Samstag, 27. Mai 2017

Band

Da schnürt sich ein Band um mein Herz, mal locker und unbemerkt, zumeist aber gespannt und umfassend. Es drückt mich im Innen zusammen, sodass die Brust mir eng wird, die Luft keinen Raum mehr zu finden scheint. Egal wie sehr ich auch atme, wie tief ein, wie tief aus, das Gefühl bleibt. Das Gefühl, keine Luft zu bekommen, nie genug; das Gefühl, unter einem Kissen erdrückt zu liegen; das Gefühl, es gibt keinen Platz für das, was mich doch eigentlich am Leben hält. Es schmerzt fast dauerhaft, wie ein großer, zäher, innerer, verklebter Klumpen. Es ist andererseits aber bereits so vertraut, dass ich es manchmal erst spüre, wenn ich höre, wie sehr ich nach Luft gierend atme, als sei ich gerade kilometerweit untrainiert gelaufen. 
Ich weiß, es ist viel. Zu viel vielleicht. Und ich weiß, es ist kein Ende in Sicht. In Wahrheit ist wohl dies hier erst der Beginn. 


Abschiede

Abschiede rühren so eine zarte Saite an in mir; vor allem Abschiede von den Menschen, die in irgendeiner Form bedeutsam sind für mich - wobei diese Bedeutsamkeit die verschiedensten Ausprägungen, Aspekte und vorhergegangenen Begegnungen beinhalten kann. So  wird sie angeschlagen, die Saite in dem einen Moment der Abschiednahme, und beginnt zu schwingen in mir. Zu tönen, und der Ton trägt sich fort und füllt aus. Füllt mich aus und berührt. Er findet seinesgleichen, der Ton, oder sein Pendant und setzt wiederum einen weiteren Ton in Bewegung. Einen weiteren Ton, der einst gewesen ist, oder vielleicht gerade erst war. Oder auch der, der bevorsteht und so unausweichlich ist. Und davon finden sich manche, ganz nah oder weit fort. Und so vermischen die Anschläge der Saiten sich in mir zu einem einzigen, harmonischen, doch klagenden Klang in Moll, der Türen öffnet, die ich doch so gern verschließe. Denn all zu oft tut es weh, das Hinschauen, das Hineinschauen in die Räume hinter diesen Türen. Viel zu oft wohnt dem entstehenden Anfang eben kein Zauber inne, sondern viel zu viel Schmerz, viel zu viel drohendes und wahrhaftiges Neuland. Viel zu oft ist das Ende eben mehr ein endgültiges, schmerzhaftes, unausweíchliches, zu verkraften müssendes Ende, als eine Chance auf einen vielleicht fruchtbaren Neubeginn. 
Abschiede beinhalten verlustig gehende Vergangenheit, abgelöst von fremder, sich neu finden müssender Gegenwart mit ungewisser Zukunft. Und an so vielen Stellen ist eben dies schlicht und einfach schmerzhaft und zunächst mal in keiner Form gewinnbringend. Und wenn sich dann, bedingt durch den Anschlag des einen Abschiedes, all die Innenklänge vereinen, so entsteht ein Klagelied, das an den Fasern meines Seins zerrt, das mein Innen erfüllt mit Trauer, Unbehagen und Schmerz. 
Und es geleitet mich im Dunkeln in den Schlaf, mit der Hoffnung in mir, dass es bald verklingen möge, da es mich mit so großer Schwere erfüllt.

Freitag, 5. Mai 2017

WMDEDGT Mai 2017

Frau Brüllen fragt wieder: "Was Machst Du Eigentlich Den Ganzen Tag?" Weitere Tagebuchbloggerei findet sich dann hier.

Ein normaler Arbeits- und Schultag für alle. Der erste Wecker klingelt um halb sechs, der letzte um zehn nach sechs. Der Reihe nach verschwinden alle im Badezimmer unter der Dusche, ich erledige zuvor noch diese und jene Hausarbeit. HerrNebeL schneidet nach dem Duschen noch Obst für alle. Die drei Anderen frühstücken, während ich unter der Dusche stehe. Ab sieben Uhr verlassen wir das Haus - das grosse Mädchen macht den Anfang, weil der Bus kommt. Ich hatte eigentlich geplant, über die kleine Nachbarstadt zur Arbeit zu fahren, um noch der Kinderärztin etwas vorbeizubringen, was aber im Gewinnen der Substanz, die ich vorbeibringen wollte, scheiterte. Also heute doch der gewohnte Weg: Supermarkt, Bäcker und dann in die Klinik. das kleine Kind wird freitags von HerrnNebeL zur Schule gebracht, beziehungsweise in der Nähe der Schule abgesetzt.
In der Klinik angekommen, schnappe ich mir die Wäsche von mir und den Kolleginnen und düse in die Wäschekammer, um neue Arbeitskleidung - weisse Hose und blaues Polohemd - für alle die Kolleginnen zu holen, deren Büro im Umkreis des meinen ist. Insgesamt sind wir derzeit 12 Frauen, von denen 6 nebeneinander ein Büro haben. Naja, fast, ich teile mein Büro mit der lieben jüngsten Kollegin. Anschließend schaue ich mir die Tagesplanung an - ich bekomme die meisten Termine vom Planungsbüro vorgegeben. Bis auf einen Patienten kenne ich alle und kann recht zügig die Therapien mehr oder weniger - mit Material zurechtlegen oder Struktur im Kopf durchgehen - planen. Bevor ich auf Station gehe, quatsche ich noch mit der lieben langjährigen Freundin und tausche mit ihr Infos bezüglich einer Patientin aus.
Um viertel vor neun sitze ich in der Frühbesprechung "meiner" Station mit allen Therapeuten, einem Arzt - der andere befindet sich auf einer Fortbildung, einer Stationsassistentin und einem Kollegen aus der Pflege. Wir gehen die Infos des gestrigen Nachmittages und der Nacht durch. Auf dem Stationsteil, in dem ich am meisten arbeite, herrscht gerade viel Unruhe. Es ist ein geschützter Bereich, in dem vorwiegend Patienten aufgenommen sind, die vor allem aufgrund von Orientierungs-und Gedächtnisdefiziten sowie Problemen in der Krankheitswahrnehmung einen besonders strukturierten Rahmen benötigen. Das beinhaltet auch, dass der Bereich schlichtweg geschlossen ist. Alle Patienten sind neurologisch erkrankt - Patienten mit Hirnschädigungen nach Reanimationen, Schlaganfällen, Schädel-Hirn-Traumen oder Enzephalitiden beispielsweise. Hier sehe und therapiere ich heute morgen fünf Patienten - mal auf der Station, mal in meinem Büro. Anschliessend habe ich kurz Zeit, Schreibkram zu erledigen und meinen morgigen Dienst kurz vor zu planen, bis ich zu dem nächsten bereits wartenden Patienten auf einer anderen Station aufbreche. Mittendrin sammele ich noch eine nicht recht orientierte Patientin in den Fluren auf und geleite sie zu ihrem Zimmer. Es folgt eine halbe Stunde Mittagspause, heute mit meiner obligaorischen Suppe mit Laugengebäck. Ich mache Pause mit meinen Sprachtherapiekolleginnen im Teamraum und wir lachen heute mal wieder gemeinsam über dies und das, und werden darüber tatsächlich ein klein wenig unpünktlich. Um 13 Uhr gehen die Therapien weiter. Zwei Patienten kommen zu mir, und die dritte muss ich auf dem Zimmer aufsuchen, da sie nicht mobil ist. Anschließend bleibt noch ein halbes Stündchen am Rechner, zum Umziehen, Spülen und Nachbereiten. Zu guter Letzt ärgere ich noch die Sprachtherapiechefin, in dem ich ihre Schranktüre zuknote. Wir sind ein seit Jahren eingespieltes Team, was gegenseitige Ärgereien angeht. Zugegebenermaßen bekommt sie immer am meisten ab - aber wir haben viel Spaß. Bei all der Schwere, die uns tagtäglich - mal mehr und mal weniger - umgibt - ist es sehr schön, auch gemeinsam herumzuflachsen. Natürlich verlasse ich die Klinik zu spät und mache mich auf den Weg zur Schule des kleinen Kindeleins  und komme - wie immer - gerade semipünktlich. Wir beide fahren ins Kirchencafe, obwohl die große Schwester heute kein Tanztraining um die Ecke hat, weshalb wir da normalerweise auf sie warten. Nach einer kleinen Kaffee- und Kuchenstärkung machen wir uns auf den Weg in die Fußgängerzone des einen Stadtteils, um dem großen Kindelein die ersten Nylonstrümpfe zu kaufen, da nächstens eine Nichtenkonfirmation ansteht. Das kleine Kindelein sollte auch eine bekommen - beide haben bereits passende Kleider - aber für sie gab es keine. Also müssen wir nächstens noch in die Fußgängerzone des anderen Stadtteils. Zuhause angekommen, bequatschen HerrNebeL und ich, ob, wann, wo und wie wir nun ein neues altes Auto kaufen oder nicht. Zudem telefoniere ich mit dem Stiefvater, der im Krankenhaus ist, um neue Infos zur anstehenden Chemotherapie zu bekommen. Dann blogge ich schnell, bevor meine Frendin mich einsammelt, und wir in die Stadt  zum allmonatlichen Stammtisch der nicht mehr aktiven Hockeydamen des einen Stadtteils fahren. Hier löste sich kürzlich die Damenmannschaft auf, in der ich  rund 25  viele Jahre spielte. Um uns aber nicht aus den Augen zu verlieren, richteten wir den Stammtisch ein. Hier werde ich gleich auf manch eine in der Twittertimeline zum #freitagabendalk anstoßen - allerdings ohne dass die Menschen im reallife das merken werden. Schon auch irgendwie so ein klein wenig spacig - aber schön ;-). Ich hoffe, dass ich noch vor Ende des Tages im Bett sein werde - da ich ja morgen bis mittags arbeiten muss. In dem Sinne: einen schönen Freitag Abend!

Dienstag, 2. Mai 2017

Vom Fühlen und Gehen

Ich bin meisterhaft im Nicht Fühlen. Nicht Fühlen der Gefühle, die mir in meinem tiefen Inneren teilweise durchaus bewusst sind. Oder besser der Gefühle, deren Existenz auf meiner Verstandesebene logisch erscheinen. Deren Daseinsberichtigung absolut unzweifelhaft ist. Ich kann sogar heute oft manchmal diese auch recht genau zur Sprache bringen: Ich weiß, da ist Traurigkeit. Ich weiß, da ist Verzweiflung. Enttäuschung. Niedergeschlagenheit.Trauer. Angst. Aber das Wissen um ebendiese Gefühle bedeutet noch lange nicht, dass sie für mich spürbar sind. Der Verstand mag sehen und verstehen, vielleicht. Aber das Gefühl findet keinen Raum in mir. Es strömt und fließt nicht in meine Mitte, breitet sich nicht aus, sondern es verharrt verkapselt in irgendeinem hinterletzten Winkelchen meines Selbst. Ich trage es zumeist stillschweigend mit mir herum. Selbst wenn ich hier und da sagen kann, dass ich traurig bin, so bleibt das Innen seltsam unberührt, beherrscht, abwesend, kalt. Auch wenn das Wissen um diese Traurigkeit da ist - ich fühle sie nicht. 
So könnte man annehmen, ich sei gemeinhin ein eher kalter, wenig empathischer Mensch.Wie sollte ich, wenn ich meine eigenen Gefühle verschlossen in mir herumtrage, in der Lage sein, anderen Menschen empathisch zu begegnen?  Die Empathie jedoch liegt in dem Erspüren und Nachempfinden der Gefühle, die nicht die Meinen sind. Ich kann sehr nah dran sein an Anderen, kann deren Gefühle mitfühlen, mitweinen,sie trösten oder aufbauen, mich hineinversetzen in sie, versprachlichen, wenn ihnen die Worte fehlen. Das Spüren liegt hier im Außen. Das kann ich gut. Im Inneren jedoch bleibt zumeist eine große Distanz zwischen dem, was ich vielleicht weiß und dem, was ich fühle. Manchmal jedoch ist es auch heute noch so, dass ich lange nicht weiß, was fein säuberlich verpackt irgendwo in mir schlummert, bis irgendwann ein Zipfelchen davon angerührt wird, und mein Verstand zu folgen vermag. Aber auch das gelingt heute oft nicht. Da sind wenig Räume, in denen diese Gefühle in der Lage sind, sich auszubreiten. Es sind diese schmerzlichen, die mich zu verzehren drohen, die mir den Boden unter den Füßen rauben, die die Kontrolle des Verstandes auszuschalten in der Lage sind und mich überfluten könnten. Nach wie vor traue ich mir selber wohl nicht über den Weg, dies aushalten zu können. Eine Frage von Willen ist das allerdings nicht. Ich würde beispielsweise  gerne weinen und spüren können, wie traurig ich bin über den unausweichlichen, drohenden Tod des Stiefvaters, mit dem ich mehr Zeit meines Lebens eng verbracht habe als mit meinem Vater, um einfach mal ein bisschen Last abzugeben - auch wenn ich genau weiß, dass sich die Grundsituation dadurch nicht verändern wird. Es stellt sich so nie ein Gefühl von Befreiung ein, weil die Traurigkeit weiter in mir wohnt und wächst - wie so manch anderes verborgenes, getragenes Gefühl eben auch. Neben den fehlenden Räumen, in denen ich Zugang zu meinem Gefühlen finde - oder sie zu mir - sind die Räume, die potentielle Räume sein könnten - zumindest auf Verstandesebene Sorgen versprachlicht loszuwerden - in der Regel belegt. Belegt mit den Gefühlen und Sorgen derer, die mir nahestehen. Zweifelsohne bin ich gerne da, höre, spüre und bespreche das, was nicht Meines ist. Diesen Raum zu beanspruchen auch für mich, bin ich jedoch nicht in der Lage. Oft, sehr oft, fühlt es sich falsch an. Fehlplatzig. Vor allem auch dann, wenn der Raum schon so belegt ist. Zweifelsohne ist es mir fremd, bewusst Raum zu beanspruchen, Raum oder Platz zu nehmen, wie es zumeist auch überhaupt schwierig für mich ist, zu nehmen. Geben liegt mir einfach mehr. Und auch, wenn da so manches Mal Signale sind, die mir ein Stück weit Raum für mich aufzeigen, umschiffe ich sie gekonnt. Weil das Gewohnte sich eben auf ausgetretenen Pfaden bewegt und sich nur schwerlich auf die zugewucherten Seitenwege wagt. Wobei ich rückblickend sicher sagen muss, dass sich schon so manche zugewucherten Wege zu ganz passabel durchgängigen, lichten Alleen gewandelt haben. Wer weiss, wann die Bewusstheit mir auch in diesem Punkt irgendwann den Seitenweg aufzeigt, dem ich nicht mehr ausweichen kann. Oder möchte.

Montag, 17. April 2017

Ferienstart

An einem der ersten gemeinsamen Ferientage ging die NebeL Familie in den Wald, ein wenig spazieren und geocachen. So ein wunderschönes hellgrün war an vielen Stellen zu sehen, es duftete nach Frühling und Frühlingsregen und war - trotz Stadtnähe -  schön still...


Unterwegs waren gar nicht so viele Menschen, eine kleine Reitergruppe mit Kindern, einige wenige  Menschen mit Hunden und eine Familie - noch dazu der Konrekor und Deutschlehrer des großen Kindeleins. Ein sehr netter und engagierter Mann, den wir alle sehr mögen. Tatsächlich hat er aber ein klein wenig fragend geschaut, aus wir bei deren Auftauchen - sie kamen um eine Ecke gebogen - ein kleines Logbuch sowie eine Dose schnell verschwinden ließen und ganz unschuldig taten - denn vermutlich handelte es sich bei ihm um einen "Geochache - Muggel"... Nach kurzer Begrüßung gingen die drei weiter. Als die Familie außer Sichtweise war, wurde dann weiter geloggt und die Dose wieder an Ort und Stelle versteckt.
Das kleine Kindelein findet geocachen eigentlich nicht so spannend. Zumindest, wenn man zu Hause plant und darüber redet, bald zum Geocachen aufzubrechen. Aber wehe, wir sind im Wald und der Cache ist nah! Oft ist sie die erste, die losläuft und sie fand an diesem Tag zwei von vier Caches. Und war sehr glücklich. Naja, fast... Wir Großen und das größere Kindelein haben einen Stempel, mit dem wir unseren Besuch "loggen". Beim ersten Cache war das kleinere Kindelein schon enttäuscht,dass sie eben keinen solchen besitzt.

Ob hier wohl was versteckt ist?





Auf dem Heimweg kamen wir hier vorbei, man kann prima die Lichtung im Bild hinten links sehen. Dort starten häufig  - wenn denn die thermischen Bedingungen das zulassen - Paraglyder, nur wenige Autominuten von der großen Stadt entfernt.


Und ein Stückchen weiter rechts sieht man diese beiden Wassertürme, in deren Nähe unser Haus steht. 


Ganz nah beim Auto fanden wir dann diese beiden netten Schilder, das eine verwachsen im alten Baum....


.... und das andere - ein zwar offizielles, aber veraltetes Wanderparkplatzschild. 1992 wurde das Bild darauf eigentlich ersetzt durch zwei Strichmännchen - Wanderer. Aber ich mag dies hier viel lieber.

Am Ende haben wir vier Dosen gehoben und zusätzlich nochmal zwei -die wir bereits beim letzten Mal fanden - nochmals besucht, um Bonus Koordinaten zu notieren, damit wir bald den Bonus Cache zu dieser Runde auch noch suchen können.

Mittwoch, 5. April 2017

Vom Vergessen

Es kam schleichend, das Vergessen. Gespräche wurden mehrmals geführt. Gehörtes vergessen. Aber nun, sie wird älter, dachte ich. Die Brille war hier und da. Aber - war meine das nicht auch allzu oft schon? Fragte ich doch so häufig früher (bevor ich die geliebte, obergemütliche superverglaste Brille hatte) HerrnNebeL, wo denn meine Brille sei. Ganz normal vielleicht?!
Dann kamen die Zettel. Mal hier und mal da. Der Kalender nahm an Wichtigkeit zu. Die Zettel auch. Manchmal auch mehrere Zettel zu ein und demselben Thema. Und - wundersamerweise verschwanden auch die Zettel. Und weiterhin die Brillen. Gezogene Parkscheine verschwanden auch - und sie musste mehr als mehrmals den Tagessatz an Parkgebühr zahlen. Aber ich doch auch schon mal. Das kann ja mal passieren. Oder? 
Irgendwann war das Schönreden nicht mehr möglich. Und ganz eigentlich wussten wir schon lange, dass es ein Schönreden war. Heute vergisst sie, das Licht zu löschen. Überall. Vergisst, die Garage zu schließen. Vergißt Termine, trotz Kalender. Trotz Zetteln. Nicht immer. Aber immer wieder. Gespräche werden zur kaputten Schallplatte. Mal mehr, mal weniger. Wenn sie ein Kindelein einsammeln soll, kann ich mich nicht mehr darauf verlassen. Ich rufe sie vorher an, bitte sie, noch dies und das mitzunehmen, wenn sie das Kind irgendwo abholt, kurz bevor sie fahren muss. 
Geschenke, die sie verstaut, bevor der Anlass des Schenkens da ist, sind oftmals verschollen. 
Die Zusammenstellung der Wäsche hat sich verändert. Kaum mehr Ordnung, ein ziemliches Durcheinander. Sie wäscht seit jeher viel, auch für uns. Jeder Widerstand war zwecklos. Heute aber verursacht das phasenweise mehr Chaos als alles andere. Manchmal wäscht sie ohne Waschmittel. Manchmal vergisst sie, die Wäsche einzuschalten. Und faltet später die "frische", jedoch die de facto ungewaschene Wäsche wieder zusammen. Manchmal ist aber auch alles gut. 
Ein großer Teil ihrer Tage besteht manchmal aus Suchen. Und wenn ein Ding aufgetaucht ist, so sucht sie das nächste.
Manchmal weiss sie selber, dass sie vergisst. Aber auch sie redet es sich schön. Bagatellisiert. Verdenken kann ich es ihr nicht. In solchen Momenten bin ich ehrlich, aber nicht schonungslos. In den meisten anderen Momenten ist alles, wie es ist. Ich konfrontiere nicht. Ich diskutiere nicht, ich gehe mit ihr, trage ein Stück Alltag in unserem Zusammenleben. Lösche die Lichter, kontrolliere manche Stelle, wasche und falte erneut, nehme Geschenke an mich und verstaue für sie. 
Noch ist sie nicht allein, noch hat ihr Alltag Struktur, noch ist ihr Mann nahezu immer da. Aber das wird sich ändern. Vielleicht ganz bald, vielleicht ein wenig später. Ich fürchte mich sowieso vor dieser Zeit. 
Aber die Zeit danach fürchte ich wohl erst recht - in der Annahme, dass das Vergessen dann noch mehr Vergessen sein wird, als es heute bereits ist.

WMDEDGT - April 2017

FrauBrüllen fragt wieder: "Was Machst Du Eigentlich Den Ganzen Tag?" Mein Tag sieht heute so aus:

Ein normaler Arbeits- und Schultag im Hause NebeL. Der erste Wecker klingelt um 05:40, der letzte um 06:13. Nach der allgemeinen Morgenroutine verlässt das große Kindelein das Haus um sieben, ich folge ihr kurz danach und lade den Kofferraum voll mit Leergut. Um 07:20 stehe ich vor dem hiesigen Getränkeladen - der leider nicht wie der REWE, zu dem er gehört, bereits um 07:00 Uhr öffnet. Also fahre ich unverrichteter Dinge wieder ab in Richtung meiner Arbeitsstelle. Währenddessen wird HerrNebeL aufgebrochen sein, das kleine Mädchen zur Schule zu fahren. Ich kehre beim Bäcker ein, kaufe ein Laugengebäck und fahre dann durch Wald und Feld in die 20 km entfernte Stadt zur Klinik. Immer wieder genieße ich diese Fahrt, vor allem im Morgenlicht mit leicht aufsteigenden Nebeln. Ich überlege kurz, ein Foto zu schießen, aber an den Stellen wo es schön ist, bietet sich leider kaum eine Gelegenheit, anzuhalten. Also kein Foto für Sie :-). An der Ampel stehend versuche ich die mich seit einiger Zeit begleitende kleine Spinne nach draussen zu bugsieren, was zum wiederholten Mal leider nicht gelingt. Also bleibt sie weiterhin meine kleine Begleiterin. In der Klinik angekommen, kümmere ich mich zunächst um neue Arbeitskleidung für die Kolleginnen, die ihr Büro in meiner Nähe haben und mich. Die Wäschekammer ist nur begrenzt geöffnet und jeder kümmert sich mal darum.  Anschließend checke ich meinen Dienstplan: die zu behandelnden Patienten werden größtenteils von einem zentralen Planungsbüro auf die Kolleginnen verteilt. Heute kenne ich bis auf eine Dame alle Patienten und bereite die Therapiematerialien für den Tag vor. Die Zeit auf meiner Station muss ich selber in einem separaten Programm verplanen, was ich anschließend ebenfalls tue. Dann ist es Zeit, den ersten Kaffee zu machen, kurz mit Kolleginnen zu quatschen und nach oben auf die Station zu gehen. Der Stationsalltag startet dann mit einer ersten Besprechung zwischen Ärzten, Pflege und den Therapeuten aus verschiedenen Therapiebereichen. Am Vormittag behandele ich heute 6 Patienten, wobei sich herausstellt, dass die Ehefrau eines Patienten mit meiner Tante zur Schule gegangen sein muss. Das besonders Schöne daran ist, dass der Patient in der Lage ist, mir dies vollkommen verständlich mitzuteilen - obwohl er vor wenigen Wochen nichts weiter als "ja" zu sagen vermochte. 
Meine Mittagspause verbringe ich heute allein, da ich dringend einen Patienten beim Mittagessen begleiten muss und dies in dem Fall erst um 12:30 möglich ist. Ich stelle fest, dass es durchaus auch etwas für sich hat, beim Essen alleine im stillen Teamraum zu sitzen. Am Nachmittag folgen noch 4 weitere Patientenbehandlungen. Zwischendurch bereite ich noch etwas für den nahenden Abschied des Oberarztes vor. Zum Feierabend hin dokumentiere ich Verschiedenes, desinfiziere ein Kommunikationsgerät, was ich an einen Patienten ausgeliehen hatte und ziehe mich um. Wieder einmal gelingt es mir nicht so recht, die Klinik pünktlich zu verlassen - ich wundere mich wirklich oft über manche Kollegin, die 5-10 Minuten vor Dienstschluss umgezogen ist und quasi nur darauf wartet, das Haus zu verlassen. Oder es verlässt. Nun ja. So muss ich mich wieder beeilen - ich fahre wieder zurück durch Wald und Felder, komme an meinem Zuhause vorbei, düse aber weiter zur Schule des kleineren Mädchens. Meist ist das die Zeit am Tag, in der ich ein klein wenig abbaue und sehr müde werde. Es sei denn, es zeichnet sich ab, dass ich spät dran bin - dann bin ich eher aufgeregt. Während der Fahrt krabbelt wieder mein blinder Passagier über die innere Windschutzscheibe. Für eine weitere Rettungsaktion bleibt keine Zeit. Morgen vielleicht wieder. Ich komme fast pünktlich an der Schule an und sammele das Kindelein ein. Da das große Kind den Bus verpasst hat, besorgen das kleine Kind und ich drei kleine Eisbecher und fahren zum Mittwochstreffpunkt mit dem großen Kind - ihre Busstrecke liegt auf meinem Weg und so steigt sie aus, um mit uns gemeinsam heim zu fahren. Um zwanzig vor fünf sind wir zu Hause. Ein Kind geht draussen schaukeln, das andere Kind schnappt sich die angekommene Geolino Zeitung und liest. Ich trinke kurz einen Kaffee bei meinen Eltern. Meist bin ich ein wenig in Hab acht Stellung - wie auch heute - wenn ich heimkomme, weil sich immer wieder kleinere und größere Sorgendinge abzeichnen. Wie beispielsweise "frisch" zusammengefaltete, aber ungewaschene Wäsche. Verloren gegangene Verlegte  Geldbörsen, Parkscheine, Brillen oder Handtaschen sind sowieso an der Tagesordnung. Heute scheint alles gut bislang. Der Stiefvater war bereits unterwegs zur Bestrahlung, und die Mutter wird  um halb sechs von einer Freundin zum auswärtigen Abendessen abgeholt . Anschliessend fahre ich noch schnell los, das Leergut loszuwerden und Getränke für die Eltern zu besorgen. Das große Kind beginnt, ein Bananenbrot nach einem im Geolino entdeckten Rezept zu backen; das  kleine Kind verschwindet unter der Dusche. Mittendrin kommt HerrNebeL heim, es tönt etwa 12-14 23 Mal "Mama" oder "Mima" aus verschiedenen Räumen mit verschiedenen Anliegen.  Ich beschließe, dass es zum Abendessen eine Brotzeit gibt - mittwochs ist einer der wenigen Wochentage, an denen es zeitlich auch möglich wäre zu kochen - das passt meist aufgrund der diversen Nachmittagstermine nämlich nicht. Nach dem Abendessen wird HerrNebeL zum Sport gehen, ich werde irgendwie drei Tage zu je neun Stunden Kinderbetreuung für die nächste Woche organisieren müssen, weil die Kinder dann bereits Ferien haben - wir Eltern allerdings noch nicht. DIe Kinder werden von mir zu Bett gebracht, was heisst, dass ich eine Weile lang neben dem kleineren Mädchen liegen werde, bis sie eingeschlafen ist. Sollte ich dabei nicht selber einschlafen, gehe ich auch noch eine Weile zum großen Mädchen ins Bett.  Danach wird mich mein Sofa rufen - dank englischer Woche mit Fußball. Allerdings muss ich noch entscheiden, welches Spiel ich ansehen werde, da meine Favoriten bereits gestern gespielt haben. Irgendwann zwischen vermutlich 23:00 und 01:00 Uhr werde ich mit dem aktuellen Hörbuch einschlafen.

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