde eher auf als daheim und die Nacht ist lange Zeit deutlich heller. Nur mitten drin ist es wirklich dunkel, und wenn es sternenklar ist, blinkt über uns ein prachtvoller Himmel - zudem auch oft mit einigen Sternschnuppen. Wir kennen das Haus, das Haus der Schwiegereltern und müssen uns auf nichts Ungewohntes einstellen. Genau das ist unser Ort, im dänischen Kattegat, die letzte Insel vor der Nord Ostsee Passage. Das ist der Ort, den ich verbinde mit 3 Wochen Erholungsurlaub im Sommer. Ein um die andere Woche im Jahr sind wir auch ganz woanders und urlauben anders, aber der Sommer, der gehört Læsø.







Donnerstag, 13. Juli 2017

Von Papieren und vom Handeln

Dinge wie Patientenverfügungen, Vorsorgevollmachen, Betreuungsverfügungen und dergleichen lassen den Laien recht ratlos auf Papiere und Vordrucke blicken. Und zudem erledigen sie sich niche "eben so". Seit langem wird das Thema hier immer wieder angesprochen. Die Notwendigkeit. Immer wurde ihr zugestimmt. Passiert ist nichts. Es ist schwer, der Endlichkeit ins Auge zu sehen, erst recht, wenn man selber betroffen ist. Umso wichtiger jedoch die Vorsorge, dass im eigenen Sinne gehandelt wird. Auch dann, wenn man selber seine Wünsche nicht mehr zu vertreten in der Lage ist. Dazu aber muss geredet werden. Und der Mensch, der sowieso ungerne über sich redet, der Mensch, der sich in einer schweren Belastungssituation befindet hat damit sicherlich große Mühe. Eben solche Gespräceh dennoch von aussen zu forcieren ist nicht so einfach. Ich zumindest hatte immer das GEfühl, weit in die Persönlichkeitsrechte des Vaters vorzudringen, je näher ich mich an diese Dinge wagte. Ihn zu zwingen zu Dingen, die er lieber weit, weit fortschieben wollte. Das machte es mir nicht einfacher. Manche Wünsche kannte ich. Die meisten Wünsche vermutete ich. Aber dies hätte rechtnlich niemals auch nur den geringsten Bestand, da ich von Rechts wegen von dem Mann, den ich hier Vater nenne, einfach gar nichts bin. Um so wichtiger also waren gültige Papiere....
Heute ließ ich alle Bedenken und Vorbehalte dazu fallen. Er war gut drauf und mitten im Hier und Jetzt und ich besprach, erklärte und kreuzte auf Anweisung hin an. Pragmatisch, ehrlich und offen. Und wir konnten manche wichtigen Papiere ausfüllen. Wir besprachen seine und unsere Bestattungswünsche. Mittendrin half ich beim Aufstehen, beim Umlagern im Bett, beim Toilettengang. Völlig frei und selbstverständlich. Und er liess mich nicht nur gewähren sondern konnte all dies in Ruhe und Dankbarkeit und Selbstverständlichkeit annehmen. 
Die wohl beste Lösung, ihn gut zu versorgen, wäre die Inanspruchnahme von Pflegezeit - unbezahlten Urlaub vom Job, um ihn zu pflegen.  Dies ist aber nur möglich bei Angehörigen - was wir ja eben nciht voneinander sind. So hoffe ich, dass wir in der Lage sein werden, ihm dennoch seine Wünsche weitestgehend eben mit Hilfe der ambulanten palliativen Pflege zu ermöglichen, oder dies eben so lange es geht. 
Ich bin nah dran mit meinem Herzen. Aber ich bin eben auch ein Stück weit professionell. Kenne manchen Kniff und Trick und die richtige Bewegung. Medizinische Begriffe und Behandlungen sind mir nicht fremd. Hier und da mögen auch ein gutes Auge und eine realistische Einschätzung der Situation dazu kommen, wenn auch gewiss nicht immer. Aktiv sein und Dinge in diesem Bereich zu regeln, fällt mir nicht schwer. Ich bin die Handelnde. Aber ich lerne auch, zu deligieren, weil ich gar nicht alles alleine schaffen kann. Und es auch gar nicht will. Tatsächlich verzahnt es sich hier aber genau dadurch, dass ich beginne, die Anderen, die zumeist hilflos sich fragen, was sie tun können, zu versorgen mit Aufgaben. Und viel wichtiger dabei ist, dass es sich ergänzt und dadurch weit umfassender werden kann, als ich allein es leisten könnte. HerrNebeL findet, ich mache das alles verdammt gut, ich aber finde, WIR machen das alles wirklich ziemlich gut. nd ich hoffe, dass wir genau das gemeinsam durchhalten können. Bis zum Schluß.

Montag, 10. Juli 2017

Durcheinander

Der Alltag hier ist derzeit ein Durcheinander des steten Alltages - Arbeiten für HerrnNebeL und mich, Schulalltag und Freizeitaktivitäten der Kinder - beides mit allem Drum und Dran - gekoppelt mit der zunehmenden Hilfe- und Pflegebedürftigkeit meiner Eltern. In den letzten Wochen ging es in jeder freien Minute um die Feststellung des Bedarfes an Hilfe, Beantragung von Pflegegrad, Gespräche mit ambulanter Palliativpflege, Gesprächen mit Ärzten, den Eltern, dem Vater, der Mutter. Und efertig sind wir damit noch nicht... Es ging und geht um Ideenfindung, wie wir was organisieren müssen, wie wir wem von beiden helfen müssen. Wo wir Hilfe brauchen. Und wo wir Hilfen bekommen. Ein bürokratischer Aufwand sondergleichen. Zudem ist das Führen von Gesprächen mit Ärzten oder anderen Personen recht schwierig, wenn man selber im  Beruf steht und noch nach den Kindern schauen muss. Abends ist selten noch ein Verantwortlicher zugegen - selbstredend nicht. Irgendwann letzte Woche schrieb ich einfach einen Zettel mit der Anregung verschiedenster durchaus gravierende Dinge - die mein Vater nicht mehr besprechen konnte und meine Mutter leider weder verstand und zudem vergaß. Es ging um Schluckstörungen, um Morphine und parenterale Ernährung. Ich legte diesen also ins Krankenzimmer, erklärte mich dem Vater nochmals, dessen Wünsche dahingehend mir bekannt sind und nahm ihm das Versprechen ab, den Zettel einem verantwortlichen Arzt in die Hände zu drücken. Was er auch tat. Glücklicherweise kam kaum später meine Schwester dorthin und konnte nochmals das Ganze auch persönlich erklären. Und siehe da, endlich wurden Morphine angesetzt und bei Notwendigkeit der Wunsch der unterstützenden Ernährung aufgegriffen. Eine durchaus unkonventionelle Art der Arzt-Angehörigen Kommunikation, aber nun, einfach ist es eben einfach nicht. Und mir, uns war es wichtig, endlich eine weitestgehende Schmerzfreiheit zu erreichen. Kein totkranker Mensch sollte auch noch Schmerzen haben müssen, wenn dies eben abgewendet werden kann... Neben all der ganzen Organisation noch Tochter sein, begleiten, allen gerecht werden. Und neben der Krebsgeschichte noch die Demenz der Mutter tragen, Diagnostik anleiern - was das eine ist und auf den Weg gebracht - auch das Tragen des Alltags mit einem Menschen, der viele klare Momente hat, aber leider zunehmende Lückenmomente. Momente, die das tägliche Kontrollieren notwendig machen an vielen Stellen. Die Umrüstungen im Haus notwendig machen, um vorzusorgen. Vor allem aber - das Aushalten. 
Es ist schwer, auszuhalten, wie der Vater abbaut. Zu sehen, wie er Schmerzen hat, wie er sich verschluckt, wie er nichts mehr isst. Wie er kaum trinkt und eintrübt. Wie er völlig schläfrig weit, weit fort ist bei einem neuerlichen Infekt bei Leukopenie. Wie er immer mehr abwesende Momente hat. Wie er sich selber wundert, dass ihm einzelne Tage - Tage an denen es ihm schlecht geht - einfach verliert, obwohl er eigentlich kognitiv noch recht gut dabei ist. Langsam, aber dabei. Wie er nicht mehr gehen kann. Oder schreiben. Wie sehr es ihm weh tut, das nicht mehr zu schaffen. Wie er Hilfe braucht beim Aufstehen und Umsetzen. Auch, wie er überrascht ist, dass ich genau das kann - mein Arbeits-Ich ist der Familie ja fremd.
Schwer ist das, und weh tut es auch.
Aber viel schwerer auszuhalten sind die Gedankensprünge der Mutter. Das so sehr verlustig gegangene Kurzzeitgedächtnis. Das tagtägliche, stündliche, ja ewige Suchen von Irgendetwas.  Die kaputten Schallplattengespräche. Das Miterleben, wie sehr gewohnte, jahrelang gewohnte Tätigkeiten sich durchmischen, strukturlos werden und ihre Form verlieren. Das Umschlagen der Stimmung. Das Nicht-mehr Verstehen von Zusammenhängen und das gleichzeitige Durcheinanderbringen dessen, was sie verstanden hat. Fehlende zeitliche Orientierung. Störungen im Sprachverständnis. 
Das alles macht mir noch viel, viel mehr Mühe. 
Ich bin zudem aufgrund der räumlichen Nähe immer mittendrin. Da sind kaum noch Pausen für mich selber, keine Ruhe, keinerlei Abstand. Es zehrt, wenn auch das "da -sein" für beide selbstverständlich ist. Es ist schwer, geduldig zu bleiben, wenn auch bestimmt, aber eben geduldig mit ihr. Vor allem: es gibt keine Rast, nichts zum Auftanken. Alles, was es gibt, ist das Wissen, dass erstmal alles nur noch schlimmer werden wird, bevor das Ende kommt.

Freitag, 30. Juni 2017

Lebens-Abschied

Neulich, am Meer.

 


Viele Eindrücke gesammelt habe ich. Viele Momente aufgesogen. Mich in manchen Momenten tränennah weggedreht in dem Wissen, dass es einige meiner letzten Eindrücke von ihm sein werden. Diese Eindrücke waren nicht mehr frei, sondern bereits geprägt vom deutlichen körperlichen Verfall, gezeichnet durch den Krebs. Noch einmal wollte er all das sehen, was er seit Jahren zu dieser Zeit sieht. Noch einmal ans Meer, noch einmal dieses große Segler Event als passionierter Segler von ganz nah anschauen.



Abschied. Seiner von der Welt, Stück für Stück. 
Und unserer von ihm.

Montag, 17. April 2017

Ferienstart

An einem der ersten gemeinsamen Ferientage ging die NebeL Familie in den Wald, ein wenig spazieren und geocachen. So ein wunderschönes hellgrün war an vielen Stellen zu sehen, es duftete nach Frühling und Frühlingsregen und war - trotz Stadtnähe -  schön still...


Unterwegs waren gar nicht so viele Menschen, eine kleine Reitergruppe mit Kindern, einige wenige  Menschen mit Hunden und eine Familie - noch dazu der Konrekor und Deutschlehrer des großen Kindeleins. Ein sehr netter und engagierter Mann, den wir alle sehr mögen. Tatsächlich hat er aber ein klein wenig fragend geschaut, aus wir bei deren Auftauchen - sie kamen um eine Ecke gebogen - ein kleines Logbuch sowie eine Dose schnell verschwinden ließen und ganz unschuldig taten - denn vermutlich handelte es sich bei ihm um einen "Geochache - Muggel"... Nach kurzer Begrüßung gingen die drei weiter. Als die Familie außer Sichtweise war, wurde dann weiter geloggt und die Dose wieder an Ort und Stelle versteckt.
Das kleine Kindelein findet geocachen eigentlich nicht so spannend. Zumindest, wenn man zu Hause plant und darüber redet, bald zum Geocachen aufzubrechen. Aber wehe, wir sind im Wald und der Cache ist nah! Oft ist sie die erste, die losläuft und sie fand an diesem Tag zwei von vier Caches. Und war sehr glücklich. Naja, fast... Wir Großen und das größere Kindelein haben einen Stempel, mit dem wir unseren Besuch "loggen". Beim ersten Cache war das kleinere Kindelein schon enttäuscht,dass sie eben keinen solchen besitzt.

Ob hier wohl was versteckt ist?





Auf dem Heimweg kamen wir hier vorbei, man kann prima die Lichtung im Bild hinten links sehen. Dort starten häufig  - wenn denn die thermischen Bedingungen das zulassen - Paraglyder, nur wenige Autominuten von der großen Stadt entfernt.


Und ein Stückchen weiter rechts sieht man diese beiden Wassertürme, in deren Nähe unser Haus steht. 


Ganz nah beim Auto fanden wir dann diese beiden netten Schilder, das eine verwachsen im alten Baum....


.... und das andere - ein zwar offizielles, aber veraltetes Wanderparkplatzschild. 1992 wurde das Bild darauf eigentlich ersetzt durch zwei Strichmännchen - Wanderer. Aber ich mag dies hier viel lieber.

Am Ende haben wir vier Dosen gehoben und zusätzlich nochmal zwei -die wir bereits beim letzten Mal fanden - nochmals besucht, um Bonus Koordinaten zu notieren, damit wir bald den Bonus Cache zu dieser Runde auch noch suchen können.